POLITIK
08/01/2016 11:18 CET

#WhyIsaidnothing: Wie eine Frau auf Twitter gegen sexuelle Gewalt kämpft

woman sitting on a chairSunriseMujer sentada al amanecer
Hachephotography via Getty Images
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Die sexuellen Übergriffe in der Silvesternacht in Köln waren brutal, rücksichtslos und erniedrigend - und sie haben die Debatte über Gewalt gegen Frauen in Deutschland wiederbelebt.

Über 200 Anzeigen sind seit der Nacht von 31. Dezember auf 1. Januar von mutmaßlichen Opfern bereits eingegangen. Dreiviertel davon haben laut der Kölner Polizei einen sexuellen Hintergrund, die übrigen beziehen sich auf Raubüberfälle.

Diese Frauen haben sich getraut, ihre Angreifer anzuzeigen. Es steht zu befürchten, dass es in der Chaos-Nacht am Kölner Hauptbahnhof aber noch weit mehr Opfer gab, die sich bisher nicht gemeldet haben. Sie gehören zu den vielen Frauen in Deutschland, die schweigen.

Sie sagten: "Komm schon, du willst es doch auch"

Einige Frauen aber haben den Mut gefunden, auf Twitter über die Gründe zu sprechen, warum sie nichts gesagt haben. Unter dem Hashtag #whyIsaidnothing (warum ich nichts sagte) begann die Twitter-Nutzerin Marlies Hübner (@outerspace_girl) einige Tage vor Weihnachten, zu beschreiben, warum sie über ihre Erfahrungen von sexueller Belästigung nicht sprechen konnte.

“Weil sie sagten: "Komm schon, du willst es doch auch'".

“Weil die letzte Person, der du davon erzählen willst, ein männlicher Polizist ist.”

“Weil ich Angst hatte, er würde noch fester zuschlagen, wenn er herausfinden würde, dass ich ihn angezeigt habe.”

“Weil die Gesellschaft mir diktierte, beschämt zu sein und den Mund zu halten.”

“Weil die Verletzungen, die ich davontrug, nicht gravierend genug waren, wie sie mir sagten.”

Ermutigt von der Offenheit der jungen Frau schlossen sich viele andere Twitternutzerinnen und auch einige -nutzer dem Hashtag an und teilten ihre Erfahrungen.

"Ich empfand es als dringend notwendig, aufzuzeigen, dass Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe, die nicht zur Anzeige gebracht werden, trotzdem existieren”, sagte Hübner im Gespräch mit der Tageszeitung “taz”.

Denn: Nur weil eine Frau nicht über die Tat spricht oder sie nicht anzeigt, bedeutet das nicht, dass sie nicht stattgefunden hat. Immer noch schweigen sehr viele Betroffene darüber, was ihnen Schreckliches widerfahren ist - oft aus Angst, dass ihr Peiniger nicht verurteilt wird.

Die Dunkelziffer an sexuellen Gewalttaten gegen Frauen in Deutschland ist daher hoch. Laut einer Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) zeigen zwei Drittel der weiblichen Opfer körperlicher und/oder sexueller Gewalt ihre Peiniger nicht an und suchen nach der Tat auch keine andere Einrichtung auf.

Offiziell haben laut der Studie 35 Prozent der deutschen Frauen seit ihrer Jugend körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren (Stand 2014). Diese Zahl spiegelt der FRA zufolge aber nicht mal im Ansatz den wahren Umfang des Problems wider.

Ich fühlte mich seit Jahren schuldig

Von Hüberns Mut ließen sich viele andere Frauen mitziehen. “Ich dachte, es wäre meine Schuld”, schrieb eine andere Nutzerin. Und eine andere erklärte ihre Angst, warum sie nichts gesagt hatte, so: “Weil ich mich seit Jahren schuldig fühle, da ich aus freien Stücken mitgegangen bin.”

Eine Userin, die sich “Überlebende” nennt, schrieb: “weil ich nicht wusste, dass es nicht normal ist, das was er tat …”

Eine Nacht lang war #whyIsaidnothing sogar der zweitmeistgenutzte Twitter-Hashtag in Deutschland.

Kaum auszudenken, wie schrecklich es für die mutigen Frauen sein muss zu sehen, dass der Hashtag auch - und leider mehrheitlich - von Nutzern missbraucht wurde und wird, die sich über ihre Erlebnisse lustig machen. Schon wenige Stunden, nachdem Hübner die Aktion gestartet hatte, twitterten User Witze über Vergewaltigung und beschimpften diejenigen, die den Hashtag ernsthaft verwendeten.

Zahlreiche Männer - aber auch einige Frauen - veröffentlichten Tweets, die gerade in der heiklen Debatte um Gewalt gegen Frauen geschmackloser nicht sein könnten.

“Ich habe die Kamera gehalten”, schrieb ein anderer.

Der Partner von Maries Hübner, Misha Anouk (@misharrrgh) hat eine Sammlung von ernst gemeinten Tweets angelegt, bei der die Trolle ausgespart sind. Der “taz” sagte er: “Twitter-User und -userinnen, die ihre Erfahrungen teilten, wurden extrem gemobbt und persönlich angegriffen, vor allem Männer, die Erfahrungen teilten.” Er erzählte von einer guten Bekannten, die dank des Hashtags das erste Mal über ihre Erfahrung mit sexueller Gewalt gesprochen habe.

Die Twitter-Kampagne #whyIsaidnothing zeigt auf erschütternde Weise, wie groß die Tabus und die Verharmlosung sexueller Gewalt in Deutschland auch heute noch ist.

Doch sie beweist auch, dass es Frauen gibt, die den Mut finden, über das zu sprechen, was ihnen angetan wurde. Und dass es Menschen wie sie braucht, die anderen Betroffenen Hoffnung machen und dem Thema endlich die Aufmerksamkeit verschaffen, die es braucht.

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