POLITIK
10/01/2016 17:10 CET | Aktualisiert 11/01/2016 05:07 CET

"Warum Deutschland die Wahrheit nicht sehen will": So urteilt die ausländische Presse über unseren Umgang mit Köln

dpa

Es dauerte nur wenige Stunden, bis sich der Schrecken aus Köln in alle Welt verbreitete.

Da berichteten auch internationale Medien über das, was sich in der Silvesternacht vor dem Dom und in anderen deutschen Städten ereignete. Mit einer Mischung aus Mitgefühl und Fassungslosigkeit schaute man nach Deutschland - wegen dem, was passiert war. Und wegen der Art, wie Deutschland diskutierte.

Denn nur langsam lernten hiesige Behörden, Politiker und Medien über die Ereignisse zu sprechen. Kaum ein Land in Europa tut sich so schwer damit, über die Schattenseiten der Migration zu debattieren. Besonders deutlich wurde das bei Köln - und deswegen lohnt der Blick in die ausländische Presse.

mail online

Als eine Art Fernwirkung der Nazizeit beschreibt etwa die britische "Daily Mail" in einer seitenlangen Analyse, was sich abspielte. Minutiös rekonstruiert das britische Blatt die Ereignisse. Verwunderung spricht aus jeder Zeile.

Unter der Überschrift "Warum sich Deutschland nicht der Wahrheit über die Sex-Attacken von Köln stellen kann" schreibt das Blatt:

„Die Attacken haben die Alarmglocken läuten lassen in Deutschland. Welche Konsequenzen hat die Masseneinwanderung? Das Land wird verfolgt von seiner Schuld aus der Nazizeit und genoss seine Rolle als Retter Europas, indem es Ausländer aus dem vom Krieg gespaltenen Nahen Osten und aus Afrikas Armutsregionen willkommen hieß. (...)

Diese warmherzige Gastfreundschaft wird nun durch Angst ersetzt. Eine Gesellschaft, weltbekannt für ihre Ordnung, leidet unter den Belastungen – und fragt sich, ob sie einen Fehler gemacht hat.“

Ähnlich kommentieren die „Salzburger Nachrichten“. Darin heißt es:

"Frauenverachtung dieser Ausprägung wurde aus Ägypten berichtet, aber auch aus anderen, nicht islamischen, aber extrem patriarchalen Ländern wie Indien. Jetzt ist sie in Mitteleuropa angekommen. Das ist die Realität. Wer sie verschweigt oder ignoriert, erweist der Sache der Frauen, der Demokratie, des sozialen Friedens und schutzwürdiger Flüchtlinge keinen guten Dienst. Die Wahrheit ist den Menschen nicht nur 'zumutbar', wie Ingeborg Bachmann postuliert hat.

Die Wahrheit gegenüber den Bürgern muss in einem demokratischen Rechtsstaat jedenfalls auf den Tisch. Und in diesem Falle ganz besonders."

Und der konservative britische "Telegraph" sieht die politische Linke schon völlig verwirrt. Jahrelang habe Deutschland versucht, für die "Sünden der Vergangenheit zu büßen", indem es seine Türen für Außenseiter geöffnet habe. Doch an eine unbequeme Wahrheit müsse man sicher erstmal gewöhnen.

"Die Angriffe auf Frauen in der Neujahrsnacht in Köln stellen den deutschen Liberalismus auf die Probe. (...) Jetzt arrangieren seine Verantwortlichen sich langsam mit der Tatsache, dass einige Migranten, sogar Flüchtlinge, kriminell sein können - und dass einige Kulturen nicht problemlos auf westlichen Boden umsiedeln können. Die Linke ist angesichts dieses Dilemmas völlig verwirrt.

Sie ist zu politisch korrekt, um das Problem zu erkennen oder die Lösung zu benennen, die darin besteht, dass westliche Gesellschaften auf Integration bestehen müssen."

Die ebenfalls konservative Schweizer Zeitung "NZZ am Sonntag" rief in einem Kommentar gar zum "Kampf gegen patriarchalische Verhältnisse" auf.

"Die Polizei hielt Erkenntnisse über die Taten und Täter unter Verschluss, weil sie die Wahrheit für 'politisch heikel' hielt, linke Medien und viele Feministinnen versuchten, die für unsere Breitengrade beispiellosen sexuellen Übergriffe von Migranten zu entschärfen, indem sie sie in die 'traurige Realität' ("taz") alkoholisierter Grabscherei an deutschen Volksfesten einreihten.

