WIRTSCHAFT
08/01/2016 13:05 CET | Aktualisiert 08/01/2016 18:03 CET

Mit dieser "Stellenanzeige" von Primark stimmt etwas nicht. Erkennt ihr es?

Spätestens seit 2013 hat Primark weltweit ein sehr schlechtes Image. Damals ereignete sich das schwerste Unglück der Textilindustrie. 1130 Menschen starben, als der neunstöckige Fabrik-Komplex in einem Vorort von Bangladeshs Hauptstadt Dhaka zusammenstürzte. In den Trümmern lagen auch Klamotten, die einmal in Primark-Läden verkauft werden sollten. Der Asienexperte Christian Brüser sprach damals im Deutschlandfunk von fahrlässiger Tötung.

Trotzdem: Den Verkaufszahlen der Billigmarke hat das keinen Abbruch getan. In Deutschland betreibt Primark mittlerweile 18 Filialen, einen Onlineshop gibt es bisher nicht. Manche Filialen erzielen bessere Umsätze als H&M. Vielleicht gerade weil es nicht so viele Läden gibt, ist der Hype unter jungen Mädchen groß. Primark wurde sogar schon als Crystal Meth für die junge Generation bezeichnet.

Die Billigpreise mit drei Euro für ein T-Shirt oder acht Euro für eine Hose erklären die Beliebtheit bei Teenies, die sich die modischen Fummel oft wohl von ihrem Taschengeld kaufen. Sie sprechen aber auch Bände über die Produktionsbedingungen, die hinter den Kleidern stecken müssen. "Wer ein T-Shirt für zwei Euro kauft, muss wissen, dass jemand anderes den Preis dafür bezahlen muss", meint auch Hubertus Thiermeyer, Landesfachbereichsleiter Handel der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in Bayern.

Primark ist ganz klar nicht die einzige Marke, die unter schlechten Bedingungen in Asien produzieren lassen und es sind auch sicher nicht nur die Billigmarken betroffen. Seit dem Fabrikeinsturz ist die Modemarke zum Synonym für schlimme Arbeitszustände geworden. Mit einem Plakat, das derzeit auf Facebook die Runde macht, wollte die konsumkritische Künstlergruppe "Dies Irae" schon 2015 verhindern, dass das Thema in Vergessenheit gerät.

Sehr geil!!!

Posted by Kristin Böttcher on Montag, 28. Dezember 2015

Das vermeintliche "Werbeplakat" soll auf den ersten Blick wie eine Jobanzeige von Primark wirken. Doch schon nach dem ersten Punkt wird einem klar: Es ist genau das Gegenteil. Es ist eine nüchterne Aufzählungen von brutalen Vorwürfen gegen den Billighersteller. Auf Facebook wurde es schon tausende Male geteilt - und sorgt für einen Shitstorm gegen Primark, zu dem sicher Modehersteller selbst noch nicht geäußert hat.

Das Plakat wirft Primark etwa vor, seine Mitarbeiter mies zu bezahlen. Fakt ist: An Produktionsorten verdienen Mitarbeiter nur wenige Euro am Tag. Seit dem großen Unglück hat die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter zumindest in Bangladesh eine Erhöhung des Mindestlohns von 30 auf 50 Euro pro Monat erreicht. Das bedeutet 1,6 Euro am Tag und bei 12 Stunden Arbeit 13 Cent pro Stunde.

Allerdings sind laut dem Experten Brüser gleichzeitig Zulagen für Transport oder Verpflegung und Entschädigungen gestrichen worden - es ist also nur scheinbar eine Verbesserung. Die spricht nach wie vor von Löhnen zwischen "27 und 51 Euro". Eine dreiköpfige Familie würde laut der IG Metall mindestens 150 Euro zum Überleben benötigen. Das durchschnittliche Einkommen in Bangladesch liegt laut der CIA bei etwa 260 Euro pro Monat.

