POLITIK
31/12/2015 11:20 CET | Aktualisiert 31/12/2015 11:55 CET

"Die Deutschen haben Angst": Was das Jahr 2015 wirklich mit uns gemacht hat

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Wenn die Deutschen in wenigen Stunden aufwachen, hat der Wahnsinn ein Ende.

Zumindest vorerst.

Selten zuvor in der jüngeren Geschichte hat das Land solch ein Traumajahr erlebt. Griechenland, Flüchtlinge, Pegida - die Bundesrepublik taumelt von Ausnahmezustand zu Ausnahmezustand. Der Staat ist in Gefahr, finden viele.

Und die Demokratie? Sie wackelt. Zumindest hatte man an manchen Tagen diesen Eindruck, wenn man die Bilder brennender Flüchtlingsheime sah. Oder die fauchender Pegida-Anhänger in Dresden:

Viele Deutsche sind seit 2015 extrem unsicher

Eine bittere Erkenntnis des vergangenen Jahres ist auf jeden Fall die: In Deutschland entwickelt sich ein neuer, gefährlicher Nationalismus. Der Grund: 2015 hat aus den Deutschen ein zutiefst verängstigtes Volk gemacht.

"Viele Deutsche sind seit diesem Jahr extrem unsicher", sagte Ulrich Wagner, Professor für Sozialpsychologie an der Universität Marburg, der Huffington Post.

"Sie erwarten von der Politik Antworten auf die großen Fragen, bekommen sie aber nicht. Die holen sie sich dann bei Pegida. Das macht die Rechtspopulisten im Moment so anziehend für viele. In Zeiten der Unsicherheit neigt der Mensch dazu, nach einfachen Antworten zu suchen."

Diese Unsicherheit der Bevölkerung sei 2015 instrumentalisiert worden, sagte Wagner. "Nicht nur von Pegida, auch von den Politikern. Da braucht man sich nur anschauen, was Horst Seehofer in den vergangenen Monaten so alles gefordert hat. Da überrascht es nicht, wenn die Unsicherheit bei vielen Menschen in Angst umschlägt. Und das, obwohl die wenigsten Deutschen bisher Kontakt zu Flüchtlingen hatten."

Dieses Jahr wird zu gesellschaftlichen Veränderungen führen

Seiner Ansicht nach werde man das abgelaufene Jahr noch lange in Erinnerung behalten. "2015 wird zu gesellschaftlichen Veränderungen führen", sagt Wagner voraus.

Was 2015 mit vielen Deutschen gemacht hat, lässt auch eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov erahnen. Demnach ist mittlerweile fast jeder zweite Deutsche (49 Prozent) der Meinung, dass sich die politische Einstellung in der deutschen Gesellschaft in den letzten fünf Jahren nach rechts entwickelt hat.

„Einen der Gründe hierfür kann man sicher in einem diffusen Gefühl ständiger Angst finden", sagte Andreas Sperling, Vorstandsvorsitzender bei YouGov in Deutschland, der Huffington Post. Dazu zählten etwa die Angst vor Terrorismus, gesellschaftlichem Abstieg und Benachteiligung.

Wer nicht auf Flüchtlinge zugeht, verfällt in konservative Verteidigungsmuster

"Hinzu kommt das Gefühl, selber nichts an den Zuständen verändern zu können, dass 'die da oben' sich nicht für das einfache Volk interessieren", sagte Sperling.

Mit oft einfachen Weltbildern in Schwarz und Weiß reduzierten rechte Gruppierungen die Komplexität der gesellschaftlichen Zusammenhänge und produzierten sich damit als Sprachrohr des einfachen Mannes, kritisierte der YouGov-CEO.

Aber hat Furcht nicht auch etwas Gutes?

Wagner bezeichnet Angst immerhin als "einen vernünftigen Mechanismus". "Wenn mich ein Hund anknurrt, entwickle ich Angst und gehe ihm in Zukunft aus dem Weg. Das Problem ist, dass sich Ängste auch auf der Basis von Erzählungen entwickeln können. Wenn mir also jemand sagt, dass Syrer oder Iraker gefährlich sind, dann verhalte ich mich gegenüber Flüchtlingen möglicherweise künftig vorsichtiger."

Der Marburger Psychologe warnt zudem: "Wer sich nicht mehr traut, rational mit seiner Angst umzugehen, indem er zum Beispiel auf Flüchtlinge zugeht, der verfällt in konservative Verteidigungsmuster und verschlimmert seine Angst."

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