Und schon war das Feld geräumt für die Politiker am rechten Rand, sich als Ritter der Emanzipation aufzuspielen, weil sie den Horror an Silvester als Chance für eine Kehrtwende in der deutschen Asylpolitik sehen. Bedroht ein organisierter Mob von Migranten Frauen in mehreren Städten, ist das kein kulturelles Missverständnis, sondern eine Machtdemonstration. Wer den öffentlichen Raum für Frauen zum Angstraum macht, will patriarchale Verhältnisse. Dagegen gilt es zu kämpfen.“

guardian

Der britische "Guardian" stellt die nicht einfache Frage:

"Mit erzkonservativen Einstellungen gegenüber Frauen von jungen arabischen Männern umzugehen ist deutlich schwieriger und bedrohlicher, als mit dem Terror. Es stellt sich die Frage, der sich eine liberale Gesellschaft nicht stellen will. Ist kulturelle Koexistenz möglich - und wenn nein, was muss getan werden?"

Die "New York Times" hat auf ebendiese Frage eine eindeutige Antwort: Einwanderung in der derzeitigen Größenordnung sei schädlich und Ereignisse wie jenes in Köln die Folge davon. Die Konsequenz: Angela Merkel müsse weg. Denn sie sei verantwortlich für einen Streit verschiedener Kulturen, den Deutschland derzeit angeblich erlebt:

Wenn Sie glauben, eine alternde, säkularisierte, bislang weitgehend homogene Gesellschaft werde friedlich eine Einwanderung in diesem Ausmaß und mit diesen kulturellen Unterschieden aufnehmen, haben Sie eine glänzende Zukunft als Sprecher der derzeitgen deutschen Regierung.

Außerdem sind Sie ein Trottel. Ein derartiger Wandlungsprozess verspricht eine steigende Polarisierung sowohl bei Einheimischen wie auch bei Neuankömmlingen. Es droht nicht nur ein Anstieg des Terrorismus, sondern eine Wiedergeburt der politischen Gewalt im Stil der 1930-er Jahre.

Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" beschäftigte sich am Samstag mit den politischen Folgen der sexuellen Übergriffe auf Frauen in Köln:

„Die in Verlegenheit gebrachten Regierungsparteien CDU und SPD versuchen panikartig, den Geist wieder in die Flasche zu bekommen - mit Vorschlägen für eine schnellere Abschiebung von kriminellen Asylbewerbern und dem Entzug der Entwicklungshilfe für Länder, die sich weigern, ausgewiesene Asylsuchende wieder aufzunehmen.

Angesichts bevorstehender wichtiger Landtagswahlen sollten sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) klar machen, dass eine großherzige Flüchtlingspolitik Pflichten mit sich bringt. Versteckspielen geht nicht mehr: Offenheit über die Probleme, die Aufnahme und Integration mit sich bringen, ist eine absolute Voraussetzung dafür, die Unterstützung der deutschen Bevölkerung zu behalten.“

Die konservative Zeitung "Lidove noviny" aus Tschechien sieht Fehler bei der Stadt – und sagt, dass der Schrecken noch lange in Köln spüren sein wird:

„Wenn in vier Wochen der Karneval beginnt, wird man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Immer deutlicher zeigt sich, dass es nicht nur um ein Versagen der örtlichen Polizei geht, welche die Lage offensichtlich überhaupt nicht unter Kontrolle hatte. Von Ratlosigkeit zeugt auch die Reaktion der Stadtoberen. Dabei ist an Köln am Rhein noch etwas anderes interessant: Keine andere Stadt Deutschlands ist in der Vergangenheit von so vielen Skandalen heimgesucht worden wie gerade Köln. Der einstige Oberbürgermeister und spätere Bundeskanzler Konrad Adendauer soll die Philosophie der Stadt einmal so beschrieben haben: "Wir kennen uns und wir helfen uns." Dem ist hinzuzufügen: Nicht immer haben die Einwohner etwas davon.“

Die liberale rumänische Tageszeitung „Adevarul“ thematisiert die möglichen Folgen für den Schengen-Raum und die Reisefreiheit in Europa. Sie warnt vor fatalen Folgen auf europäischer Ebene – eine Debatte, die bislang noch kaum eine Rolle in Deutschland spielt.

„Schritt für Schritt wird sich die bisher gegen Flüchtlinge gerichtete Rhetorik gegen Migration wenden. Man darf sich nicht wundern, wenn es den Schengen-Raum nicht mehr geben wird, wenn Sicherheitsmaßnahmen verstärkt und Visa verlangt werden. Und wo werden wir (Rumänen) dann stehen? Auf welcher Seite des Zauns? Wird es euch gefallen, wenn Rumänien draußen bleibt und wir ebenso wie die Flüchtlinge behandelt werden?“

mit Material von dpa

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