POLITIK
10/01/2016 04:44 CET | Aktualisiert 10/01/2016 04:47 CET

Trump im US-Präsidentschaftswahlkampf: Das Unmögliche könnte 2016 tatsächlich eintreten

WASHINGTON – Wer in den Bundesstaaten der USA lebt, in denen die ersten Vorwahlen stattfinden, bekommt im Fernsehen fast nur noch Wahlwerbespots zu sehen, wird am Festnetztelefon mit Wahlkampfbotschaften überhäuft und kann nicht mal mehr in Ruhe E-Mails abrufen oder auf Facebook surfen. Bald schon werden die Menschen dort nicht einmal mehr zur Haustür hinausgehen können, ohne auf einen freiwilligen Wahlhelfer zu stoßen.

Amerika steht am Beginn eines extravaganten, komplizierten und anstrengenden Wahljahrs – und das direkt nach einem extravaganten, komplizierten und anstrengenden Vorwahljahr. Der Zirkus wird erst im November aufhören. In keinem anderen Land dauert es so lange, bis ein Regierungsoberhaupt gewählt ist. Und in diesem Jahr sind die amerikanischen Wähler so verärgert, pessimistisch, verängstigt und zynisch wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr.

trump

Zuschauer halten Schilder hoch, um sie von Donald Trump, dem Kandidaten der wütenden Wähler, signieren zu lassen. Aufgenommen bei einer Kundgebung in Cedar Rapids, Iowa am 19. Dezember.

Die Vereinigten Staaten haben sich, mehr oder weniger, von der umstrittenen und beinahe verheerenden Wahl im Jahr 2000 erholt, von den Terrorangriffen 2001 und von der Weltwirtschaftskrise 2008. Doch in den Legislaturperioden von George W. Bush und Barack Obama, die direkt aufeinander folgten, konnten weder die amerikanischen Institutionen repariert noch längerfristige Hoffnungen geschürt werden.

Heute verbleiben nicht einmal mehr 30 Tage bis zu den ersten Vorwahlen in Iowa und es fühlt sich so an, als sei etwas zerbrochen, was seitdem nicht wieder zusammenwachsen konnte. Das Vertrauen Amerikas in sich selbst ist verloren. Stattdessen gibt es Republikaner, deren stolzes Auftreten eher von Verunsicherung zeugt als von Stärke, und Demokraten, deren Ernsthaftigkeit schon beinahe naiv wirkt.

Wähler sind skeptischer denn je

Die Wähler im Jahr 2016 stehen ihren potenziellen Führungspersönlichkeiten in allen Belangen skeptischer denn je gegenüber. Sie sind geplagt von stagnierenden Reallöhnen und vertreten lauthals ihre zutiefst unterschiedlichen Meinungen, wenn es um Einwanderung, Rassenproblematik, Religion, Polizeiarbeit, Waffen, Terrorismus, Flüchtlinge und Drogen geht.

Die Art von kritischer Einstellung gegenüber den Machthabenden, die man überall auf der Welt findet (sei es in der Anfangszeit des Arabischen Frühlings oder in den düsteren nationalistischen Bewegungen in Deutschland und Frankreich) ist auch bei den Wählern in den USA deutlich zu sehen; daher fühlen sie sich angezogen von der Energie und Kraft der Kandidaten, die es sich zum Ziel gesetzt haben, die Macht der Institutionen zu zerschmettern. Seien es nun die Wall Street oder das politische Washington, die Universitäten oder die Medien.

“Die Wähler haben das Gefühl, dass sie die Kontrolle über die Welt, wie sie sie kannten, verloren haben. Das gilt für die Wirtschaft, die Kultur und das soziale Leben“, erklärt Tad Devine, einer der wichtigsten Berater von Senator Bernie Sanders, der für die Demokraten zur Präsidentschaftswahl antreten möchte.

„Also setzen sie zum Rundumschlag an. Demokraten sehen verlorene Arbeitsplätze in der Industrie, geringe Löhne, die Wall Street und die Banken als Problem. Bei den Republikanern sind es die Einwanderung, Gerichte, die die Schwulenehe unterstützen und das sogenannte „Big Government“, womit hauptsächlich höhere Bundessteuern gemeint sind“, sagt Devine.

Diese hochreaktive Gemengelage beschert „Außenseitern“ beider Parteien großen Zulauf – der oberste Außenseiter ist dabei der Immobilienmogul und Entertainer Donald Trump.

Immer wieder brachte er Medienexperten und die führenden Köpfe seiner Partei in Verlegenheit. Sie prophezeiten, dass er nicht antreten würde, dass er niemals Fahrt aufnehmen könne, dass er nicht die Kraft hätte, sich zu halten. Nun sagen sie, dass seine Unterstützer am 1. Februar bei den Vorwahlen in Iowa nicht zur Wahl gehen werden und dasselbe gelte auch für New Hampshire eine Woche später.

