POLITIK
28/12/2015 14:23 CET | Aktualisiert 28/12/2015 14:38 CET

Was das Sommermärchen von 2006 mit dem rassistischen Dreck von 2015 zu tun hat

Getty

Dieses Jahr wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Und womöglich werden wir von "2015" einst sprechen wie von "1968".

Gut ein Jahrzehnt lang haben sich die Deutschen nichts sehnlicher gewünscht als eine Kanzlerin, die ihnen sämtliche gesellschaftlichen Probleme vom Hals hält. Noch vor zwei Jahren hätte Angela Merkel fürs Händefalten und Deutschlandkettetragen beinahe die absolute Mehrheit für die Union geholt.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Von dieser Zeit ist seit der Flüchtlingskrise nichts mehr zu spüren, sie wirkt wie eine fast verlorene Erinnerung. Die Deutschen denken wieder politisch. Manchmal ist das ein Grund zur Hoffnung. Und manchmal zur Sorge.

Tausende Terrorhelfer in Deutschland

Da wäre zum einen der braune Mob. Die Erinnerungen an Dresden, Freital und Heidenau. Im Jahr 2015 gab es bisher gut 900 Übergriffe gegen Asylbewerberheime, davon gut 80 Brandstiftungen – zehnmal mehr als noch im Jahr 2014. In den wenigsten Fällen konnten die Täter gefasst werden.

Wahrscheinlich gibt es in deutschen Dörfern Tausende Terrorhelfer, die Brandstifter decken oder einfach nicht hinsehen wollten, wenn der Nachbar abends mit dem Benzinkanister durch den Ort lief.

Andererseits gibt es eine unfassbare Welle der Hilfsbereitschaft. Die Bilder von den Bahnhöfen in München, Frankfurt oder Saalfeld. Laut einer kurz vor Weihnachten veröffentlichten Umfrage der Evangelischen Kirche Deutschland haben sich bereits zehn Prozent der Deutschen aktiv in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Die Hilfsbereitschaft ist riesig

Gut die Hälfte der Befragten könnte sich vorstellen, künftig ein Asylbewerberheim in ihrer Nähe mit Sachspenden zu unterstützen. Ebenso viele würden Geld spenden, um die Flüchtlingshilfe zu unterstützen.

In einem Jahr, das in EU-Staaten wie Ungarn, Schweden und Polen von einer diffusen Fremden- und Terrorangst geprägt war, haben sich viele Deutsche ihre Menschlichkeit bewahrt. Und das, obwohl auch hierzulande die Ausländerfeinde Zulauf haben.

Die Hilfsbereitschaft und der Hass: Beides ist Deutschland.

Modernisierungsverlierer der Ära Merkel

Und dass beides nebeneinander existiert, macht die enorme Sprengkraft dieses Konflikts aus. Deswegen gibt es an Weihnachten Streit beim Festessen, reden Nachbarn nicht mehr miteinander, entfreunden sich Menschen bei Facebook.

Das Nebeneinander von zwei grundsätzlich entgegengesetzten gesellschaftlichen Strömungen ist dabei nichts, was erst im Jahr 2015 entstanden wäre.

Die Regierungszeit von Angela Merkel hat Millionen von Modernisierungsverlierern produziert. Menschen, die der Wehrpflicht bittere Tränen hinterherweinen, die Windräder für „Landschaftsverspargelung“ und Atommeiler für "ökologisch" halten.

Denen die Gleichberechtigung der Frau als "Genderwahnsinn" erscheint und die sich nach den Zeiten zurücksehen, in denen der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba Homosexualität noch zu besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als „widernatürliche Unzucht“ bezeichnen dufte.

Vieles war schon bei der WM 2006 zu beobachten

Dem gegenüber stehen meist jüngere Menschen, die sehr wohl bereit sind, aktiv daran zu arbeiten, dass Deutschland ein weltoffenes Land wird.

Und all das war schon zu jener Zeit zu beobachten, die den Deutschen als der glücklichste Moment der Nullerjahre gilt: Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, die seit Jahren nur noch unter dem Begriff "Sommermärchen" firmiert.

Zum ersten Mal wurden bei diesem Turnier die "Millennials" sichtbar. Nicht nur auf dem Platz, in Person von Bastian Schweinsteiger, Philipp Lahm oder Lukas Podolski. Sondern auch auf den Fanmeilen, in den Bahnhöfen oder den Stadiongängen. Als freiwillige "WM-Volunteers" oder einfach nur als Fußball-Touristen, die durch das Land reisten, um dieses Sport-Woodstock mit allen Sinnen aufzusaugen.

Besucher schwärmten von Deutschland

Es stimmt: Viele ausländische Besucher schwärmten nachher von der Gastfreundschaft. Von einem "unbeschwerten Selbstbewusstsein", von der Lebensfreude und dem Optimismus der jungen Männer und Frauen aus Deutschland.

Die Farben Schwarz-Rot-Gold waren für diese Menschen kein Mittel zur Abgrenzung. Sondern zu Begrüßung. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dieses Erlebnis des Miteinanders eine Art Standortbestimmung war, ohne die man die Hilfsbereitschaft des Jahres 2015 nicht versteht. Viele Deutsche haben damals womöglich die "Willkommenskultur" gelernt.

Weitgehend unbemerkt gab es auch damals schon jene, denen ihre "Nationalfarben" vor allem als Ausdruck dessen galten, was sie nicht sein wollten. So wie jenen Thüringern, die schon am Eröffnungstag der WM im Münchner Olympiapark auf Menschenjagd gingen. Oder jenen Hooligans, die in Dortmund das Bahnhofsgelände zu ihrem Schlachtfeld machten. Knapp 500 Menschen wurden damals an einem Abend verhaftet.

DFB-Fahnen auf Pegida-Demos

Es ist kein Zufall, dass man heute bei den Pegida-Demonstrationen in Dresden genau jene Fußball-Fahnen mit DFB-Logo wehen sieht, die auch schon 2006 auf den Fanmeilen gezeigt wurden.

Für allzu viele Menschen war die WM 2006 ein willkommener Anlass dafür, dem eigenen, mit feschen, schwarz-rot-goldenen Blumenketten verzierten Nationalismus freien Lauf zu lassen und sich selbst darüber zu vergewissern, dass nicht nur Opa und Oma stolz auf Deutschland sein durften.

Nur geredet wurde damals darüber nicht. Zu bass waren die Deutschen erstaunt über die Euphorie, die das gesamte Land erfasste.

Die WM 2006 als Bühne für den Chauvinismus

Das sollte uns eine Lehre sein.

Denn den "unbeschwerten Party-Patriotismus" gab es in dieser einheitlichen Form nie. Das Verhältnis zum Patriotismus entscheidet sich in Deutschland nämlich immer an der Haltung zum Menschen.

Dort, wo Menschen durch Deutschlandfahnen zusammenfanden, war schon 2006 die moderne, weltoffene Bundesrepublik zu spüren.

Wo aber die Menschen lieber "Schland" grölten statt die Werte der Bundesrepublik zu leben, dort findet man heute mit einiger Sicherheit jenen Boden, auf dem die rechte Saat aufgeht.

Auch auf HuffPost:

Festerling flippt bei Pegida-Demo aus und ruft zur "Heimatverteidigung" auf

Lesenswert:

Paketzusteller hat schlechten Tag und verdirbt deshalb anderen das Weihnachtsfest