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21/12/2015 17:48 CET | Aktualisiert 22/12/2015 02:03 CET

Wie Autisten die IT-Welt revolutionieren

WILL & DENI MCINTYRE via Getty Images
Therapist with autistic boy

Er war schon mit 30 Jahren Frührentner, weil keiner seine Krankheit kannte: Sören Schindler. Er zerbrach an der stressigen Arbeit in einer großen Bank im Großraumbüro, wurde ein Sozialfall. Der eigentliche Grund: Er hat das Asperger-Syndrom, eine leichte Form von Autismus.

Autisten müssen alles planen. Sie brauchen Struktur und Logik, Gefühle verstehen sie aber meist nicht. Körperliche Nähe und Blickkontakt empfinden sie eher als unangenehm. Gewimmel auf der belebten Straße oder in der vollen U-Bahn gleichen einem Altraum für einen Autisten. Schreiende Kinder irritieren sie.

Signale wie Mimik und Gestik sind für sie schwer zu interpretieren, sie müssen mühsam von Mitmenschen und Büchern lernen, was sie bedeuten. Was ist ein wütendes Gesicht? was ist dieses schlechte Gefühl, dass ich habe? Warum sollte man Leute nicht auf ihr Gewicht ansprechen? Vieles lässt sich lernen, aber es dauert – und es gibt auch Grenzen.

Autisten können soziales Verhalten zwar imitieren und sich merken, was man tun sollte und was nicht. Verinnerlicht oder die Motive begriffen haben sie deshalb trotzdem nicht automatisch. Und wenn sie die Wahl haben, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie lieber ihre Ruhe haben als mit Freunden Kaffee trinken zu gehen.

Wer autistisch ist, aber seine Diagnose noch nicht kennt, versteht oft selbst nicht, warum er so ist wie er ist. Autismus ist eine angeborene Störung der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung. Sie ist nicht heilbar. Autist und Autor Josef Schovanec sagte gegenüber der „Neuen Züricher Zeitung“, dass er das auch überhaupt nicht schlimm findet: Für ihn ist Autismus keine Krankheit. Es ist eine „Sonderart des Denkens“. Einfach anders, aber nicht in irgendeiner Wiese schlechter.

Für ihn ist Nicht-Autisten beobachten dagegen wie in den Zoo gehen, besonders bei Karrierejunkies, die nach Macht und Geld streben. Wer legt schon fest, was normal ist?

Dass Autisten alles andere als dumm oder zu wenig zu gebrauchen sind, wissen mittlerweile auch viele Unternehmen. Vor allem der IT-Bereich hat sie für sich entdeckt. SAP beispielsweise sucht seit Jahren ganz bewusst Autisten.

Der Grund: Im Alltag mögen sie orientierungslos sein, im Netz sind sie allerdings Spezialisten. Sie finden sich im Datenmeer besser zurecht als viele andere. Ihr Hang zu Struktur und Analyse zahlt sich hier aus. Es kommt den Unternehmen natürlich auch entgegen, dass sie kein Interesse an Tratsch-Kaffeepausen haben und sehr konzentriert arbeiten.

Zudem haben Autisten oft „Inselbegabungen“, also außergewöhnliche Talente in ganz bestimmten Feldern. Zusammen mit den Eigenschaften, dass sie strategisch arbeiten, kaum Fehler machen und unter den richtigen Bedingungen oft unermüdlich arbeiten können, kann sie das auch zu außergewöhnlichen Leistungen bringen.

70 neue Mitarbeiter mit Autismus-Diagnose hat SAP laut dem „Manager Magazin“ in den letzten zwei Jahren bereits eingestellt. Es gibt sogar eine feste Autisten-Quote: Bis 2020 soll ein Prozent der 75.000 Stellen mit den besonderen IT-Talenten besetzt sein, so das Ziel.

