POLITIK
23/12/2015 02:57 CET | Aktualisiert 23/12/2015 03:17 CET

5 Dinge, die ihr über den Vormarsch der Taliban wissen müsst

Ein Soldat der afghanischen Regierungstruppen in Helmand
DPA
Ein Soldat der afghanischen Regierungstruppen in Helmand

Erst stürmten die Taliban Kundus, dann weite Teile der großen Provinz Helmand. Friedensgespräche kollabierten, und die Nato stoppte ihren Truppenabzug. 2015 war wieder ein katastrophales Jahr für Afghanistan.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Vormarsch der Taliban.

1. Was ist in Helmand passiert?

Die radikalislamischen Taliban sind in der südafghanischen Provinz Helmand weiter auf dem Vormarsch. Im strategisch wichtigen Bezirk Sangin hätten sie fast alle Verwaltungsgebäude besetzt, nur noch ein Militärstützpunkt sei in Händen der Regierung, aber ebenfalls von den Taliban umzingelt, sagte ein örtlicher Regierungsvertreter am Dienstag der Nachrichtenagentur AP.

Damit sind nun insgesamt fünf von Helmands 15 Bezirken unter der Kontrolle der Islamisten. In zwei weiteren halten Regierungstruppen nur noch das Zentrum.

Und gleich am Montag folgte ein weiterer Schlag: Ein Selbstmordattentäter der Taliban zündete einen Sprengsatz inmitten einer Fußpatrouille von internationalen und afghanischen Polizisten und Soldaten. Beim schwersten Anschlag auf die Nato-Mission Resolute Support in diesem Jahr starben sechs internationale Soldaten.

2. Warum sagt der Vormarsch in Helmand über die Gesamtsituation in dem Land aus?

Der Vormarsch in Helmand zeigt das neue Erstarken der Taliban. Er kommt nur wenige Monate, nachdem die Taliban zum ersten Mal seit ihrem Sturz 2001 eine Provinzhauptstadt erobern konnten. Ende September 2015 griffen etwa 1000 Kämpfer der Taliban das Stadtzentrum von Kundus an. Die afghanischen Sicherheitskräfte zogen sich zum Flughafen außerhalb der Stadt zurück. Erst nach langwierigen Kämpfen gelang es den afghanischen Truppen am 13. Oktober wieder, die Stadt unter ihre Kontrolle zu bringen.

3. Warum greifen die Taliban gerade jetzt an?

Zum einen hat der Vormarsch der Taliban mit dem Rückzug der Nato-Truppen und der Schwäche der afghanischen Regierung zu tun. Zum anderen auch mit Veränderungen in der Führungsriege der Miliz. Im Juli sah es kurz so aus, als könne es einen Frieden zwischen Taliban und der Regierung geben. Damals gab es ein von Pakistan unterstütztes Treffen.

Aber nur einen Tag vor der zweiten geplanten Zusammenkunft wurde plötzlich von unbekannter Seite die Nachricht vom Tode des langjährigen Talibanchefs Mullah Omar lanciert. Dessen Ableben hatten die Taliban aus Angst vor internen Zerwürfnissen zwei Jahre lang geheim gehalten. Ob so geplant oder nicht: Die Extremisten waren plötzlich inmitten eines blutigen Nachfolgekampfes, der bis heute andauert. Die Gespräche brachen zusammen.

4. Warum kann die afghanische Regierung den Angriffen so wenig entgegensetzen?

Der neue Präsident des Landes, Aschraf Ghani, hatte der rasanten Verschlechterung der Sicherheitslage in 2015 wenig entgegenzusetzen. Nach der Wahl im September des Vorjahres hatte er versprochen, alles solle besser werden: Sicherheit, Schutz der Menschenrechte, Regierungsführung. Aber dann dauerte es allein sieben Monate, bis im April 2015 das Kabinett vollständig war.

Oder besser: fast vollständig. Einen Verteidigungsminister hat das Land im Kriegszustand immer noch nicht. Das Parlament hat bisher alle Kandidaten abgelehnt. Der letzte abgelehnte Bewerber, Massum Staneksai, amtiert nun einfach illegal.

Erfolge hatte diese Regierung 2015 nur wenige aufzuweisen. Der wichtigste war wohl, dass Aschraf Ghani es geschafft hat, das Verhältnis mit den Gebern zu reparieren. Vor allem das mit den Amerikanern, die der vorherige, langjährige Präsident Hamid Karzai gründlich verärgert hatte. Auch darauf ist zurückzuführen, dass die Nato jüngst beschloss, den Abzug aus Afghanistan zu stoppen und 12.000 Soldaten im Land zu lassen - Bundeswehr inbegriffen.

5. Was wird jetzt aus dem Rückzug der Nato-Truppen?

Das Kampfmandat der Nato lief Ende 2014 aus. Die Nato hatte erst Anfang Dezember nach langem Hin und Her abschließend entschieden, den Truppenabzug aus Afghanistan wegen der angespannten Sicherheitslage zu stoppen. Jetzt sollen 12.000 Soldaten für den Ausbildungseinsatz "Resolute Support" (Entschlossene Unterstützung) im Land bleiben. Die Bundeswehr stockt ihre Truppe sogar von 850 auf bis zu 980 Soldaten auf. Ursprünglich war für 2016 eine deutliche Truppenreduzierung und der Rückzug in die Hauptstadt Kabul geplant.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen sagte: "Ich glaube, wir müssen nicht in Monaten denken, wenn wir über 'Resolute Support'-Mission sprechen, sondern eher in Jahren."

Der Rückzug der Nato-Truppen sieht allerdings Friedensgespräche zwischen Taliban und Regierung vor - und die haben die Taliban offensichtlich nicht mehr im Sinn.

Mit Material der DPA und der AP

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