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21/12/2015 14:35 CET | Aktualisiert 21/12/2015 14:45 CET

Ein Lkw-Unfall zerstörte seinen Traum - doch er kämpft weiter

Er hat ein Ziel. Alfred Hufnagl ist Rennstuhl-Sportler und wollte im kommenden Jahr nach Rio de Janeiro zu den Paralympics 2016 fliegen. Er trainierte hart. Seine Hände griffen stets energisch an die Räder, der Rennrollstuhl wurde schneller – doch dann war plötzlich alles vorbei.

Bei einem Training riss ein Lastwagen einen Teil des Rennrollstuhls mit sich. Nur Millimeter von seinem Arm entfernt. Alfred Hufnagl verlor die Kontrolle über das Renngerät, kam von der Straße ab und raste ins Dickicht.

"Als ich realisiert hatte, was passiert war, war der Laster schon hundert Meter weiter. Er war grau und kam aus Österreich – mehr habe ich leider nicht erkannt", sagt Alfred Hufnagl.

Er steht mit seinem Rollstuhl direkt an der einladenden Couch, stützt sich im Gespräch immer wieder auf deren Lehne auf. Stolz spricht er über seine Kinder. Im ganzen Zimmer hängen Bilder von ihnen – als Babys, als Kinder, als Teenager. Mal sitzend, mal stehend.

Ein Schlag auf den Rücken veränderte alles

Der Bürokaufmann selbst kann seit seinem zehnten Lebensjahr nicht mehr laufen. Damals hatte er mit Freunden auf dem Schulhof Fangen gespielt, als ein älterer Schüler ihm "eine mitgab".

Der Schlag auf den Rücken veränderte alles: Der blaue Fleck wirkte zwar harmlos, aber es kam zu einer Blutung ins Rückenmark. Eine Hirnhautentzündung verschärfte die Situation. Danach war der Niederbayer querschnittsgelähmt.

Bei dem Lkw-Unfall jedoch schien Alfred Hufnagl Glück gehabt zu haben. Zwar wurde der Unfall-Fahrer nicht gefunden. Aber: Der geschwollene Arm heilte und der lädierte Rennrollstuhl wurde repariert. "Ich machte danach weiter, fuhr zu Wettkämpfen", sagt der Hochleistungssportler. Dreimal hintereinander gewann er zum Beispiel den Hamburger Marathon.

Doch irgendetwas stimmte mit seinem maßgefertigten Renngerät nicht mehr. "Ich bemerkte es in Heidelberg. Wir fuhren bergab im Windschatten. Während der Sportler neben mir sich zweimal anschob, war ich wie wild am Arbeiten, um den Anschluss nicht zu verlieren“, sagt er.

Rio 2016 sollte sein Comeback werden

Wieder untersuchte er seinen Stuhl; das Ergebnis: Der Rahmen ist durch den Unfall zu sehr verzogen. Nachbesserungen können die Probleme nicht dauerhaft kompensieren, Teile an der Lenkung haben zu viel Spiel. Das kostet im Wettkampf wertvolle Zeit. Das rückt den Traum von Rio in weite Ferne.

Einen Moment später, rennt sein kleiner Sohn Fabian-Noah (4) ins Zimmer. Und der Sportler beginnt wieder zu lächeln. Plötzlich scheint alles vergessen zu sein und nur wichtig, was der blonde Junge erzählt.

Bereits Ende der Neunzigerjahre war Alfred Hufnagl extra zu einem Verein im nahen Passau gewechselt, um wirklich Hochleistungssport zu betreiben. Es folgten nationale und internationale Erfolge – sowie die Teilnahme bei den Paralympics in Sydney.

Der sportliche Ehrgeiz gehört einfach zu Alfred Hufnagl. Immer noch trainiert er mehrmals in der Woche im Fitnessstudio und auf dem ramponierten Rennrollstuhl. "Für das Ausdauertraining funktioniert es noch. Da ist es nicht wichtig, ob ich 27 oder 28 km/h fahre“, erklärt er.

Im Winter baut er es zum Hometrainer um: Der Reifen vorne ist ab, den Stuhl auf eine Walze gestellt – so fährt er seine Kilometer, während draußen der nasskalte Nebel hängt.

Nur eines fehlt: Die Wettkämpfe. Doch die Rennen um die Plätze nach Rio kann er mit seinem Rennrollstuhl nicht gewinnen.

Jeder Rennrollstuhl ist eine Maßanfertigung

Das Hochleistungsgerät ist auf diesem sportlichen Niveau stets eine Maßanfertigung – und teuer: Rund 8.000 Euro würde ein neuer Rennrollstuhl kosten. Geld, das der dreifache Vater und Angestellte nicht hat. Förderungen für Einzelsportler sind zudem in Deutschland schwer zu finden.

Trainer müssen die Athleten für die Förderung empfehlen. Doch wie soll das gehen, wenn er nicht an Wettkämpfen teilnehmen kann?

Alfred Hufnagl ist ein Einzelkämpfer

Hufnagl jedoch ist ein echter Einzelsportler, der die Herausforderung liebt: In seiner Heimat, dem Rottal, ist er der einzige Rennrollstuhl-Sportler im Hochleistungssport und kann nicht auf die Unterstützung eines Vereines zurückgreifen. Ein Spendenaufruf in seiner Heimat des lokalen Magazins "Sp4ort" blieb ebenfalls ohne Erfolg.

„Für Rio ist es jetzt zu spät“, sagt Alfred Hufnagl nüchtern. Rennstuhlsportler rechnen damit, dass sie sich rund ein Jahr vor dem großen Wettkampf an ihren Stuhl gewönnen müssen. Jogger rennen mit neuen Schuhen schließlich auch keinen Marathon.

Doch für den Rottaler ist das nicht das Ende seiner sportlichen Ambitionen: "Ich schaue nun auf die EM 2017. Da möchte ich wieder angreifen!“, stellt er klar. Und so hofft er jetzt auf Unterstützer – für ihn und alle, die ein ähnliches Schicksal ereilt. Für die Zukunft des deutschen Behindertensports.

Um ihn bei seinem Ziel zu unterstützen, hat die Huffington Post eine Petition gestartet. Diese wendet sich an all die Organisationen, die für eine Förderung in Frage kommen. Sie sollen ihm helfen - nicht nur finanziell sondern auch mit ihrem Expertenwissen.

Helft mit, unterstützt ihn: Die Petition findet ihr auf change.org. Getreu dem Motto: #DeinNamefürAlfred

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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