„Autismus und IT haben große Ähnlichkeiten“, erklärte Anka Wittenberg, Diversity und Inklusionschefin des Unternehmens, dem „Manager Magazin“. „Menschen mit Autismus übersetzen Kommunikation in ihre Sprache, sie denken in geometrischen Mustern.“ Die IT würde ähnlich funktionieren: Auch hier wird codiert, in Programmiersprache übersetzt.

Die Frage ist: Wenn Autisten so gute Arbeit leisten können, warum haben Unternehmen sie dann erst in den letzten Jahren für sich entdeckt? Die Ursache liegt erstens in der Diagnose und zweitens im richtigen Umgang mit ihnen.

Viele sind zwar sehr intelligent und sehr gut ausgebildet, aber trotzdem ein Sozialfall. Sie fanden lange keine Jobs, weil Teamfähigkeit und gute Kommunikationsfähigkeiten Soft Skills sind, die auf keinem Lebenslauf fehlen dürfen. Im Assessment Centern fallen Autisten schnell durch.

Oft ist das Problem auch, dass die Betroffenen ihre Störung nicht einordnen können. Eine Falschdiagnose kann vieles zerstören. Zum Beispiel können Medikamente gegen Depressionen oder Schizophrenie, was oft als Ursache für ihr Verhalten vermutet wurde, großen Schaden anrichten.

„Wenn Eltern mit einem autistischen Kind einen Arzt suchen, ist das noch immer wie russisches Roulette“, sagte auch Autist Josef Schovanec gegenüber der „NZZ“ – auch wenn mittlerweile besser und öfter festgestellt wird, wer zum Beispiel am Asperger-Syndrom leidet. Die Störung ist auch immer mehr ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt.

Die richtige Diagnose kann vieles verändern. Es ist der Beweis: Man ist Autist. Sobald man weiß, was mit einem los ist, kann man auch lernen, damit umzugehen. Erst dann können auch Arbeitsbedingungen angepasst werden, wie IT-Unternehmen es jetzt tun.

Sie wissen, wer zu ihnen kommt und sind vorbereitet, die Mitarbeiter geschult. Wichtig sind ein ruhiges Arbeitsumfeld, das nicht überfordert mit Reizüberflutung. Kein Großraumbüro, kein Lärm, keine unnötige soziale Interaktion. Stattdessen klare Aufgaben, auf deren Lösung man hinarbeiten kann. Dann können Autisten zu Höchstformen auflaufen.

Laut Anka Wittenberg im „Manager Magazin“ würden Autisten sogar Meetings bereichern, obwohl soziales Verhalten nicht ihre Stärke ist: Die Treffen würden direkter, man würde schneller auf den Punkt kommen.

Auch Sören Schindler kann mittlerweile seine Talente voll zeigen, wie der „Stern“ berichtet. Mit 30 war er Frührentner und ein Sozialfall, heute steht er mit 40 Jahren wieder voll im Berufsleben. Der Informatiker arbeitet für Auticon, ein Start-up aus Berlin, gegründet von einem Arzt speziell für Autisten mit IT-Talent. Zurzeit entwickelt Sören in München eine neue Software für die Hypovereinsbank, die Risiko-Szenarien überprüft.

Kunden von Auticon sind laut dem „Stern“ ein Drittel der Dax-Konzerne – auch Siemens, Allianz, Telekom. Sören ist einer der besten auf dem Gebiet Software-Entwicklung und Big Data. Headhunter und große Unternehmen buhlen um ihn. Er könnte leitende Positionen übernehmen, sogar in den USA. Im Silicon Valley hat man nämlich schon länger das besondere Talent von Autisten erkannt. Manche meinen sogar, ein wenig Autismus sei wichtig, um ein erfolgreicher Gründer in der IT-Industrie zu werden.

Ob Sören irgendwann eines der Angebote annimmt, weiß er noch nicht. Auf jeden Fall ist er viel zufriedener als früher. Was für ihn den Unterschied gemacht hat: Die Diagnose, wissen was los ist.

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