POLITIK
05/01/2016 09:35 CET | Aktualisiert 07/01/2016 14:37 CET

An die Pöbler nach den Köln-Übergriffen: Eure Hetze widert mich nur noch an!

dpa

Vor dem Kölner Hauptbahnhof müssen sich in der Silvesternacht schreckliche Szenen zugetragen haben: Dutzende junge Männer sollen aus einer größeren Gruppe heraus Passantinnen ausgeraubt und sexuell belästigt haben. Ein namentlich unbekannter Polizist sagte dem „Kölner Express“: „Was die Frauen dort erlebt haben, waren Vergewaltigungen.“

Es gibt gute Gründe zu glauben, dass der Polizist Recht hat.

Allein der Gedanke ist widerlich: Dass Frauen mitten in Deutschlands viertgrößter Stadt zu Freiwild werden.

Genauso erschreckend ist nun jedoch auch der Fremdenhass, der wieder aus allen Ecken des Internets quillt. Denn die Täter sollen laut Zeugenaussagen „nordafrikanisch“ ausgesehen und sich sowohl auf Arabisch als auch auf Französisch unterhalten haben.

Die ätzende Brühe kocht wieder

Mehr braucht es derzeit in Deutschland nicht, um den Mob zu entfesseln. Wenige Stunden nach der ersten Meldung ist die ätzende Brühe am Kochen, mit der seit Monaten die Diskussion um Migration und Asyl in Deutschland vergiftet wird.

Der erste ruft: "Das waren organisierte Banden“.

Der zweite ruft: "Das waren Asylbewerber“.

Während die Polizei immer noch nicht weiß, wer diese womöglich „maghrebinisch“ aussehenden Männer überhaupt waren, was sie in Köln zu suchen hatten und wie ihr Aufenthaltsstatus ist, glauben viele Deutsche schon wieder zu wissen, wie der Hase läuft: Der Moslem ist schuld.

Und ganz besonders dann, wenn er sich das Asylrecht in Deutschland erschlichen hat, um seine sexuellen Präferenzen in dieser Republik endlich ausleben zu können.

Beispiele gefällig? Bitte:

Das Problem dabei, wie unschwer zu erkennen ist: Von einer kleinen Minderheit wird auf die Allgemeinheit geschlossen. Nun kennt man diese Ausbrüche von früheren Ereignissen wie den Terroranschlägen von Paris.

Aber beunruhigend ist eine neue Entwicklung als Reaktion auf die Vorfälle in Köln. Fremdenfeindliche Muster finden sich neuerdings auch bei vermeintlich aufgeklärten, bürgerlichen Feministinnen.

Stumpfe Fremdenfeindlichkeit

Stellvertretend für viele andere Stimmen im Netz sei hier die Politaktivistin Anabel Schunke genannt, die über den Vorfall in Köln in einem Blog für die Huffington Post schrieb.

Sie zitiert einen befreundeten Kenner des „Kölner Nachtlebens“, der zu wissen glaubt, dass die Domplatte fest im Griff von „Afrikanern“ sei, die sich zu einem großen Teil aus den Asylbewerberheimen rekrutieren würden.

Schunke folgert: „Dass solche Szenarien auch hier mittlerweile möglich erscheinen, bestätigt mich als Frau nur einmal mehr in der Auffassung, dass die massive Zuwanderung durch Flüchtlinge aus patriarchalisch geprägten, muslimischen Ländern vor allem zu Lasten der hier lebenden Frauen gehen wird.“

Es geht gar nicht um faktische Richtigkeit

Der Schönheitsfehler an dieser Argumentation ist einerseits, dass „Nordafrikaner“ unter den Asylbewerbern eine völlig zu vernachlässigende Minderheit sind. Marokkaner, Algerier und Tunesier werden im November-Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge gar nicht separat aufgeführt.

