LIFESTYLE
18/12/2015 04:40 CET | Aktualisiert 18/12/2015 12:13 CET

Ich war bei einem Pornodreh mit 4 Frauen - Das habe ich erlebt

Hätte ich gewusst, dass es Schokoriegel gibt, hätte ich mir das Croissant nicht mehr gekauft. Aber so haben wir uns erstmal zum Essen hingesetzt. Fee, die Kamerafrau, Paulita, die Produzentin, Flora und Billie die beiden Darstellerinnen, und ich.

Es ist Samstagmittag, irgendwo in Berlin-Neukölln. Wir sitzen am WG-Tisch von Flora und Billie, Billies Freund verabschiedet sich gerade und Flora fragt zweimal, nein dreimal nach, ob wir wirklich nichts von dem gebratenen Reis haben wollen. Nein, danke, echt nicht.

Keine Standard-Pornos

Ich bin bei einem Dreh der “Ersties” dabei, das ist eine Pornoproduktionsfirma. Es ist eine besondere Produktionsfirma. Besonders, weil die Ersties keine Standard-Pornos drehen.

Keine ausgeleuchteten Körperöffnungen, keine glatt gewachsten Leiber, keine sinnlos stöhnenden Frauen in akrobatischen Stellungen. Bei den Ersties wird kein Paketbote verführt.

Die Ersties machen Porno mit Amateurinnen, junge Frauen, die aussehen, wie sie aussehen und nicht gepimpt sind auf platte Primär-Reize. Jede Ersties-Folge besteht aus einem zwanzigminütigen Sex-Clip mit den Darstellerinnen, sowie einem Interview, in dem sie über ihre sexuellen Vorlieben reden, über ihre Erfahrungen und ihre besonders intensiven Erlebnisse.

billie flora

Zwei unterschiedliche Typen: Zwei sexy Frauen

Jetzt sitzen wir kurz vor dem Dreh zusammen. Die vier waren bereits in einer großen Berliner Bibliothek, um einen ersten kleinen Sex-Clip zu drehen. Passend, denn Flora und Billie sind beide Studentinnen. Optisch zwei unterschiedliche Typen. Flora mit den großen, ernsten Augen und Billie mit verschmitztem Blick und goldiger Nase. Schöne Frauen, sexy Frauen, Paulita und ich sind uns einig.

Aber jetzt gibt es ein Problem. Denn Billie pinselt ihre Nägel schon lila und wir anderen starren intensiv auf zwei Farbfläschchen, die Flora hochhält. Passt orange zu lila? Was ist mit rosa? “Sieht irgendwie krank aus”, also orange.

Während die beiden ihre Nägel lackieren, reden wir über Eltern, Freunde, Beziehungen. Floras Eltern wissen, dass sie ab und zu Pornos dreht.

“Mein Vater hat das schon geahnt. Es war also keine große Überraschung. Ich gehe offen damit um, mein Freund findet es auch okay und an der Uni habe ich das auch schon mal in einem Seminar erzählt. Die meisten sind eigentlich immer sehr aufgeschlossen und positiv. Da haben sich schon viele tolle Gespräche ergeben.”

billie flora

Der Dreh: Es kann losgehen

Fee geht nach oben, in Billies Schlafzimmer, und richtet das Licht ein. Es soll losgehen. Paulita bittet Floras Freund, nicht durch den Flur zu gehen, die Mikrofone seien so sensibel. Klar, kein Problem. Das Bett ist weiß bezogen und unter der Matratze stapeln sich Billies Bücher. Rilke und Butler.

Anders als in Standard-Pornos gibt es bei den Ersties keine Regie, die eingreift und Anweisungen gibt. Die beiden machen einfach. Einzige Bitte vorab war: “69”. Und: “Es wäre schön, wenn eine von euch kommt.” “Eine?” “Ja, aber am Besten am Ende.”

