POLITIK
10/01/2016 09:23 CET | Aktualisiert 11/01/2016 02:43 CET

11 traurige Fakten zu sexueller Gewalt gegen Frauen

11 traurige Fakten zu sexueller Gewalt gegen Frauen
Discha-AS via Getty Images
11 traurige Fakten zu sexueller Gewalt gegen Frauen

Seit der Silvesternacht in Köln wird endlich wieder öffentlich über sexuellen Missbrauch von Frauen diskutiert. Auch darüber, dass man nicht nur gegen Vergewaltigungen, sondern auch gegen Begrapschen in der U-Bahn oder Beleidigungen vorgehen muss. Diese traurigen Fakten zeigen, dass der Dialog längst fällig ist.

1. Jede dritte Frau in der EU ist seit ihrer Jugend Opfer von sexueller oder körperlicher Gewalt geworden. Das geht aus einer Studie von 2014 der „EU-Grundrechte-Agentur“ (FRA) hervor. Betroffen sind also etwa 62 Millionen Frauen europaweit. Unter sexueller Gewalt wird in der Studie aber nur Vergewaltigung oder versuchte Vergewaltigung verstanden. Übergriffe wie kurze Griffe in den Intimbereich in der U-Bahn wurden also nicht erfasst.

2. Jede 20. Frau gab an, Opfer einer Vergewaltigung geworden zu sein - das entspricht einem Anteil von fünf Prozent und neun Millionen Opfern.

3. Ein Großteil der Taten findet im „sozialen Nahraum“ statt – also innerhalb der Familie. Laut dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen (KFN) nahm der Anteil von verwandten Tatverdächtigen unter den aufgeklärten Fällen in Deutschland in den letzten 20 Jahren von 7,4 auf 27,9 Prozent zu. Die Zahl der fremden Tatverdächtigen sank dagegen von 30 Prozent auf 18 Prozent.

4. 22 Prozent der Befragten der FRA gaben an, körperliche oder sexuelle Gewalt durch den eigenen Partner erfahren zu haben. Dabei handelt es sich selten um Einzelfälle. Laut der FRA werden die Übergriffe in Beziehungen oft zum Alltag. Selbst Schwangere seien betroffen.

5. In Berlin muss die Polizei täglich 35 bis 40 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken. Bezogen auf ein Jahr können das über 14.000 Einsätze sein. Bei einem Großteil der Fälle sind Frauen die Opfer. Das berichten Hildegard Hellbernd und Karin Wieners im „Jahrbuch für Kritische Medizin“.

6. Zwischen 22 und 29 Prozent der Frauen erfahren schon vor dem 16. Lebensjahr sexuelle Erlebnisse, denen sie nicht willentlich zugestimmt haben. Das zeigt ein Vergleich von verschiedenen sogenannten "Dunkelfelduntersuchungen" von Dirk Bange. Bei Großstadtjugendlichen sei der Wert wesentlich höher, die Tendenz ist steigend. Zum Vergleich: Bei den männlichen Teenagern erfahren nur zwischen vier und acht Prozent sexuellen Missbrauch vor ihrem 16. Geburtstag.

7. Die wenigsten Frauen wagen, gegen den Missbrauch vorzugehen. Die meisten schämen sich zu sehr, um zur Polizei zu gehen. "Viele Frauen denken sich, sie haben etwas falsch gemacht", bestätigt Katja Grieger, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe und "Frauen gegen Gewalt e.V." im Interview mit der Huffington Post: "Man gibt sich selbst die Schuld an dem, was passiert ist."

8. Zwischen 2001 und 2012 wurden jährlich circa 8000 Vergewaltigungen angezeigt. Das zeigt eine Fallanalyse des Bundesverbandes Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe (BFF), die der Huffington Post vorliegt.

9. Auf nur 8,4 Prozent der Anzeigen folgt auch eine Verurteilung des Täters. Das geht aus einer bundesweiten Analyse zur Strafverfolgung der KFN zu den Zahlen von 2001 bis 2012 hervor. Das bedeutet, dass aus den 8000 Anzeigen pro Jahr durchschnittlich nur 986,5 Verurteilungen folgten. Anklage wurde in durchschnittlich 1314 Fällen erhoben. Vor zwanzig Jahren konnten noch 21,6 Prozent der Frauen eine Verurteilung des Täters erleben.

Trotz einer gestiegenen Zahl an Anzeigen gibt es seit den 1980er-Jahren keinen Anstieg der Anklagezahlen. Das zeigt: Die meisten Anzeigen enden mit einer Einstellung des Verfahrens durch die Staatsanwaltschaft oder gelangen gar nicht zu einem Prozess.

10. Es gibt Schutzlücken im Gesetz. Im deutschen Sexualstrafrecht ist bei Weitem nicht alles erfasst, was die persönlichen Grenzen von Frauen verletzt. Seit Jahrzehnten beobachtet Grieger, Geschäftsführerin des BFF, dass sexuelle Übergriffe wie auch in Köln oft im öffentlichen Raum stattfinden. „Der Griff zwischen die Beine in der U-Bahn ist zum Beispiel in Deutschland straffrei“, sagt sie.

Sexuelle Handlungen gegen den Willen der Frauen alleine reichen als Tatbestand nicht aus: Betroffene müssen sich klar und beweisbar durch Hilferufe und zum Beispiel Schläge oder Tritte wehren. Das ist im „Vergewaltigungsparagraphen“ 177 des Strafgesetzbuches festgesetzt.

11. Die Schuld liege oft bei den Gerichten. Laut der KFN ist eine Ursache dafür eine Rechtsprechung von 2006. Damals hatte der Bundesgerichtshof eine Verurteilung wegen Vergewaltigung aufgehoben und so begründet: Dass „der Angeklagte der Nebenklägerin die Kleidung vom Körper gerissen und gegen deren ausdrücklich erklärten Willen den Geschlechtsverkehr durchgeführt hat“, belege „nicht die Nötigung des Opfers durch Gewalt. Das Herunterreißen der Kleidung allein reicht zur Tatbestandserfüllung nicht aus“.

Seit diesem Urteil habe es viele Fälle gegeben, in denen die Gerichte den Vergewaltigungsparagraphen 177 ebenfalls sehr eng ausgelegt haben. Deshalb setzen sich der Bundesverband Frauennotrufe und Frauenberatungsstellen sowie Terre des Femmes seit Jahren für eine Reform des Paragraphen ein.

Die sexuellen Übergriffe in Köln waren abscheulich und frauenverachtend. Und sie sind keine Ausnahme in Deutschland. Verbale und körperliche Belästigung sind trauriger Alltag für Frauen. Ob samstags im Club, in der U-Bahn, auf den Straßen.

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