POLITIK
21/12/2015 14:51 CET | Aktualisiert 23/12/2015 18:47 CET

Bis zu 100.000 weitere Plätze nötig: Flüchtlingskrise verschärft Kita-Mangel massiv

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Kinder im Kindergarten. Foto: Getty.

Eigentlich hatte die 40-jährige Münchnerin alles richtig gemacht. Bereits im vierten Schwangerschaftsmonat meldete sie ihren ungeborenen Sohn bei mehr als einem halben Dutzend städtischen Kinderkrippen an. Schließlich wollte sie eigentlich direkt nach ihrer zwölfmonatigen Elternzeit beruflich wieder voll durchstarten. Doch daraus wurde erst einmal nichts. Es dauerte über zweieinhalb Jahre bis sie für ihren Kleinen einen der begehrten Kita-Plätze ergatterte.

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Nicht nur an der Isar sind sehr lange Wartezeiten vor allem bei den Null- bis Dreijährigen eher die Regel als die Ausnahme. So fehlten bundesweit bereits 2013 mehr als 100.000 Plätze allein für Kinder unter drei Jahren.

Und der Mangel an Kita-Plätzen könnte sich Experten zufolge durch die Flüchtlingskrise schon bald dramatisch verschärfen. Schätzungen der Bundesregierung zufolge wird der Bedarf an Kita-Plätzen in Deutschland aufgrund der Zuwanderung erheblich steigen. Bei 800.000 in diesem Jahr eingetroffenen Flüchtlingen sei mit einem Zusatzbedarf von rund 70.000 Betreuungsplätzen zu rechnen, heißt es im Bundesinnenministerium.

Bis zu 14.000 zusätzliche Erzieher müssten eingestellt werden

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund geht wegen der zuletzt gestiegenen Flüchtlingszahlen sogar davon aus, dass bis zu 100.000 weitere Kita-Plätze nötig sein könnten, um die Kinder der Flüchtlinge unterzubringen. Und falls noch mehr Asylsuchende ihre Familien nachholten, sei auch diese Prognose vermutlich zu niedrig angesetzt.

„Diese Entwicklung stellt viele Kommunen vor eine nur schwer lösbare Aufgabe“, sagt Uwe Lübking, Bildungsexperte des Städte- und Gemeindebunds, der Huffington Post. Der voraussichtliche Extra-Bedarf an zusätzlichem Kita-Personal beläuft sich laut Bundesinnenministerium deutschlandweit voraussichtlich auf etwa 9000 Vollzeitstellen. Bildungsexperten der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) rechnen sogar damit, dass 14.000 Erzieher zusätzlich benötigt werden.

Stellen die staatlichen und kirchlichen Betreiber nicht die nötigen Mitarbeiter ein, dürften als Folge entweder die Wartezeiten für einheimische Eltern deutlich ansteigen oder die Qualität der Betreuung sich verschlechtern.

Kommunen suchen händeringend Erzieher

Ein Problem: Schon heute suchen die Kommunen händeringend Erzieher und Kinderpfleger. Vor allem große westdeutsche Städte wie München oder Stuttgart können trotz im Vergleich zu anderen Regionen besserer Bezahlung zahlreiche Stellen längst nicht mehr besetzen. „Der Markt ist mancherorts leergefegt. Und die Ausbildung von neuem Personal geht ja nicht von heute auf morgen“, sagt Lübking. Vier bis fünf Jahre dauert die Ausbildung eines Erziehers.

Zudem bereitet vielen Städten und Gemeinden die Finanzierung der nötigen Stellen Kopfzerbrechen. Lübking fordert deshalb vom Bund mehr finanzielle Mittel. Die bislang beschlossenen Hilfen reichten nicht aus. Auch die GEW rechnet für die kommenden Jahre mit Milliardenkosten, die auf die ohnehin schon klammen Kommunen zukämen.

Da viele Flüchtlinge in die Großstädte und Ballungsräume ziehen würden und damit den Mangel an Kita-Plätzen aber auch Wohnraum weiter verschärften, hält es Lübking "für notwendig, eine zeitlich begrenzte Wohnsitzauflage zu prüfen und zugleich durch eine gezielte Förderung Anreize, für eine Ansiedlung in ländliche Räume zu schaffen".

Damit rüttelt der Verband an der zuletzt beschlossenen Aussetzung der sogenannten Residenzpflicht . Derzeit haben Flüchtlinge nach drei Monaten die freie Wohnortswahl.

Zudem sei auch noch speziell qualifiziertes zusätzliches Personal nötig. „Es gibt ja unter den Flüchtlingskindern auch viele Jungen und Mädchen, die traumatisiert sind“, so Lübking. Auch die GEW fordert zusätzliche Sprachtherapeuten und Sozialpädagogen.

Es sei für die Integration wichtig, dass zumindest Flüchtlingskinder im Kindergartenalter eine Einrichtung besuchten, betont Lübking. Er sprach sich dagegen aus, Flüchtlingskinder bei der Suche nach Kita-Plätzen zu bevor- oder zu benachteiligen: „Es muss das Kindswohl im Vordergrund stehen.“

In der Praxis werden bestimmte Gruppen von Kindern, etwa aus schwierigen Elternhäusern oder, wenn diese Sprachdefizite aufweisen, von vielen Kommunen bei der Vergabe von Kita-Plätzen bevorzugt. Die Nationalität der Jungen und Mädchen darf dabei jedoch keine Rolle spielen.

Der Deutsche Städtetag sieht akuten Handlungsbedarf, um eine Zuspitzung der Kita-Krise doch noch zu verhindern. Bund und Länder seien gefordert, „sich an den Investitionskosten und an den zusätzlichen Betriebskosten zu beteiligen, die den Kommunen durch die Flüchtlingskinder entstehen“.

"Bundesmittel reichen bei weitem nicht aus"

Auch GEW-Chefin Marlis Tepe sagt, die Mittel, die der Bundeshaushalt 2016 für die Bildung von Flüchtlingen vorsieht, reichten "bei weitem nicht aus". Sie erinnert daran, dass der Bund angesichts der guten Einnahmelage über finanzielle Spielräume verfüge: In der Bildungspolitik bestehe Konsens, dass Bildung der Schlüssel für die Integration sei.

Klar ist: Im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist die Qualität der frühkindlichen Bildung in Deutschland auch ohne die Auswirkungen der Flüchtlingskrise schon heute oft lausig. Einer Studie der Bertelsmann-Stiftung zufolge wären in deutschen Kitas im vergangenen Jahr 120.000 Erzieher mehr nötig gewesen, um eine angemessene frühkindliche Bildung zu gewährleisten.

Dass Deutschland zu wenig Geld in seine Kitas steckt, ist aus Sicht vieler Bildungsexperten eine Ursache für die wachsende soziale Ungleichheit.

Im Zuge der Flüchtlingskrise dürfte sich diese noch verschärfen. Wenn die Flüchtlingskinder später einmal bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sollen als ihre Eltern, müssen die Grundlagen dafür im Kleinkindalter gelegt werden.

Für GEW-Expertin Tepe ist deshalb klar, dass der Staat sich dafür auch verschulden sollte: „Bildung darf nicht dem Dogma der Schwarzen Null geopfert werden.“ Bleibt zu hoffen, dass das auch die politisch Verantwortlichen so sehen.

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