POLITIK
04/01/2016 14:47 CET | Aktualisiert 04/01/2016 14:50 CET

Zukunftsforscher: Dieser Trend wird Deutschland 2016 verändern - und wir können uns darüber freuen

Andrew Lipovsky via Getty Images
young woman sitting on fence post at sunset

Terroristen werden unser Alltagsleben nicht entscheidend verändern können - davon ist der Publizist und Zukunftsforscher Matthias Horx überzeugt. Eine Bedrohung führe immer auch zu einer Gegenreaktion von Liebe und Empathie, wie sich jüngst in Paris gezeigt habe, sagt der Leiter des Zukunftsinstituts in Frankfurt im Interview.

Die Flüchtlingskrise ist derzeit eines der beherrschenden Themen. Wie wird der Zustrom von Asylbewerbern die Gesellschaft in Deutschland beeinflussen?

Matthias Horx: Deutschland wird vielfältiger, reichhaltiger, komplexer - aber eigentlich ist das nichts Neues. Weil Deutschland ja nie ein kulturell oder ethnisch "reines" Land war - wie etwa Japan oder Island, ist unsere Kultur aus ständiger Einwanderung entstanden. Die Hugenotten, die Polen im Ruhrgebiet, die Gastarbeiter in den 1960ern, und so weiter und so fort.

Was resultiert aus dieser Einwanderung?

Matthias Horx: Unsere Kultur wird langsam mit höherer kultureller Vielfalt angereichert. Zwischen Ost und West gab es immer ein großes Gedränge und Geschiebe. Jetzt verschiebt sich das in den globalen Rahmen, und es herrscht große Unruhe. Aber das ist einfach eine neue Normalität.

Allerdings stellen wir nun fest, dass wir im eigenen Land unintegrierbare Inländer haben: Menschen, die Hass und Abneigung predigen und sich seltsamen "Reinheitsideologien" anschließen. Stichwort Pegida.

Um die Welt tatsächlich zu verändern, ist der Terrorismus viel zu schwach

Terroranschläge haben die Welt 2015 in Atem gehalten. Wird die potenzielle Bedrohung das Leben künftig in Deutschland verändern?

Matthias Horx: Nicht mehr als der 11. September, von dem ja auch alle behauptet haben, es würde danach auf der Welt nie mehr so sein wie vorher. Das stimmte im Groß-Politischen - aber es stimmte auf der Alltagsebene eben nicht, da gelten ganz andere Gesetze.

Um die Welt tatsächlich zu verändern, ist der Terrorismus viel zu schwach, deshalb wählt er ja den Weg der psychischen Verunsicherung, was bei vielen Menschen offensichtlich klappt.

Es gibt aber auch eine Gegenreaktion von Liebe und Empathie, die sich wieder einmal in Paris gezeigt hat. Der Terrorismus kann nicht gewinnen, weil Bedrohung immer als Gegenreaktion Solidarität, Zusammenschluss, Wir-Gefühl erzeugt.

So sind wir evolutionär als Menschen geprägt. Wenn die Terroristen das verstehen würden, würden sie aufhören: Sie fördern letzten Endes das existenziell Zwischenmenschliche.

Abgesehen vom Terrorismus, welche gesellschaftlichen Phänomene werden die Menschen in Deutschland 2016 verstärkt beschäftigen?

Matthias Horx: Wir kommen in eine Zeit, in der die Gegentrends stärker werden als die Trends. Jede große Trendentwicklung erzeugt ja einen Widerstand. Globalisierung führt zu einer verstärkten Sehnsucht nach Heimat und Region. Individualisierung führt zu einer Suche nach Gemeinschaft. Immer mehr leerer Konsum führt zu einer neuen Sinnsuche.

Was resultiert daraus?

Matthias Horx: Jetzt entwickelt sich eine echte Bewegung zur Achtsamkeit - oder "Mindfulness" auf Englisch. Das ist der Trendbegriff der kommenden Jahre. In einer überreizten und übervernetzten Welt versuchen immer mehr Menschen, ihre eigene mentale Souveränität wieder herzustellen.

Zum Achtsamkeitstrend gehört der Yoga-Boom ebenso wie der Trend zu einer konstruktiv-positiven Psychologie, in der wir unsere Selbstwirksamkeit wiederfinden können.

Achtsamkeits-Menschen steigen aus dem Panik- und Paranoia-Diskurs aus

Was sind Folgen dieses Trends, den Sie in ihrem Zukunftsreport 2016 aufgeführt haben?

Matthias Horx: Achtsamkeits-Menschen verabschieden sich von den immer schrilleren Sensationen und Angst-Produktionen der Medien. Sie steigen aus dem Panik- und Paranoia-Diskurs aus und wenden sich wieder den menschlichen Beziehungen zu.

Sie sind achtsam nicht nur der Welt und den Mitmenschen gegenüber, sondern auch den eigenen Gefühlen gegenüber. Sie lernen, ihre innere Angst vor der Zukunft zu moderieren. Sie verstehen, wie ihr Selbst mit der Welt zusammenhängt.

Gibt es einen weiteren prägnanten Trend?

Matthias Horx: Achtsamkeit ist verbunden mit einem anderen Umgang mit den Medien. Dabei geht es nicht darum, einfach offline zu gehen, sondern das online besser in den Griff zu bekommen. Wir nennen das den "Omline-Trend". 20 Jahre nach dem Beginn des digitalen Booms gerät das Internet zum ersten Mal an seine Grenzen - und in eine echte Krise.

So nützlich Digitalität in einigen Bereichen sein mag, so sehr erzeugt sie Nebenwirkungen im Sozialen. In den sozialen Medien herrscht eine darwinistische, brutale Vorführmentalität. Längst wird das Netz zum Denunzieren und Hassen verwendet, statt Datenfreiheit erleben wir Überwachung, statt Verbundenheit eher digitalen Stress.

Wofür genau steht der Begriff "Omline"?

Matthias Horx: Das Om in "Omline" stammt von der Meditationssilbe Om und bezeichnet den Zustand, in dem wir digitale Technologien achtsam und souverän im Sinne unserer psychischen Integrität einsetzen. Neue Kulturtechniken entstehen, die digitale und reale Welt geraten in eine neue Balance.

Es geht um "selbstbestimmte Vernetzung" auf einer humanen Basis. Die Technik darf nicht mehr unser Leben bestimmen, sondern umgekehrt.

Zur Person: Horx (60) ist Trend- und Zukunftsforscher. Der studierte Soziologe arbeitete zunächst als Journalist und gründete 1999 sein Zukunftsinstitut, das mittlerweile in Frankfurt am Main angesiedelt ist. Das privatwirtschaftlich organisierte Institut hat in den Büros in Frankfurt, München und Wien gut 30 Mitarbeiter und verfügt über ein Netzwerk von 30 Referenten. Horx ist Dozent an mehreren Universitäten.

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