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31/12/2015 09:17 CET

Dieser palästinensische Arzt arbeitet mit Israelis zusammen und behandelt alle Patienten gleich

Un coeur pour la paix
Palästinensischer Kinderarzt

„Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich ein palästinensisches oder ein israelisches Kind behandle.“

Dr. Ibrahim Abu Zahira mag Politik nicht -- doch da, wo er lebt, kann er dem Thema kaum entkommen. Der palästinensische Kinderchirurg wurde in der Stadt Hebron im Westjordanland geboren. Er machte seine Ausbildung im Necker Hospital in Paris.

Das Krankenhaus besitzt eine renommierte Abteilung für Herzchirurgie. Jetzt arbeitet er zusammen mit israelischen Ärzten und Krankenhausangestellten im Hadassah Medical Center in Jerusalem. Diese Stelle hat er der Unterstützung von Professor Jean-Jacques Rein, einem israelischen Kinderchirurgen, zu verdanken.

„Wir machen hier keine Politik“, so Zahira über Skype zur HuffPost Frankreich. „Meine Familie freut sich, dass ich gut mit Israelis zusammenarbeite. Es kamen noch nie böse Bemerkungen von meinen Familienmitgliedern. Im Gegenteil. Einer meiner Brüder kennt einen Kollegen von mir sogar ziemlich gut. Und das Betriebsklima im Krankenhaus ist super.“

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Dr. Abu Zahira, rechts, und einer seiner Patienten nach eines Operation.

„Der Konflikt beeinflusst unsere medizinischen Entscheidungen auch in schwierigen Situationen nicht“, erzählt er weiter. „Für mich macht es keinen Unterschied, ob ich ein palästinensisches oder ein israelisches Kind behandle. Das Krankenhaus ist wie eine Familie. Ich wünsche mir vor allem Unabhängigkeit und die bekomme ich durch meine Arbeit. Ich bin den Ärzten, die mir helfen, sehr dankbar.“

Durch den alles überschattenden Konflikt, der die Region belastet, vergisst man leicht, dass Palästinenser und Israelis im täglichen Leben nebeneinander leben und zusammen arbeiten. Die politischen Spannungen sind jedem bewusst und auch Abu Zahira blendet sie nicht komplett aus. Doch da sie Seite an Seite leben, entstehen selbstverständlich auch enge Bindungen zwischen Israelis und Palästinensern, erzählt er uns.

Seine Arbeit ist ein gutes Beispiel für solche Bindungen, denn im Hadassah Medical Center arbeiten die Ärzte ungeachtet ihrer Nationalität zusammen, um gemeinsam Leben zu retten.

Zahira hat sich auf die Behandlung von Neugeborenen spezialisiert, die an einem angeborenen Herzfehler leiden. Bei unserem Skype-Interview trägt er seinen Laptop durchs Krankenhaus und zeigt der HuffPost Frankreich einen Patienten, den er gerade operiert hat.

„Dieses Baby wurde im Krankenhaus in Hebron geboren. Der Leiter der Abteilung rief mich an, weil das Baby bereits blau angelaufen war. Nachdem ich die Diagnose gestellt hatte, sagte ich ihm, dass er sofort mit der Behandlung beginnen solle, noch bevor ich das Baby überhaupt gesehen hatte“, so Zahira.

„Als ich endlich selbst zu dem Baby kam, diagnostizierte ich einen angeborenen Herzfehler. Ich fand einen freien Termin und so konnte das Baby in Jerusalem operiert werden. Seine Familie konnte die Grenze problemlos überqueren. Ich habe die Operation gerade beendet. Er ist 23 Tage alt. Es geht ihm gut.“

Zahira arbeitet für die Organisation Un Coeur Pour La Paix, oder A Heart for Peace, die sich unter anderem die medizinische Versorgung von Kindern mit angeborenem Herzfehler zur Aufgabe gemacht hat. Angeborene Herzfehler sind weltweit die am häufigsten auftretenden Geburtsfehler. Sie treten bei in etwa acht von 1.000 Geburten auf.

Man geht sogar davon aus, dass die Krankheit bei palästinensischen Neugeborenen noch häufiger vorkommt: Eine Studie aus dem Jahr 2010 kam zu dem Ergebnis, dass ungefähr 10 von 1.000 Kindern, die im Gazastreifen geboren wurden, an einem Herzfehler litten.

Dass die Quote dort erhöht ist, liegt möglicherweise daran, dass oft Ehen zwischen Paaren geschlossen werden, die nah verwandt sind, wie beispielweise Cousins und Cousinen ersten oder zweiten Grades. Diese Tradition ist im Gazastreifen noch immer weit verbreitet.

Die Krankheit ist zwar behandelbar, doch in einer Region, in der es zu wenig medizinische Mittel und Beratung gibt, ist sie tödlich. A Heart for Peace hat es sich zum Ziel gesetzt, durch Versorgung und medizinische Eingriffe, falls nötig durch Katheterverfahren oder Operationen, Leben zu retten.

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Professor Jean-Jacques Rein im Hadassah Medical Center mit einem Patienten.

Zahira erhält dauerhafte Unterstützung von der Organisation, die im Jahr 2005 gegründet wurde und es sich zum Ziel gesetzt hat, bedürftige palästinensische Kinder medizinisch zu versorgen und eine Brücke zwischen Palästinensern und Israelis zu schlagen.

„Seit Unterzeichnung des Oslo-Abkommens im Jahr 1993 sind Israelis laut Gesetz nicht mehr für die Gesundheit von Palästinensern verantwortlich“, so Dr. Muriel Haïm, der Gründer der Organisation.

„Seitdem werden viel weniger palästinensische Kinder am Herzen operiert und dies führt für die Schwächsten zum Tod“, so Haïm weiter. „Die Kinder können nur in Israel operiert werden, doch die Operationen sind teuer -- sie kosten zwischen 13.000 und 15.000 Dollar (12.000 bis 14.000 Euro).“

abu zahira

Dr. Abu Zahira in seiner Klinik in Hebron.

Die Organisation, die von Professor Jean-Jacques Rein mitbegründet wurde, sammelt deshalb seit 2005 Spenden.

Seitdem wird jede Woche ein palästinensisches Kind im Hadassah-Krankenhaus operiert. Die kleinen Patienten haben nach der Operation eine Überlebenschance von mehr als 97 Prozent. Und in den meisten Fällen ist nur eine einzige Operation nötig.

„Unserer Organisation wurde schnell klar, dass wir unser Wissen unbedingt weitergeben müssen“, so Haïm. „Aus diesem Grund haben wir eine Klinik in Ramallah drei Jahre lang teilweise unterstützt. Mittlerweile ist sie unabhängig von uns.

Das Gleiche machen wir mit Dr. Abu Zahira in Hebron. Die Organisation bezahlt ihm drei Jahre lang die Miete und stellt ihm ein Gerät zur Verfügung, mit dem er Echokardiogramme erstellen kann.“

Um auch in Zukunft weiter erfolgreich Hilfe leisten zu können, reiste A Heart for Peace im Oktober nach Paris, um weitere Spendengelder zu beschaffen.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post Frankreich erschienen und wurde ins Englische übersetzt und von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt.

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