POLITIK
22/12/2015 16:52 CET | Aktualisiert 23/12/2015 03:57 CET

"Eine Drohkulisse wie eine Atombombe": So setzt der IS gezielt Wasser als Waffe ein

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Wasser als Waffe

Das wichtigste Gut des selbsternannten Islamischen Staats ist das Öl. Bereits im vergangenen Jahr wurde bekannt, dass die Terrormiliz jeden Tag drei Millionen Dollar mit dem Handel von Öl einnimmt. Doch das "schwarze Gold" ist längst nicht der einzige Rohstoff, den die Terroristen unter ihre Kontrolle gebracht haben.

Die Rede ist von Wasser.

Während ihres Eroberungsfeldzuges hat der Islamische Staat große Teile der Wasserinfrastruktur in Syrien und dem Irak okkupiert. So haben die Kämpfer mehrere Staudämme und Talsperren an den beiden großen biblischen Flüssen Euphrat und Tigris erobert.

In den traditionell regenarmen Ländern lässt sich Wasser hervorragend als Waffe für politische und militärische Ziele einsetzen, schreibt der Politikwissenschaftler Tobias von Lossow in einem Aufsatz für die Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik.

Hier sind 5 Punkte, wie der IS Wasser gezielt als Waffe missbraucht:

1. Wasserengpässe

Sowohl in Syrien als auch im Irak haben die Kämpfer einige Städte, Gemeinden oder gar ganze Regionen "zeitweise von der Wasser- und Stromversorgung abgeschnitten" und so "regelrecht ausgetrocknet". So geschehen etwa im Juni 2014 in der nordirakischen Stadt Qaraqosh, in der überwiegend Christen leben. Zudem hätten die Gotteskrieger - um die Landwirtschaft zu schwächen - gezielt Flussläufe umgeleitet.

2. Überschwemmungen

Doch nicht nur mit zu wenig Wasser, auch mit einer zu großen Menge des kostbaren Rohstoffs lässt sich viel Schaden anrichten: So schreibt der Politikwissenschaftler, dass der IS im Mai des vergangenen Jahres die Schleusen des Falluja-Damms im Irak geschlossen hatte.

Die Folge: Es kam im Umkreis von bis zu 100 Kilometern zu massiven Überschwemmungen. 10.000 Häuser und rund 200 Quadratkilometer fruchtbares Ackerland fielen den Fluten zum Opfer. 60.000 Menschen mussten auf Grund des Hochwassers ihre Heimat verlassen. Auch einige irakische Regierungsgebäude standen zeitweise teils meterhoch unter Wasser.

3. Verunreinigtes oder vergiftetes Wasser

Eine nicht minder perfide Methode, das Wasser als Waffe einzusetzen ist, verunreinigtes oder vergiftetes Wasser unter die Leute zu bringen: "Diese Praxis kann relativ leicht in andere Regionen exportiert werden, da sich bei einem solchen Anschlag mit vergleichsweise einfachen Mitteln großer Schaden anrichten lässt", schreibt Tobias von Lossow.

In der irakischen Provinz Salahaddin hätten die Terroristen im letzten Jahr das Trinkwasser mit Rohöl verunreinigt. Auch aus der bis heute umkämpften syrischen Stadt Aleppo und sogar aus der irakischen Hauptstadt Bagdad wurden Meldungen über verunreinigte Wasservorkommen bekannt. Von Lossow berichtet außerdem davon, dass der IS seine Anhänger dazu aufrief, das Trinkwasser der Feinde auch anderorts zu vergiften.

4. Wasser als Kriegswerkzeug

Wiederholt flutete der IS ganze Dörfer und Landstriche, um den Vormarsch der irakischen Armee zu stoppen. "Werden umkämpfte Gebiete trockengelegt oder Pegelstände abgesenkt, kann das die Wasserversorgung der feindlichen Truppen beeinträchtigen. Gleichzeitig vergrößert sich damit der Bewegungsradius der eigenen Kämpfer. Die spezifische Funktion von Flüssen als natürliche Grenze wird damit außer Kraft gesetzt, die strategische Bedeutung von Brücken ausgehebelt", schreibt von Lossow.

5. Wasser als Drohkulisse

Ohne Wasser gibt es kein Leben. So hat es einen großen psychologischen Wert, wer die Ressource kontrolliert. Umso mehr gilt dies für eine extrem wasserarme Region wie den Nahen Osten. Wurde doch die Region erst vor zwei Jahren von der größten Dürre seit mehr als 60 Jahren heimgesucht. Durch die jahrelangen Kampfhandlungen sind im Irak und in Syrien Teile der Wasserinfrastruktur unbrauchbar geworden. Ein großer Teil der Bevölkerung ist dennoch von der Landwirtschaft und damit auch von Bewässerung abhängig.

Tobias von Lossow zieht einen unheimlichen Vergleich: "Die strategische Reichweite der Waffe Wasser erlaubt es – ähnlich der Wirkungslogik einer Atombombe – eine Drohkulisse auf längere Sicht aufrechtzuerhalten, ohne diese Waffe einzusetzen". Solange die Terrormiliz wichtige Staudämme an den Flüssen Euphrat und Tigris kontrolliert, geht von ihr große Gefahr aus. Ganz egal, wie viel Gebietsverluste der IS in den vergangenen Monaten hinnehmen musste.

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