Ich sitze schräg hinter Fee auf dem Boden und gebe mir Mühe, so unbeteiligt wie möglich zu schauen. Ich habe noch nie anderen Menschen live beim Sex zugesehen. Aber wie so viele erste Male ist auch dies eines, das unspektakulärer ist, beiläufiger als gedacht. Und schöner.

Im Vorfeld hatte ich mich mit jemandem über die Ersties-Pornos unterhalten. Wie überrascht ich war, als ich den ersten Clip gesehen hatte. Wo eine 21-jährige Studentin nackt auf ihrem Bett gelegen hatte und zögerlich anfing, sich zu berühren. Ihre Brüste streichelte, mit der rechten Hand über ihren Bauch wanderte, sich mit den Fingern befriedigte. "Und wie fandest Du das", wurde ich gefragt.

"Ich fand es richtig schön."

"Aber klar, Gunda. Frauen, die sich selber anfassen, sind das Schönste auf der Welt!" Ich weiß nicht. Es gibt ja viele schöne Dinge. Aber es ist schon sehr schön.

billie flora

Ein Frauen-Lust-Programm

Paulita und ich setzen uns in die Küche. Vor drei Wochen hatten wir schon mal in einer Küche gesessen, bei Kaffee und Kuchen und hatten mit umschlungenen Knien über Lust und geile Frauen geredet. Darüber, was wir machen können, damit weibliche Sexualität anders wahrgenommen wird.

Denn Frauen und Sex - das ist immer noch ein schwieriges Thema. Weil weiblicher Sex immer noch stigmatisiert wird.

Frauen, die gerne One-Night-Stands haben, wird unterstellt, emotionale Probleme zu verdrängen. Frauen, die mit vielen Männern schlafen, sind nur auf der Suche nach einem Prinzen. Sie wollen eigentlich etwas anderes. Frauen verlieben sich ja doch immer beim Sex. “So eine Scheiße!” hatte die sanfte Paulita laut gerufen.

Vielleicht brauchen wir ein Frauen-Lust-Programm schlage ich ihr jetzt vor. Damit Frauen beim Sex endlich mal gewinnen können. Damit wir die Lust kriegen, die uns zusteht. Wir nicken uns kräftig zu.

porno

Sex mit wunderschöner Aussicht

Der Dreh ist fast zu Ende. Billie und Flora sind wieder angezogen und setzen sich zum Interview auf das Bett. Flora zupft an ihrem Träger und erzählt von einer Wanderung in den Alpen. Von einem einsamen Weg. Von Sex mit wunderschöner Aussicht.

Wir sitzen wieder am Küchentisch. Flora zwirbelt eine Haarsträhne in ihren Zopf und schüttelt den Kopf. Nein, eigentlich gucke sie ihre eigenen Pornos nicht gerne an. Sie mag ihre Stimme einfach nicht. Ohne Ton würde sie schon mal schauen. In zwei Wochen ungefähr, meint Fee, wäre der Porno mit den beiden online.

Fee packt zusammen. Paulita gibt den beiden ihren Lohn. Porno ist Zettelwirtschaft. Gesundheitszeugnis, Einverständniserklärung. Billie liest laut vor: “Ich stand zu keiner Zeit unter Drogeneinfluss….Ich wurde zu nichts gezwungen….Ich stimme zu…” Ja, ja, ja.

Wir umarmen uns zum Abschied, Paulita legt ihren hübschen Kopf schief und fragt mich, ob ich gut nach Hause komme. Auf jeden Fall, bis bald!

Draußen auf der Straße ziehe ich die Tüte mit dem halb gegessenen Croissant von vorhin aus meiner Tasche und mache mich auf den Weg zur U-Bahn. “Und, wie war’s”, erreicht mich die What’s App einer Kollegin. Wie es war? Zum Tippen schiebe ich meinen Daumen durch ein Loch in meinem Handschuh: Nett. Richtig nett war’s!

ersties

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