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07/01/2016 11:22 CET

Martin Walser: "Ein sterbender Mann" und das Schreiben an sich

narvikk via Getty Images
"Ein sterbender Mann" heißt der Roman von Martin Walser.

Das Schreiben von Romanen ist für den Schriftsteller Martin Walser eine "fabelhaft schöne Beschäftigung". Das Ungeheure daran sei: "Dass es einen total beschäftigt und sich fortsetzt und konkretisiert und blüht und gedeiht", sagte der 88-Jährige.

"Und man hat das alles vorher gar nicht gewusst. Im Februar, März April machst Du an Romansachen herum. Da kennt man ja kaum die Namen richtig. Und wenn es dann läuft, darf man immer selber erstaunt sein darüber, dass alles aufs Papier kommt."

Wenn man den Ton für einen Roman gefunden habe - "und man kann ihn nicht machen, man muss ihn finden" - dann müsse man nur noch seiner rechten Hand zuschauen, die schreibe und schreibe, bis man müde werde.

Zwar gebe es auch schwierige Momente, sagte Walser. "Aber das Haupterlebnis des Romanschreibens ist doch, dass es die schönst mögliche Beschäftigung ist, die es in dieser Welt geben kann."

Walser: "Ein sterbender Mann"

Das Thema von Martin Walsers neuem Roman "Ein sterbender Mann" ist hingegen sehr ernst. Der 88-Jährige schreibt über das Altsein, über den Wunsch zu sterben, über Tod und Verrat. Seine Hauptfigur: 72 Jahre alt, beruflich ruiniert.

Im Buch Sätze wie: "Er hat das Leben verloren. Und den Tod nicht gefunden." Oder: "Das Alter ist eine Wüste. Darin eine Oase, heißt Tod." Oder: "Die tägliche Müdigkeit weicht erst gegen Abend. Aber dann ist es schon zu spät."

Die Frage nach der eigenen Empfindung ärgert Walser aber ein bisschen: "Es ist ewig dasselbe. Ganz egal, was ich publiziere, es kommt immer die Frage nach der Wirklichkeit", sagt der Schriftsteller. "Obwohl ich doch deswegen publiziere."

Was Schreiben benötigt

Romane zu schreiben sei immer ein "Entblößungs-Verbergungs-Spiel", sagt Walser. "Natürlich, man neigt als Autor dazu, sich andauernd zu entblößen. Aber das hält man selber nicht aus. Also entwickelt man Techniken der Verbergung."

martin walser

Der Ton des neuen Romans entwickelt sich zu einem faszinierenden Miteinander aus abgeschickten und nicht abgeschickten Briefen, mehreren E-Mails, Gedichten und Gedanken von Theo Schadt.

Walser: "Das erzwingen die Romane"

Der 72-jährige Firmenchef und "Nebenbei-Autor" will nach einem Verrat durch seinen besten und langjährigen Freund nicht mehr leben. Doch ausgerechnet im Suizidforum stößt er auf Widerstand: Eine Teilnehmerin schreibt ihm. "Und an den Antworten dieser suizidalen Frau kann er ermessen, dass er eine Art Leichtgewicht ist, verglichen mit ihr. Ihr Schicksal ist irreversibel", sagt Walser.

Auch im realen Leben passiert Unerwartetes: Nach dem Verlust seiner Firma sitzt Theo Schadt im Tango-Laden seiner Frau Iris an der Kasse, als er plötzlich einer Kundin begegnet. "Ich fühle mich getroffen durch Ihre Augen. Ihr Blick ist mir geblieben", schreibt er ihr später. Es entwickelt sich eine Liebe in Briefen, die Schadt dazu bringt, nach 38 Ehejahren seine Frau und sein Zuhause zu verlassen.

Doch ähnlich wie in Walsers früherem Roman "Das 13. Kapitel" spielen sich die Beziehungen der Protagonisten - Theo, Iris, Sina - in Worten ab, nicht in wirklicher, körperlicher Nähe. "Sina und Theo Schadt können sich, so wie die Schicksale gelagert sind, nicht sehen", sagt Walser. "Das erzwingen immer die Romane von selber. Ich bin dem gefolgt und völlig einverstanden."

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