WIRTSCHAFT
28/12/2015 04:12 CET | Aktualisiert 28/12/2015 07:23 CET

Chaos Communication Congress: Hacker knackt VW-Betrugssoftware

Patrick Foto via Getty Images
VW-Skandal: Die Wahrheit liegt im Code, sagen Hacker. (Symbolbild)

Ein zunehmend großer Teil des Alltagslebens wird von Software bestimmt - ohne dass wir deren Anweisungen noch verstehen können. Die 12.000 Hacker bei dem Chaos Communication Congress (32c3) in Hamburg geben sich damit nicht zufrieden:

Gleich am ersten der vier Kongresstage nimmt ein Hacker die Steuerungssoftware eines VW-Dieselmotors auseinander. Er zeigt, wie dabei höhere Stickoxid-Emissionen als möglich in Kauf genommen werden.

"Wir sind Hacker, und wir kennen den Code, und im Code liegt die Wahrheit", sagt Felix Domke. Nachdem er in diesem Jahr vom Abgasskandal bei Volkswagen gehört hatte, wollte er selbst wissen, was es mit der Software auf sich hat.

Ein juristisch heikles Unterfangen

Zumal sein eigenes Auto zu den betroffenen Fahrzeugen gehörte. Er nahm sich die "Engine Electronic Control Unit" (Engine ECU) des Motors vor. Das ist eine Anfertigung des Herstellers "Bosch", die von Automobilherstellern an ihre jeweiligen Bedürfnisse angepasst werden kann.

Mit einer speziellen Software gelang es Domke, die Software zu dekompilieren. Er hat also aus den nur für Maschinen lesbaren Anweisungen die Codezeilen herausgefischt. Ein juristisch heikles Unterfangen, weil die Software-Hersteller dies in ihren Lizenzbedingungen meist untersagen.

Er habe sich aber beraten lassen, dass er in diesem Fall nichts riskiere, sagt der Software-Experte. Grund: Es handle sich um sein persönliches Fahrzeug.

Die Vermutung des Hackers

Schon beim ersten Blick befand Domke: "Eine sehr interessante Art, Software zu schreiben." Noch stutziger wurde er dann, als er sich das Verfahren zur Reduzierung der Stickoxid-Emissionen näher anschaute.

Die dafür verwendete Harnstofflösung mit dem Markennamen "AdBlue" wird von der Software gesteuert in den Abgasstrang eingespritzt. Domke wunderte sich über die dafür festgelegten Bedingungen: "Das Auto wird gezwungen, in einem alternativen Modell zu fahren. Bei dem wird weniger 'AdBlue' abgegeben als optimal."

Die Vermutung des Hackers: Für die Messung von Testwerten sollen ideale Ergebnisse erzielt werden. Bei längeren Autofahrten und höheren Geschwindigkeiten wird an "AdBlue" gespart. So wird die Zeit bis zur fälligen Nachfüllung verlängert.

"Daten stehen im keinen Verhältnis zur Realität"

Begleitet wird Domke von Daniel Lange, einem ehemaligen IT-Strategen bei BMW. Bei der Messung von Emissionswerten gebe es in der Branche schon lange Verfahren, die sehr fragwürdig seien, kritisiert er. "Die Daten die bei den Tests gemessen werden, stehen in keinem Verhältnis zur Realität."

Solche "Hacks" rühren an die Schnittstelle von Technik, Wirtschaft und Politik - und die Hackerszene hat sich in diesem Jahr weiter politisiert. So war die Hauptrednerin Fatuma Musa Afrah aus Somalia. Sie sprach zum Kongressmotto "gated communities". Damit meinte sie nicht geschlossene Räume wie etwa das Betriebssystem eines Computers, sondern ihre Erfahrungen in den Flüchtlingsheimen.

Das Vertrauen ins Internet - ein Problem

Ein Zusammenleben in Vertrauen und Sicherheit, das bewegt viele Kongressbesucher. "Wir vertrauen dem Internet, obwohl wir viele Gründe hätten, misstrauisch zu sein", sagt aus der schwedischen Hafenstadt Malmö. Die Expertin für Internet-Sicherheit findet es erschreckend, dass es so einfach ist, Sicherheitslücken auszunutzen - etwa bei einfach zu knackenden Passwörtern oder bei der Übertragung von Schlüsseln für den vermeintlichen sicher verschlüsselten Datenverkehr.

"Lange Zeit wurden Hacker als kriminell betrachtet, jetzt hat sich das verändert und sie haben schon fast so eine Art Helden-Aura bekommen", sagt die IT-Expertin Emma Lilliestam. "Manche sind schon ziemlich clever, aber es gibt keinen Grund, das zu mystifizieren."

Die rund 12.000 Teilnehmer des Kongresses haben sich bis Mittwoch ein umfangreiches Programm vorgenommen. Der Rat zu Beginn: "Sechs Stunden Schlaf, zwei Mahlzeiten, eine Dusche. Und das pro Tag, nicht insgesamt!"

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