Ethikchef Lister sagte dazu im "Zeit"-Interview, dass es schwer sei, Lohnerhöhungen in den Fabriken durchzusetzen. "So funktioniert das nicht", äußerte er sich. Primark würde sich 98 Prozent der Fertigungsstätten mit anderen führenden Marken teilen - und demnach auch die Näherinnen. "Unsere Zulieferer zahlen die Löhne", zog sich das Unternehmen aus der Verantwortung. "Und die können ja nicht unterschiedliche Löhne zahlen, je nachdem, für wen die Näherin gerade arbeitet."

Und das, obwohl Mitarbeiter fast keine Rechte haben. Die IG Metall berichtete etwa, dass es bei Primark in Billiglohnländern statt bezahltem Urlaub Beschimpfungen gebe und auf Krankheit mit Lohnabzug bestraft werde. Das Ergebnis ist eine Arbeiterschaft, die Maschinen gleicht: gezwungen zur Anspruchslosigkeit und Hörigkeit.

Sogar lebensgefährlich kann der Job sein - und daran hat sich bis heute nichts geändert.Paul Lister, Primark-Ethikbeauftragter und Mitglied der Geschäftsführung von Primark, sprach noch vor weniger als einem Jahr davon, dass von rund 4500 Textilfabriken in Bangladesch nur 1500 in einem "akzeptablen Zustand" seien. Den Arbeitern von Rana Plaza zahlte Primark laut ihrem Chefjuristen übrigens je eine Abfindung von neun Monatsgehältern. "Wir kommen unserer Verantwortung nach", sagte Lister der "Zeit". Er sprach bei Rana Plaza von einer "Ausnahme".

Der Vorwurf des Plakats, dass die Mitarbeiter keine gewerkschaftliche Unterstützung in Anspruch nehmen dürfe, ist aber überholt: Ethikchef Lister stimmte im "Zeit"-Interview zwar zu, dass die Näherinnen das schwächste Glied der Produktionskette seien. Aber sie könnten sich ja "zusammenschließen", was die klare Billigung von Gewerkschaften ausdrückt - zumindest von Seiten von Primark. Tatsächlich erreichte die Gewerkschaft der Bekleidungsarbeiter in Bangladesh nach dem großen Unglück eine Lohnerhöhung. Und auch in Deutschland konnte "Verdi" im Dezember 2015 Lohnerhöhungen für die Primark-Mitarbeiter durchsetzen.

Auch in Deutschland beschweren sich Mitarbeiter über Arbeitsbedingungen. Zwar ist die Bezahlung vergleichsweise ok - Primark zahlt mehr als den Mindestlohn und ist mit Verdi eine Tarifbindung eingegangen. Dafür soll es am Arbeitsplatz zu zweifelhaften Methoden kommen. Laut einem Mitarbeiter werde man oft "runtergeputzt" und es herrsche "Sprechverbot" während der Arbeit. Auch das erinnert an Maschinisierung der Mitarbeiter. Nachprüfen lassen sich diese Vorwürfe allerdings nicht.

Der Kernbotschaft des Plakats zeigt sich im letzten Absatz: Wer diesen Arbeitsbedingungen selbst nicht zustimmen würde, soll dann doch auch konsequent sein und nicht mehr bei Primark kaufen. Die Kampagne schafft es, noch einmal klar zu machen, wie unterirdisch die Zustände in den asiatischen Fabriken bei Primark sind. Dadurch, dass sie auf dem Plakat als Jobgesuch für Deutschland ausgegeben werden, rückt das Problem näher an uns heran. Wenn wir es hier nicht so wollen würden, warum soll es dann woanders so sein?

Für Beschwerden werden auf dem Plakat der Künstlergruppe die Kontaktdaten der Billigmarke angegeben. Sieht so aus, als würde "Dies Irae" einen neuen Shitstorm auf Primark provozieren - oder immerhin das Thema erneut ins Bewusstsein rücken wollen. Und es scheint zu funktionieren: Schon über 3600 Mal wurde das Foto auf Facebook geteilt.

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Video: Diese zweieinhalb Minuten sollten Sie vor Ihrem nächsten Primark-Einkauf kennen

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