Vielleicht wird es so kommen, aber momentan ist er der aussichtsreichste Kandidat der Republikaner für den Präsidentschaftswahlkampf.

Nur in Amerika kann ein Mann, der nach eigenen Angaben ein Vermögen von 10 Mrd. Dollar (ca. 9,3 Mrd. Euro) besitzt, sich selbst als „Außenseiter“ bezeichnen. Doch die Bevölkerung ist so angewidert von der Politik, den Politikern und Washington, dass beachtlich viele Republikaner bereit sind, ihn ernst zu nehmen.

Ted Cruz arbeitet sich immer weiter nach oben

Nur in angsterfüllten, kaltherzigen Zeiten wie diesen kann Trump mit seinem unverblümten Rassismus und seinen offen ausgedrückten religiösen Vorurteilen zum Meinungsführer im Wahlkampf werden. Mit seiner Ausdrucksweise fegte er das gesamte restliche Feld der republikanischen Anwärter von der Bildfläche, sodass diese sich nur noch darin messen, wer ähnlich dramatisch über die Stränge schlagen kann wie Trump.

In diesem Wettkampf innerhalb des eigentlichen Wettkampfs arbeitet sich der texanische Senator Ted Cruz immer weiter nach oben, indem er mit seinen vor Gift und Galle strotzenden Aussagen versucht, die Technokraten-Version von Trump darzustellen. Ted Cruz ist genauso vorurteilsbehaftet wie Trump, aber er stellt sich als schlagkräftiger und handlungsfähiger dar, weil er schon drei Jahre im US-Senat saß und ein Ausnahmestudent in Harvard an der juristischen Fakultät war.

Wie es scheint, legen auch konventionellere Kandidaten wie Senator Marco Rubio aus Florida und Gouverneur Chris Christie aus New Jersey ganz langsam in den Umfragen zu, indem sie den Stil und die feindselige Ausdrucksweise von Trump und Cruz imitieren.

Clinton hat - noch - die besten Chancen

Über allem schwebt, im Moment zumindest, Hillary Clinton – nach wie vor hat sie der gängigen Meinung nach die besten Chancen, die nächste Präsidentin zu werden.

Die ehemalige First Lady/Senatorin/Außenministerin hat sich sehr gut vorbereitet und versuchte, die Unruhen innerhalb der Demokratischen Partei hinsichtlich des wirtschaftlichen Kurses mit soliden politischen Strategievorschlägen zu schlichten, wodurch sie ganz sachte auf die Seite der Wall-Street-Kritiker rückt. Aber die Stimmung im Land kann ihr leichter zum Verhängnis werden als ihre Anhänger zugeben oder unabhängige Analysten wahrhaben wollen.

Dies sind keine guten Zeiten, um die Verkörperung des politischen Insiders zu sein – denn genau das ist sie. Hillary und ihr Mann haben im Lauf der Jahrzehnte in der Politik sehr viel Wohlstand angehäuft. Sie sind sehr geübt darin, wohlhabenden Geldgebern mit kleinen Gefallen entgegenzukommen, und viele dieser Geldgeber sind inzwischen zu Freunden geworden.

clinton

Clinton gehört zum ungünstigsten Zeitpunkt zum Establishment.

Bei den frustrierten Wählern kommt es allerdings nicht gut an, dass Hillary Clinton schon so lange dabei ist. Die Clintons sind schon seit 1974 auf der politischen Bühne aktiv – seit 1970 sogar, wenn man Bill Clintons Engagement als Wahlkampfhelfer in Connecticut mitrechnet, als er noch ein Jurastudent in Yale war.

„Sie und Bill stellen in jeder Hinsicht die Vergangenheit dar“, berichtet Rick Tyler, der als Berater für Ted Cruz tätig ist. „Sie sind einfach nicht mehr interessant.“

In den letzten Umfragen steht sie im direkten Vergleich sogar schlechter dar als Marco Rubio oder Ted Cruz.

Clintons klare Nominierung bei den Demokraten ist nicht so unerschütterlich wie die meisten denken. Bernie Sanders, der selbsternannte demokratische Sozialist aus Vermont, konnte im vierten Quartal 2015 beinahe so viele Spendengelder auftreiben wie Clinton, nur dass er dabei eine Rekordzahl von Kleinspenden aus dem ganzen Land verzeichnen konnte.

Von Wut geprägter Populismus

Dem von Wut geprägten Populismus von Sanders zufolge muss das „Big Government“ nicht bekämpft werden – er fordert sogar, dass der Staat mehr Aufgaben übernehmen soll. Stattdessen richtet er sich gegen die Wall Street, die Großbanken und die internationalen Großkonzerne.

Und es kommt an!

„Ich sage nicht, dass wir gewinnen werden“, sagt Devine, der Berater von Sanders, „aber uns wird man nicht so leicht los.“

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Philipp Windgassen aus dem Englischen übersetzt.

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