POLITIK
09/01/2016 06:28 CET | Aktualisiert 10/01/2016 09:41 CET

Nach der Kölner Gewaltnacht: Wer über Flüchtlinge sprechen will, bekommt einen Maulkorb

Der ehemalige Polizeipräsident Wolfgang Albers
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Der ehemalige Polizeipräsident Wolfgang Albers

Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers muss nervös gewesen sein auf der Pressekonferenz, die er am 5. Januar gab. Der 60-Jährige steckte in der Zwickmühle. In der Silvesternacht hatten junge Männer am Hauptbahnhof der Stadt Frauen beleidigt, begrapscht, bestohlen. Wer diese jungen Männer waren, woher sie stammten, das ließ sich durchaus konkreter benennen.

Doch Albers Albers verpasste sich einen Maulkorb. Weil er wohl das Gefühl hatte, dass es anders nicht geht. Weil es politisch korrekt war. Weil das den Gepflogenheiten entspricht - in Medien und Politik.

Und so blieb der Polizeipräsident vage. Er sagte: "Wir haben derzeit keine Erkenntnisse über Täter", Polizisten hätten Männer "aus dem nordafrikanisch-arabischen Raum" wahrgenommen. Über die sehr wahrscheinliche Möglichkeit, dass unter den Verdächtigen Flüchtlinge waren - nichts.

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Albers log - und musste die Konsequenzen tragen

Mit ziemlicher Sicherheit lag die Information über diese Möglichkeit dem Präsidenten vor. Doch der steckte, wie gesagt, in der Zwickmühle: Entweder so tun, als ob er nichts wüsste und später als Lügner dastehen. Oder: die Flüchtlingsproblematik benennen und sich auf einen Shitstorm einstellen, in dem er als Hetzer und Vorurteils-Verbreiter verurteilt wird.

Albers entschied sich für Option 1 - mit unabwendbaren Konsequenzen: Er wurde entlassen - was offenbar nicht nur an der Überforderung der Kölner Polizei in der Silvesternacht lag, sondern auch an Albers' Informationspolitik.

So sind die Gepflogenheiten

Tatsächlich gilt dieselbe Informationspolitik in den Medien - diese Erfahrung machte jedenfalls der Kriminologe Christian Pfeiffer. Er bekam nach der Gewaltnacht Interviewanfragen von Fernsehsendern. Später sprach er darüber in einer Talkrunde auf Phonenix: "Die ersten beiden Interviews, die ich dem Fernsehen über Köln geben durfte, da fragten mich die Journalisten: 'Bitte, reden Sie nicht über Flüchtlinge.‘"

Recherche blockiert

Daraufhin seien die Journalisten von ihrer Forderung zurückgewichen - hatten jedoch offenbart: Auch im Fernsehen droht Klartext-Sprechern der Maulkorb.

Das gilt freilich nicht auf jedem Sender, in jeder Sendung. Doch was hilft das, wenn Recherchen, die sich nur ansatzweise dem Thema nähern, schon als unkorrekt gelten und von offizieller Seite blockiert werden, wie der "Spiegel TV"-Reporter David Walden berichtet:

Nicht Meinungen, sondern Fakten werden unterdrückt

Geht es um das unerträglich platte "Das wird man ja wohl noch sagen dürfen"? Nein, mit Meinungen hat die aktuelle Debatte eben nichts zu tun. Das Problem sind die Fakten. Kriminologe Pfeiffer äußerte sich einen Tag nach Albers' Pressekonferenz in der "Welt" zur Informationspolitik der Kölner Polizei: "Das wirkt so, als ob man bewusst Angst vor der These hat, dass unter diesen vermutlich beteiligten 1000 Männern nicht wenige sein könnten, die zu der letzten großen Flüchtlingswelle gehören."

Und auch er benannte das Dilemma, in dem sich der Polizeipräsident befunden hatte: "Mit Halbwahrheiten kommt man hier nicht durch. Es sind gerade diese Ausflüchte, die den Volkszorn erregen."

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