POLITIK
24/12/2015 02:27 CET | Aktualisiert 24/12/2015 06:04 CET

"Ich hatte noch nie ein totes Kind gesehen": Ein Tag mit einem Rettungsteam auf Lesbos

lesbos

Zum Glück ist auch heute wieder ein sonniger Tag und das Meer ist ruhig. Die ersten Flüchtlinge kommen in Schlauchbooten im Süden der griechischen Insel Lesbos an. Ihre Ankunft verläuft reibungslos.

Babys werden den Helfern in die Arme gedrückt, nasse Schuhe und Socken werden ausgezogen, Decken verteilt. Es gibt Tränen der Erleichterung. Diese Boote sind sicher angekommen. Da sie von unerfahrenen Bootsführern gesteuert werden, die eher zufällig ausgewählt und ans Steuer gesetzt werden, ist das nicht immer der Fall.

Die Seenotrettungsteams arbeiten mittlerweile mit ausgeklügelten Systemen, mit denen sie Boote orten und an bestimmte Punkte am Strand lotsen, an denen keine Felsen sind. Team Humanity ist eine Gruppe, die mit einem geliehenen Boot und Handys die Menschen per WhatsApp ortet, lotst und rettet.

Wir brechen aufgrund von einer Gruppennachricht, einigen Anrufen und einer vagen Ahnung auf

Salam hat von der Krise in Dänemark erfahren und reiste hin. Er wollte eigentlich nur ein paar Wochen dort bleiben - doch jetzt, so sagt er, "hängt er fest" und kann nicht mehr abreisen.

Es ist zu viel passiert - Gutes wie Schlechtes. Er und die anderen Mitglieder von Team Humanity arbeiten mit Proem-Aid zusammen, einem spanischen gemeinnützigen Such-und-Rettungsverband, der aus professionellen Rettungskräften besteht. Proem-Aid-Teams kommen und gehen in Zwei-Wochen-Schichten. Alle Mitglieder arbeiten ohne Bezahlung, kommen für ihre eigenen Kosten selbst auf und sind rund um die Uhr in Rufbereitschaft, da man nie weiß, wann und wo Boote anlanden.

Ich folge der Einladung des Teams und begleite es bei seiner nächsten Suchaktion. Wir brechen aufgrund von einer Gruppennachricht, einigen Anrufe und einer vagen Ahnung in einem Schlauchboot auf.

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Ich sehe nichts auf dem Wasser. Doch 15 Minuten später ist es da: ein Schlauchboot. Stabil, aber natürlich überfüllt - 60 Menschen freuen sich, uns zu sehen.

Wir winken. Sie winken. Wir fahren nah an ihr Boot heran und plötzlich verstehe ich, warum Salam "festhängt". Teil eines Rettungsteams zu sein, ist ein tolles Gefühl.

Zum Glück spricht Salam Arabisch und ruft ihnen zu, dass sie auf eine ungünstige Anlegestelle zusteuern. Wir werden sie lotsen.

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Als wir uns der Küste nähern, fliegt Salam förmlich aus dem Boot, um dem unerfahrenen Bootsführer beim Abstellen des Motors zu helfen, damit die anderen Teammitglieder, die Neoprenanzüge tragen, das Boot an die Küste ziehen können.

Es verläuft nicht immer alles so reibungslos. Vor Kurzem steuerte ein Boot seitwärts auf die Küste zu und kippte um. Die Insassen steckten unter dem Boot fest und der Wind trieb sie aufs Meer hinaus. Unsere Helden rannten los und schafften es gemeinsam, das Schlauchboot wieder umzudrehen. All die eingeklemmten Frauen und Kinder konnten gerettet werden. Erstaunlicherweise sei niemand ertrunken, sagt Salam.

Er sagt, er habe noch niemals ein totes Kind gesehen, bevor er mit seiner Rettungsarbeit begann. Salam wurde gebeten, nach dem Verbleib einer Familie zu fahnden, bei deren Anreise per Boot 40 Menschen ertranken. Jemand hatte ihm Fotos geschickt.

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Zuerst ging er die Liste der Überlebenden durch. Da ihre Namen nicht auf der Liste waren, ging er ins Leichenhaus. Er sagt, die Leichen seien übereinander gestapelt worden. Frauen in einer Ecke. Kinder in einer anderen. Männer überall verteilt.

Er erkannte die Jacke eines kleinen Jungen auf einem Foto an einem der toten Kinder wieder. Dann fand er seinen älteren Bruder. Die Eltern waren ebenfalls umgekommen. Zwei ältere Geschwister hatten überlebt und wurden später von Verwandten aufgenommen.

Nahe Mytilene, Griechenland, gibt es ein Feld, auf dem Muslime - deren Traum von einem neuen Leben jäh endete - gewaschen und begraben werden. Zusammen mit einem anderen Mann hob er Gräber für die Kinder aus. Es dauerte sieben Stunden.

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Dieser Artikel ist ursprünglich bei der The WorldPost erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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