POLITIK
11/01/2016 08:11 CET | Aktualisiert 11/01/2016 08:33 CET

Deshalb wird David Bowie in Deutschland unvergessen bleiben

Was muss das für eine wilde Zeit gewesen sein.

Wenn die älteren West-Berliner den neu Zugezogenen ihre Erhabenheit über Zeit und Raum präsentieren möchten, erzählen sie oft von jenem Morgen in den späten 70er-Jahren, als sich David Bowie und Iggy Pop am U-Bahnhof Gleisdreieck gegenseitig die Seele aus dem Leib geprügelt haben sollen.

Der erste dieser älteren Berliner sagt: „Ein Freund war dabei.“ Der zweite sagt: „Ich hab's selbst gesehen!“ Und der dritte lächelt: „Ich habe die beiden voneinander getrennt!“

Ob es die legendäre Keilerei gegeben hat, weiß bis heute niemand mit hundertprozentiger Sicherheit. Aber normalerweise sind Berliner nicht darauf fixiert, mit der Nähe zu Stars zu prahlen. Im Gegenteil: Der Hauptstädter an sich definiert sich eher über sein gelassenes Verhältnis zu Prominenz. Doch David Bowie war ein Weltstar, und da schlug selbst beim kodderigsten Großkotz das Herzchen ein wenig höher.

Der einflussreichste Individualist aller Zeiten

David Bowie war einer der kommerziell erfolgreichsten Popstars aller Zeiten, er hat im Laufe seiner Karriere mehr als 140 Millionen Platten verkauft. Der Brite wurde am 8. Januar 1947 in Brixton (England) geboren, auf den Tag genau zwölf Jahre nach Elvis Presley.

Schon mit seiner ersten Single sorgte er Ende der 60er-Jahre für Aufsehen: „Space Oddity“, die herrlich futuristisch-verträumte Geschichte von Major Tom, der sich in den Weiten des Weltalls verliert. Schon dieser Song war kaum einen Genre zuzuordnen. Blues? Rock? Psychedelisch? „Space Oddity“ verweigerte sich jedem Schubladendenken.

Und damit stand er programmatisch für das, was den späteren Bowie ausmachen sollte: Die Verweigerung gegenüber herkömmlichen Rollenbildern. Wahrscheinlich war Bowie der einflussreichste Individualist, den die Welt bisher gesehen hat. Seine Botschaft war der ständige, kreative Wandel. Schon Jahrzehnte vor Madonna erfand er sich ständig neu.

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(Unzählige Fans versammeln sich zu einem Konzert des britischen Rockmusikers David Bowie im Juni 1987 vor dem Reichstagsgebäude in West-Berlin)

Anfang der 70er-Jahre trat er als androgynes, zerbrechliches Bühnenwesen auf („The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“, 1971), Mitte der 70er widmete er sich wieder verstärkt dem Blues und dem Soul. Ab 1976 wohnte er mehr als zwei Jahre lang in Berlin-Schöneberg.

Pionier der Digitaltechnik

Diese Zeit wird heute oft als die prägendste und kreativste Phase in Bowies Karriere bezeichnet. Gleich zu Beginn machte er in einer Wohnung im Bayerischen Viertel einen kalten Entzug von seiner Heroinsucht, später bewohnte er eine Siebenzimmerwohnung in der Hauptstraße 155 in Schöneberg. Sein Nachbar war übrigens in dieser Zeit tatsächlich Iggy Pop.

In West-Berlin entstand seine so genannte „Berliner Trilogie“, die mit dem Album „Low“ begann, das er in den Hansa-Studios aufnahm. „Heroes“ ist bis heute eines der bekanntesten Bowie-Alben. Der gleichnamige Titelsong ist zugleich eines der populärsten Stücke, die Bowie je aufgenommen hat.

Kaum ein anglophoner Weltstar im Musikbusiness hatte so eine enge Bindung zu Deutschland wie Bowie.

Abseits der Musik entwickelte sich in diesen Jahren auch Bowies Schauspielkarriere. So spielte er an der Seite von Marlene Dietrich in „Schöner Gigolo, armer Gigolo“. Später hatte Bowie einen Cameo-Auftritt in der Buchverfilmung von „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“.

Kommerzieller Ruhm in den 80er-Jahren

Zur Künstler-Legende wurde Bowie dann in den 80er-Jahren, als er eine Reihe von kommerziellen Erfolgen hatte, die ihm bis heute auch bei den Nachgeborenen einen gewissen Bekanntheitsgrad sichern: „Let's Dance“ etwa von 1983, oder „China Girl“, das Bowie zusammen mit Iggy Pop in Berlin geschrieben hatte. Jetzt war Bowie ein Popstar, der sich bisweilen dandyhaft gab.

In den späten 80er-Jahren wurde es nach einigen Verkaufs-Flops stiller um Bowie. Jahrelang schien es, als ob seine Musik nicht den Weg zurück zum Massenmarkt finden könnte. In den Nullerjahren jedoch gelang ihm ein Comeback mit erfolgreichen Tourneen und technischen Innovationen.

So avancierte er mit der Livepräsentation seines Albums „Reality“ im Jahr 2003 zu einem der Pioniere der Digitaltechnik.

Zu seinem 66. Geburtstag am 8. Januar 2013 veröffentlichte er erstmals nach zehn Jahren wieder eine Single: „Where are we now“ ist eine Hommage an seine Berliner Zeit.

Und noch vor drei Tagen kam sein neues Album „Blackstar“ auf dem Markt. Es wird nun sein musikalisches Vermächtnis sein.

An der Hauptstraße 155 in Schöneberg brannten am Montagmorgen, kaum eine Stunde nach dem Bekanntwerden der Nachricht von David Bowies Tod, schon Kerzen. Bowie war hier vor knapp 38 Jahren ausgezogen. Aber was kümmert das schon. Er war eben ein Weltstar, den Berlin nicht vergessen wird.

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