Man könnte jetzt zusätzlich einwenden, dass die syrische Vorkriegsgesellschaft keineswegs so patriarchal war, wie das manche hier in Deutschland herbeifiebern. Ebenso die albanische. Und aus diesen beiden Ländern stammen immerhin mehr als drei Viertel aller muslimischen Asylbewerber im Jahr 2015. Aber um faktische Richtigkeit geht es Schunke ohnehin nicht.

Willkürlich wirft sie in ihrem Text alles zusammen: „Afrikaner“ und „Nordafrikaner“. Die sexuellen Übergriffe während des „arabischen Frühlings“ und die „indische Rape-Culture“. Ein gefühltes oder tatsächlich existierendes Problem mit „Ausländer-Kriminalität“ und die Ankunft von etwa 1,1 Millionen Flüchtlingen im Jahr 2015.

Lammfellpuschen-Rassismus

Nichts davon steht in einem Zusammenhang. Außer in Schunkes Kopf. Ihre Argumentation ist genauso falsch wie das Ziel, für das sie vorgibt zu streiten. Schunkes Text ist letztlich nichts weiter als der durch Fremdwörter verbrämte Ausweis von Fremdenfeindlichkeit.

Ein besonders hässlicher Lammfellpuschen-Rassismus, der sich aus Beobachtungen speist und der in seiner Spießigkeit völlig immun ist gegen jede Aufklärung – weil er sich durch vermeintliche Tatsachen bestätigt sieht. Der auf Fakten immerzu antwortet: „Ich habe aber Angst“.

Und genau darum geht es. Die größte politische Gefahr, die es in Deutschland derzeit gibt, ist keineswegs die so genannte „Flüchtlingswelle“, sondern die Angst in den Köpfen vieler Bürger. Sie überwältigt derzeit den Diskurs, macht blind für tatsächliche Fakten und tötet jedes Gefühl von Mitmenschlichkeit ab.

Ist es so schwer zu kapieren?

Diese Angst zersetzt unsere Demokratie. Sie lässt uns die eigenen Werte vergessen und macht uns anfällig für einfache Lösungen. Und das macht die derzeitige Lage so gefährlich: Viel zu viele Menschen sind bereit, nach solch widerwärtigen Ereignissen wie denen am Kölner Hauptbahnhof einer instinktiven Rachehaltung nachzugeben und ihrem Fremdenhass freien Lauf zu lassen.

Ist es denn so schwer zu kapieren?

1. Wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe oder Religion pauschal verurteilt, ist ein Rassist.

2. Ausländer werden nicht kriminell, weil sie Ausländer sind. Viel wichtiger ist die soziale Herkunft. Zu diesem Ergebnis kommen Kriminologen seit Jahrzehnten, ohne dass dies endlich mal in den Kopf des durchschnittlichen Angstbürgers sickern würde.

3. Natürlich müssen die Täter mit aller Härte verurteilt werden. Aber das hat nichts mit ihrer Herkunft zu tun. Denn vor dem Gesetz sind alle gleich.

Im Jahr 1998 hat ein deutscher Hooligan-Mob während der Fußball-WM in Frankreich die Innenstadt von Lens verwüstet und den Polizisten David Nivel ins Koma geprügelt. Die Täter trugen zum Teil DFB-Trikots mit dem damals aktuellen schwarz-rot-goldenen Streifen auf der Brust. Sie waren betrunken, terrorisierten mutwillig die Einheimischen und warfen mit Tischen um sich.

Was für ein Glück für uns Deutsche, dass die französische Öffentlichkeit trotz aller zu dieser Zeit noch vorhandenen Vorbehalte gegenüber dem ehemaligen Kriegsgegner durchaus zu differenzieren wusste: Zwischen alkoholisierten und psychisch gestörten Schwerkriminellen mit deutschem Pass und den in überwältigender Mehrheit friedlichen Nachbarn.

Warum bekommen wir das nun eigentlich nicht hin?

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