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08/01/2016 17:04 CET

Prävention im Kindesalter: So kämpft eine Kölner Schule gegen sexuelle Gewalt

Children (8-9) raising hands in classroom
Tetra Images - Jamie Grill via Getty Images
Children (8-9) raising hands in classroom

Es ist eine Zahl, die nicht wegzudiskutieren ist - auch wenn sie viele nicht wahrhaben wollen: In jeder Schulklasse in Deutschland sitzen durchschnittlich ein bis zwei Kinder, die schon einmal missbraucht wurden - oft in der eigenen Familie.

Die einzige Chance, diesen Kindern zu helfen und der Gefahr des Missbrauchs schon im Kindesalter entgegenzuwirken, liegt bei den Schulen. Kinder müssten in der Schule kompetente Ansprechpartner finden, denen sich die Jungen und Mädchen anvertrauen können, sagt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig.

Die Prävention von sexuellem Missbrauch gelingt manchen Schulen besser als anderen. In Köln, wo in der Silvesternacht Frauen Opfer sexueller Gewalt wurden, zeigt eine Schule, wie man schon Kinder sehr früh für das Thema sensibilisieren kann.

Die Schule darf nicht zum Tatort werden.

Vor 20 Jahren noch galt die Gemeinschafts-Grundschule Erlenweg als Brennpunktschule. Der “Tagesspiegel” schrieb, Schlägereien auf dem Schulhof seien an der Tagesordnung gewesen, Jugendgangs hätten ihr Unwesen getrieben und Mütter seien auf dem Schulweg mit Waffen bedroht worden.

Dann aber kam die Wende. Ursula Reichling brachte ein umfassendes Wissen über Prävention sexueller Gewalt mit. Laut der Zeitung führte sie einen runden Tisch ein, schulte ihre Kollegen. Der Schulhof sei neu gestaltet worden, es seien Schulregeln eingeführt worden, die für alle Schüler verbindlich waren.

Und das Wichtigste: Reichling brachte den Kindern bei, dass Hilfe holen nicht gleichbedeutend ist mit petzen. Seither nimmt sich die Gemeinschafts-Grundschule Erlenweg das zu Herzen, womit Schulen laut dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Rörig starten müssen, wenn es um Prävention sexueller Gewalt geht: Die Schulen nicht selbst zum Tatort werden zu lassen.

Seit 2013 setzt die Schule ein Konzept um, das sie gemeinsam mit dem Kölner Verein Zartbitter erarbeitet hat. Einmal im Monat tagt in jeder Klasse der “Klassenrat”. Zusätzlich gibt es ein Schülerforum, das sich regelmäßig trifft und bei dem ebenfalls anstehende Fragen diskutiert werden können. Lehrer, Eltern und Schüler - sie alle stehen in engem Austausch.

Wir haben aufgemalt, was wir schön und was wir blöd finden.

“Wenn Kinder über ihre Rechte informiert werden, an der Formulierung der Rechte in ihrer Einrichtung beteiligt werden, dann fällt es ihnen leicht, die Grenzen anderer zu achten”, erklärt Ursula Enders, die Leiterin von Zartbitter, auf der Webseite des Vereins. Die Kinder würden dann dafür Sorge tragen, dass sie grenzachtend miteinander umgehen.

Gemeinsam mit den Kindern der Gemeinschafts-Grundschule Erlenweg haben sie und ihre Kollegen ein Präventionsmaterial für Grundschulen entwickelt. Dieses erleichtert den Lehrern, ihrer Pflicht der Prävention sexueller Gewalt, die im Lehrplan von NRW explizit vorgegeben ist, nachzukommen - und zwar so, dass die Kinder auch was damit anfangen können.

Besonders beliebt bei den Kindern ist ein Wimmelbild vom Schulhof, das eine Illustratorin mit den Schülern zusammen entworfen hat. "Wir haben aufgemalt, was wir schön und was wir blöd finden“, erzählte eine Schülerin, Inés, dem “Kölner Stadtanzeiger”.

Die “schönen” Dinge, das sind Kinder, die lachen, Seil springen, plaudernd auf einer Bank sitzen. Die “blöden”, das sind Szenen, in denen Kinder gehänselt oder an den Haaren gezogen werden.

wimmelbild

(hier geht es zur interaktiven Version des Wimmelbilds)

Schulen können das interaktive Bild auf ihrer Website einbauen oder es im Unterricht nutzen. Klickt man auf die einzelnen Szenen, öffnen sich Hinweise dazu. “Stopp! Niemand darf die persönlichen Grenzen von anderen Kindern verletzen”, heißt es zum Beispiel bei einem Jungen, der einem Mädchen die Hose runterzieht. “Zwangsküssen ist niemals witzig”, steht bei einem Mädchen, das von zwei Jungen festgehalten wird, von denen einer versucht, es gewaltsam zu küssen.

Das Projekt, das parallel auch noch an einer anderen Kölner Schule getestet wird, soll anschließend deutschlandweit als Modell für Schulen angewendet werden.

Bei uns ist es jetzt viel friedlicher als früher.

Der Grund, warum bisher nur sehr wenige Schulen in Deutschland mit einem solchen so genannten Schutzkonzept arbeiten, liegt auf der Hand: Die zusätzliche Aufklärung kostet die Lehrer sehr viel Zeit - und die Schulen Geld, das sie oftmals nicht zur Verfügung haben. Das Wimmelbild beispielsweise konnte nur durch Spenden des Lion Clubs umgesetzt werden.

Dennoch: Reichling zog im November 2015 ein positives Fazit aus den Präventionsbemühungen. Dass sich Kinder ihrer Rechte bewusst sind und sich aktiv mit ihnen auseinandersetzen, zeigt laut der Lehrerin erstaunliche Wirkung. "Bei uns ist es jetzt viel friedlicher als früher”, sagte sie dem “Tagesspiegel”.

Dass sie das über eine Schule sagen kann, die vor 20 Jahren noch als eine der größten Problemschulen galt, gibt Hoffnung. Hoffnung für viele andere Schulen und für die Kinder, die durch das Projekt weniger stark gefährdet sind, Opfer sexueller Gewalt zu werden.

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