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14/01/2016 05:25 CET | Aktualisiert 14/01/2016 17:00 CET

Der Erziehungskollaps: Warum Eltern endlich erwachsen werden müssen

Eine Mutter mit ihren beiden Kindern
Roger Wright via Getty Images
Eine Mutter mit ihren beiden Kindern

„Mama, ich will das haben!“ Das Kind an der Kasse vor mir hält seiner Mutter ein buntes Heftchen vor die Nase. „Schatzi, könntest du mir bitte einen Gefallen tun und das weglegen“, fragt die Mutter. "Du kannst doch noch gar nicht lesen“.

Das kleine Mädchen fängt daraufhin an, zu quengeln. „Wieso willst du das denn haben?“ „Da ist das da drin“, ruft das Mädchen und deutet auf das Gratis-Spielzeug.

Die Mutter zögert.

Dann seufzt sie, nimmt das Heftchen und legt es auch auf das Band. „Wir kaufen es, aber du bekommst es erst, wenn du dein Abendessen gegessen hast“, sagt sie noch zu ihrer Tochter.

Das ist nur eine kleine, unbedeutende Geschichte, aber sie zeigt, wer in den modernen Familien von heute das Sagen hat: Die Kinder.

Eltern wollen ihren Lieblingen nichts abschlagen und ihnen alles geben.

Das Kind soll seine Persönlichkeit frei entfalten können. Militärische Befehle, denen die Kinder blind zu folgen haben, sind verpönt. Zu Recht. Trotzdem ist Erziehung heute oft ein Resignieren und Bestechen.

Laut dem einflussreichen kanadischen Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher Gordon Neufeld hat das böse Folgen. Wenn Kinder alles selbst entscheiden können, tut das nicht immer gut. Ständig stehen sie vor der Wahl: Soll es heute Abend Nudeln geben oder Reis? Wollen sie einen Ausflug machen oder lieber vor dem Fernseher sitzen?

Was das mit der Psyche der Kinder macht, ist vielen Eltern nicht klar. „Sie fühlen sich nicht gut versorgt und sie fangen an, die Alpha-Rolle zu übernehmen“, sagt Neufeld.

Die Idee hinter dieser modernen Art der Erziehung klingt so gut: Wir wollen unsere Kinder zu selbstbewussten Menschen erziehen. Die Beziehung zwischen Eltern und Kind soll eng sein und nicht durch Verbote gegängelt werden. Das Credo der modernen Erziehung lautet: Strikter Gehorsam ist schlecht, kritisches Hinterfragen ist gut.

Was viele dabei vergessen: Bis zu einem gewissen Alter sind Kinder einfach noch zu klein, um selbst zu entscheiden. „Kleine Kinder können noch nicht rational denken”, sagt Neufeld. Natürlich wollen sie lieber Schokoladenkuchen als Brokkoli. Woher sollen sie auch wissen, dass gesundes Essen wichtig für ihren Körper ist?

Immer mehr Kinder in Deutschland sind zu dick – die Zahl der Schulanfänger mit Übergewicht hat sich hier in den vergangenen 25 Jahren verdoppelt. Das Problem dabei: Die überflüssigen Kilos werden sie so schnell nicht mehr los. Und sie haben später ein erhöhtes Risiko, an Diabetes und Herzkrankheiten zu erkranken.

Auch die gesellschaftlichen Erwartungen spielen bei der Erziehung eine große Rolle.

Die Gesellschaft. Natürlich. Einmal sah ich einen Mann, der eine junge Mutter anfauchte, weil sie ihrem weinenden Kind in der U-Bahn keine Süßigkeiten geben wollte. „Das arme Kind“, echauffierte sich der Mann. „Ich kann ihm nicht alles geben, es tut ihm nicht gut, rechtfertigte sie sich." Und muss sich wie eine Rabenmutter vorgekommen sein.

Darf eine Mutter ihrem Kind keine Grenzen mehr setzen?

Immer wieder fragen sich Eltern, ob sie alles richtig machen – Erziehungsexperten und Studien widersprechen sich, von allen Seiten. Auf wen also hören? Katie Hurley, eine Psychotherapeutin aus Los Angeles schrieb in ihrem Buch: „How to raise Joyful Children in a Stressful World“ („Wie erziehe ich meine Kinder in dieser stressigen Welt, fröhlich zu sein?“):

„Wir sind darauf eingestellt, uns immer zu hinterfragen. Wir suchen immer nach zusätzlichen Informationen zu Sachen, um sicher zu gehen, dass wir das Richtige tun. Deswegen sind Eltern in einem Status gelernter Hilflosigkeit.“

Hilflose Eltern sind keine Hilfe für ihre Kinder. Sie sollten einfach darauf vertrauen, dass sie wissen, was das Richtige für ihr Kind ist.

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