LIFE
04/01/2016 10:16 CET

Studien zeigen: Wir betrügen unsere Kinder um diese eine Sache

Ein Kind hört dem Lehrer in einem Klassenzimmer zu.
Marc Romanelli via Getty Images
Ein Kind hört dem Lehrer in einem Klassenzimmer zu.

Kinder sind sehr beeinflussbar: Sie beobachten die Gesellschaft um sich herum und passen sich an.

Sie erkennen, was von ihnen erwartet wird.

Und wir erwarten von ihnen, dass sie nicht scheitern und immer sicher sein werden. Überall werden sie beschützt. Sogenannte Helikoptereltern umkreisen ihre Kinder, ständig darauf bedacht, den Liebling zu hüten, damit ihm nichts passiert.

Die Kinder verlieren das Selbstbewusstsein, die Hürden in ihrem Leben selbst zu nehmen und werden zunehmend hilflos. Sie haben Angst, wenn es zu Problemen kommt – weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Mehrere Studien haben sich mit dem Phänomen auseinandergesetzt.

Sehr alarmierend ist das Ergebnis einer Umfrage unter der Leitung von Stuart Slavin, Professor und Kinderarzt an der St. Louis University School of Medicine. Sein Team befragte zwei Drittel der 2.100 Schüler zählenden Irvington Highschool im kalifornischen Silicon Valley. Dabei nutzten die Forscher zwei Tests, mit denen man standardmäßig das Risiko für Depressionen und Angst messen kann.

Das Resultat erschreckte Stuart Slavin: 54 Prozent der Schüler zeigten moderate bis schwere Anzeichen einer Depression, während 80 Prozent moderate bis schwere Symptome von Angstgefühlen an den Tag legten. „Das ist weit über dem Wert, den man normalerweise bei Heranwachsenden sieht“, sagte Stuart Slavin laut der amerikanischen Tageszeitung „New York Times“.

Die steigenden Depressionsraten sind nicht allein das Problem von Irvington, meint die Autorin und Erziehungsexpertin Vicki Abeles in der „New York Times“. Sie sieht das steigende Risiko für Depressionen und Angstgefühle bei Teenagern in dem Stress begründet, der durch die Schule ausgelöst wird.

Sie erklärt: „Ich habe gesehen, dass diese Art von Stress einen großen Einfluss auf Kinder durch alle sozioökonomischen Schichten hat.“ Einer von drei Teenagern gab in einer Umfrage der "American Psychological Association" an, dass Stress bei ihnen Depression oder Traurigkeit ausgelöst hat – und als größten Stressauslöser nannten sie die Schule.

Selbst intelligentere Schüler können Probleme bekommen.

In einem anderen Experiment gaben Wissenschaftler einer Gruppe von Schulmädchen einen Test, der mit sehr schwer zu lösenden Aufgaben begann und mit leichteren Aufgaben endete – so berichtet es die britische Tageszeitung „The Guardian“. Die Mädchen mit dem höheren IQ schnitten in diesem Test schlechter ab.

Die Forscher meinen, dass es daran liegt, dass die Teilnehmerinnen mit einem höherem IQ nicht an Misserfolge gewöhnt waren und dann schlechter abschnitten, weil sie nicht wussten, wie sie mit dieser Erfahrung umgehen sollten (und beispielsweise einfach die schwierigen Aufgaben überspringen könnten, um das Beste herauszuholen).

Das Schlimmste daran ist: Viele Eltern bemerken nicht, dass ihr Kind überfordert ist.

Laut einer Studie der Universität Bielefeld leidet jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche unter Stress. Die Wissenschaftler befragten neben den 1100 Kindern und Jugendlichen auch deren Eltern. Neun von zehn der befragten Eltern gaben dabei an, dass sie ihr Kind nicht überfordern würden, während sich 40 Prozent sogar fragten, ob sie ihr Kind nicht noch mehr fördern sollten.

Die Kinder fühlen sich unter Druck gesetzt und können sich nur schwer gegen den Stress zur Wehr setzen.

Man lässt sie nicht mehr einfach selbst machen, aus lauter Angst, dass die Kinder Fehler machen könnten. Doch was wäre daran so schlimm? Es wäre doch viel besser, den Kindern beizubringen, dass Scheitern nicht so schlimm ist, als dass man sie mit den ganzen Anforderungen unter Druck setzt, die ihnen als Erwachsene eventuell nutzen könnten.

Eltern könnten ihren Kindern zuhören, wenn sie erzählen, dass sie Stress in der Schule haben und ihnen sagen, dass der Erfolg manchmal nicht so schnell kommt, auch wenn man intelligent und talentiert ist. Es ist okay, wenn mal etwas schief läuft – das wird früher oder später jedem passieren.

Auch auf HuffPost:

Flüchtlingskinder lernen Deutsch: Besuch im Deutschunterricht: So lernwillig sind junge Flüchtlinge wirklich

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.