POLITIK
22/12/2015 11:20 CET

Weihnachten nach Hause zu fahren, das ist wie auf einen anderen Planeten zu reisen

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In meiner Berliner Altbaustraße stehen gerade die Kombis in zweiter Reihe. Auf dem Rücksitz quengeln kleine Kinder, während Mutti noch schnell in den Hauseingang stürmt, um dort die letzten Geschenke für die Familie im fernen Westen der Republik aufzusammeln.

Der Countdown läuft. Bis zum Abend des 23. Dezember wird Berlin wie eine gut beleuchtete Geisterstadt aussehen. Dann kann man stille Minuten am Brandenburger Tor verbringen. Ungestört über die Friedrichstraße bummeln. Oder problemlos einen Tisch im angesagten Szene-Restaurant reservieren.

Denn erst wenn die Einwanderer aus Schwaben, Hessen, Bayern oder Thüringen sich für die Festtage auf eine beinahe biblische Wanderung zu ihren Geburtsorten begeben haben, merkt man, wie sehr diese Stadt von ihrer Anziehungskraft auf junge Menschen lebt.

Und wie trostlos dieser Ort aussähe, wenn es den Hype um Berlin nie gegeben hätte.

Berlin war ein Stück betonierter Sandboden, östlich von Magdeburg

Ich bin Mitte 30. Als ich Ende der 90-er Jahre erwachsen wurde, war Berlin noch nicht Regierungssitz und als Wohnort für die meisten Westdeutschen so attraktiv wie ein zubetoniertes Stückchen Sandboden, irgendwo östlich von Magdeburg. Das änderte sich schon bald komplett.

75 Prozent der Menschen in meinem Alter sind in Vorstädten oder auf dem Land aufgewachsen. Nach dem Abitur oder dem Abschluss der Ausbildung wollten wir der Enge unserer Heimat entfliehen: Orte, an denen man durch die älteren Damen mit ihren mit Kopfkissen staffierten Fensterbänken gnadenloser überwacht wurde, als es die NSA jemals könnte.

Wer blieb, kaufte sich damit ein Ticket für die Sauerkraut-Variante des „American Dream“: Unbefristeter Arbeitsvertrag beim lokalen Mittelständler. Mitgliedschaft in der Freiwilligen Feuerwehr. Mit 25 Jahren heiraten, mit 30 ein Haus bauen und bis zum 65. Geburtstag die Hypothek abbezahlen.

Später bieten Städte Freiheit

Städte boten da ein gutes Alternativprogramm: Weniger soziale Kontrolle, mehr persönliche Freiheit und nicht zuletzt auch ein berufliches Umfeld, das verheißungsvoller zu sein schien als die Aussicht, beim Weltmarktführer von nebenan bis ans Ende aller Tage an Kesselbrennern herumzuschrauben.

Die Ironie der ganzen Geschichte: Viele von meinen Altersgenossen – speziell jene, die in der Kreativbranche unterkommen wollten – mussten sich jahrelang vom daheim subventionieren lassen. Bildlich gesprochen: Die schicken Einrichtungen in den Berliner Altbauwohnungen wurden mit dem Kesselgeld aus der westdeutschen Provinz finanziert.

Und manch einer wird sich in einer stillen Minute wohl eingestehen müssen, dass neben der Liebe zu unseren Eltern auch das gute Westgeld ein Grund dafür ist, warum Berlin zur Weihnachtszeit derart ausgestorben wirkt. Man beißt eben nicht die Hand, die einen immer noch füttert.

Wer bezahlt die Altbauwohnung im Prenzlauer Berg?

Aber vielleicht bietet die Heimfahrt zur Weihnachtszeit ja auch die Möglichkeit für einen Perspektivwechsel. In meinem Freundeskreis machen sich viele Leute Gedanken, wie ihr bisheriges Leben gelaufen wäre, wenn sie den Weg gewählt hätten, den ihre Eltern eingeschlagen haben: nämlich den der deutschen Provinz.

Das Berlin im Jahr 2015 hat nämlich nicht mehr viel mit dem Berlin von 2005 zu tun. Die Mieten sind in den vergangenen fünf Jahren explodiert: In manchen Stadtteilen wie Kreuzberg, Neukölln oder Moabit muss man bei Neuvermietungen heute das Doppelte bezahlen wie noch in den Nullerjahren.

Wer sich das Leben in der Hauptstadt leisten will, muss hart dafür arbeiten. Auch die Überweisungen aus dem Westen reichen mittlerweile kaum noch aus, um die stetig steigenden Lebenshaltungskosten in Berlin zu decken. Der viel beschworenen Freiheit werden da ganz natürliche Grenzen gesetzt, die sich aus dem Arbeitstag in der Firma ergeben.

Hohe Arbeitslosigkeit in Berlin

Wenn man denn einen Job hat. Die Arbeitslosenquote liegt in Berlin immer noch bei 10,0 Prozent, und anders als in Brandenburg wird es auch der demografische Wandel nicht richten. Denn jedes Jahr gewinnt Berlin 40- bis 60.000 neue Bürger hinzu.

Währenddessen zahlt der Kesselbrenner-Hersteller daheim Traumgehälter. Mit vierzehntem und fünfzehntem Monatsgehalt. Weil es kaum mehr Menschen in der Provinz gibt, die sich bei ihm bewerben könnten.

Ein Haus kann man sich dort mieten, oder auch gleich eines kaufen. Ohne dass die Hypothek die nächsten 30 Jahre läuft. Und ruhig ist es dort. Sofern man das Whatsapp-Gebimmel am eigenen Handy ausgeschaltet hat.

Es ist die Welt, in die es viele Menschen in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren verschlagen hat, weil damals der ländliche Raum einen Zugewinn an Lebensqualität versprach. Die meisten Städte im Ruhrgebiet schrumpften damals, ebenso Frankfurt und Stuttgart. Die Stadt Hamburg verlor binnen 20 Jahren sogar fast 300.000 Einwohner.

Wenn wir also im Jahr 2015 nun zu Weihnachten zurückfahren, sehen wir womöglich nicht nur unsere Vergangenheit. Einen zweiten Gedanken ist das zumindest wert.

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