POLITIK
18/12/2015 10:25 CET | Aktualisiert 18/12/2015 10:27 CET

Liebes Berlin: Ich schäme mich dafür, was aus Dir geworden ist

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Liebes Berlin: Ich schäme mich dafür, was aus Dir geworden ist

Liebes Berlin,

eigentlich warst Du schon immer ein ziemlich kaputtes Stück Deutschland. Gerade dafür habe ich Dich gemocht. Ich habe meine Zukunft in Deine klaffenden Baulücken hineingeträumt. Dein Chaos war mein Wunderland.

Und wenn mal wieder die S-Bahn ausgefallen ist oder ein Flughafen zum drölfzigsten Male nicht eröffnet wurde, dann war mein Ärger darüber weniger groß als mein Amüsement über all die schwäbischen und bayerischen Sparkassenlehrlinge, die bei ihrer Kritik an den „Berliner Verhältnissen“ in eine sehr provinzielle Form der Schnappatmung verfielen.

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Denn am Ende warst Du, Berlin, in Deiner ganzen Fehlbarkeit der lebenswerteste Ort, den ich mir vorstellen konnte. Gerade weil ich das Gefühl hatte, dass die Welt hier noch vom Menschen her gedacht wird.

Doch diese Zeit ist leider vorbei. Du hast Dich verändert, Berlin. Und zwar nicht zu Deinem Vorteil.

Du hast Dich verändert

Das liegt vor allem daran, wie Du mit Deinen Bewohnern umgehst. Was sich derzeit in der Hauptstadt an Menschenfeindlichkeit abspielt, ist mit dem Wort „Zynismus“ nur äußerst unzureichend beschrieben.

Am krassesten sichtbar ist dies am Landesamt für Gesundheit und Soziales, das unter seinem Kürzel „Lageso“ mittlerweile zu einem Synonym für himmelschreiendes Behördenversagen und politische Inkompetenz geworden ist.

Ich wohne nur wenige hundert Meter vom Lageso entfernt. Wenn ich abends von der Unibibliothek nach Hause komme, sehe ich die ersten Flüchtlinge, die sich bei Dunkelheit und Frost für den nächsten Morgen anstellen, um ihren Asylantrag auf den Weg zu bringen.

Sie werden die ganze Nacht dort stehen bleiben und hoffen, endlich zu einem Sachbearbeiter vorgelassen zu werden. Was kein allzu abwegiger Wunsch ist, denn sie alle haben Termine.

Kafka hätte es sich nicht schlimmer ausdenken können

Manche von ihnen müssen jedoch vier, fünf oder gar sechs Wochen im steingrauen Berliner Spätherbst warten, bis endlich ihr Name aufgerufen wird. Und weil sie diesen Moment nicht verpassen wollen, kommen sie immer wieder. Jeden Tag. Franz Kafka hätte sich das nicht besser ausdenken können.

Das Lageso liegt mitten in der Stadt. Bis zum Hauptbahnhof ist es gerade einmal ein Kilometer, bis zum Kanzleramt sind es anderthalb. Ich finden den Gedanken abscheulich, dass es vor unser aller Augen möglich ist, andere Menschen derart zu schikanieren. Und mir fehlen ehrlich gesagt die Worte für diese Form der emotionalen Verwahrlosung, die offenbar vom gesamten Berliner Senat Besitz ergriffen hat.

Die Caritas warnte schon vor einigen Wochen davor, dass womöglich bald die ersten Menschen vor dem Lageso erfrieren könnten. Die Zustände vor dem Amt haben sich indes nicht gebessert. Möge Gott dieser Stadt einen möglichst milden Winter schenken. Im Ernst: Wahrscheinlich ist Beten die effektivste Problemlösungsstrategie in der Hauptstadt geworden. Schämst Du Dich nicht, Berlin?

Doch man muss nicht erst zum Lageso gehen, um zu sehen, dass sich der viel beschworene „schlanke Staat“ sich in Deinem Falle, Berlin, schon seit einiger Zeit in die Schwindsucht gespart hat.

Du bist heillos überfordert

Während die Einwohnerzahl Berlins seit geraumer Zeit rasant wächst – im Schnitt um etwa 40- bis 60.000 Menschen pro Jahr – wird in der Verwaltung weiterhin fleißig gekürzt und zusammengespart. Es scheint so, Berlin, als ob Du mit Deiner selbst gewählten Rolle als Arm-aber-sexy-Hauptstadt Europas heillos überfordert wärst.

Ein kleines Beispiel aus meinem Leben: Vor neun Monaten wurde mir mein Führerschein gestohlen. In Böblingen oder Rosenheim wäre das kein großes Problem. Dort geht man zum Amt, beantragt ein neues Dokument und wartet ein paar Wochen, bis das Kärtchen auf dem Amt eingetroffen ist.

In Berlin jedoch sind die Bürgerämter derart verheerend unterbesetzt, dass auf Monate hin keine Termine zu bekommen sind. Mittlerweile gibt es einen Schwarzmarkt für Amtstermine. Und viele alte Westberliner bekommen auf diese Weise zum ersten Mal eine Ahnung davon, wie das Leben in der an ihrem Filz erstickten Sowjetunion gewesen sein muss.

Das einzige, was vollkommen reibungslos funktioniert, sind die Finanzämter. Da wird fristgerecht gemahnt und gepfändet, da werden Nachzahlungen erhoben und strenge Säumniszuschläge in Rechnung gestellt, dass einem das Preußenherz höher schlägt.

Und genau das ist die Erfahrung, liebes Berlin, die Menschen hier jeden Tag machen: Dass der Staat niemals da ist, wenn man ihn braucht - dass er aber immer dann auf der Matte steht, wenn es darum geht, die Hand aufzuhalten.

Ich will leben, wo Menschen wie Menschen behandelt werden

Neulich hat ein Freund via Facebook verkündet, dass er Berlin den Rücken kehren will. Er zieht raus aufs Land, nach Niedersachsen, Hunderte Kilometer weit weg, weil er glaubt, dort mehr Ruhe zu finden. Früher wäre mir diese Statusmeldung nur ein Achselzucken wert gewesen.

Dieses Mal war es anders. Insgeheim wünsche ich mir auch, an einem Ort zu leben, wo Menschen wie Menschen behandelt werden. In Berlin ist das derzeit nicht der Fall.

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