POLITIK
11/01/2016 13:29 CET | Aktualisiert 11/01/2016 13:29 CET

"Lebenslüge einer ganzen Generation": So rechnet ein großer Denker ab

dpa
"Lebenslüge einer ganzen Generation": So rechnet ein großer Denker ab

Geben wir es zu: Was wir in Deutschland gerade erleben, überfordert uns. Es passiert vieles, das vor einigen Jahren noch unvorstellbar war.

Fremdenfeindlichkeit hat sich in der Mitte der Gesellschaft ausgebreitet. Sicherheit und Ordnung scheinen plötzlich nicht mehr selbstverständlich zu sein. Weil allein dieses Jahr eine Million Menschen nach Deutschland geflüchtet sind und uns vor große Herausforderungen stellen.

In dieser Zeit kann es ratsam sein, innezuhalten und Orientierung zu suchen in Bereichen, die im Alltag oft an Bedeutung verlieren. In der Philosophie zum Beispiel, die sich schon seit Anbeginn der Menschheit damit beschäftigt, wie wir mit Problemen umgehen sollen.

Der Philosoph Wolfram Eilenberger hat im "Philosophie Magazin" 27 Wissenschaftler und Denker versammelt, die sich mit der aktuellen Lage in Deutschland beschäftigen. Und auch er selbst hat dazu sehr weise Worte zu sagen, wie er im Gespräch mit Spiegel Online zeigt. Zur Flüchtlingskrise sagt er:

Wir sind am Ende der zentralen Lebenslüge einer ganzen Generation von Europäern angelangt. Ich bin jetzt 43 Jahre alt. Wie viele andere habe ich mir vorgemacht, das konkrete Leid, das in den Ländern des Nahen Ostens, Asiens und Afrikas den Alltag von Milliarden Menschen prägt, ließe sich für die kommenden Jahrzehnte lebensweltlich auf Distanz halten. Wir hegten die Illusion eines Kerneuropas als mauerloser Paradiesgarten in einer Welt des Elends. Damit ist es vorbei."

Und es stimmt: Was wir in den Nachrichten aus Krisenregionen gesehen haben, wirkte immer weit weg. Krieg, Hunger, Zerstörung - das alles schien Deutschland nicht zu berühren. Wir wurden immer reicher, während es Menschen dort immer schlechter ging. Das Leid war das Leid der anderen. Doch das ist eine Täuschung und was wir jetzt erleben, wird erst der Anfang sein.

Irgendwann werden Menschen aus anderen Erdteilen nicht mehr nur vor Krieg und Armut zu uns fliehen. In vielen Regionen werden sie Umweltkatastrophen und Ressourcen-Knappheit zwingen, sich eine neue Heimat zu suchen. Und wir werden alle näher zusammenrücken müssen.

Doch was tun? Die Stimmung in Deutschland scheint jeden Tag aggressiver zu werden. Eine normale Diskussion ist nicht mehr möglich. Auch dafür findet der Philosoph sehr richtige Worte. Zu Spiegel Online sagt Eilenberger:

Gerade die Flüchtlingsthematik wird von einer infantilen Diskurskultur beherrscht, von wechselseitigen Unterstellungen, Häme, Beschuldigung, naiver Besserwisserei und Verhärtung. Fast alles, was sachlich nötig wäre, gerät in diesen Sandkastenlogiken aus dem Blick. Es wäre ein erwachsener Anfang, sich zunächst eine grundlegende Perplexität einzugestehen. Wir bewegen uns derzeit alle auf schwankendem Grund. Das erfordert eine besondere Wachheit und Gelenkigkeit, gerade in Bezug auf eigene Überzeugungen. Es erfordert die Bereitschaft, Unrecht zu haben.

Fangen wir doch damit an. Holen wir kurz Luft und gestehen uns ein: Wir wissen nicht genau, wie es weitergehen wird. Aber kopflos finden wir sicher keine Lösung. Es ist Zeit, erwachsen zu werden.