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17/12/2015 05:21 CET | Aktualisiert 17/12/2015 11:27 CET

Wegen Anti-Baby-Pille "Yasminelle": Frau verklagt Bayer - Prozess auf 2016 vertragt

Felicitas Rohrer aus Willstätt in Baden-Württemberg klagt nun gegen Bayer.
dpa
Felicitas Rohrer aus Willstätt in Baden-Württemberg klagt nun gegen Bayer.

Es ist der erste Prozess dieser Art in Deutschland: Eine junge Frau verklagt Bayer. Sie macht die Anti-Baby-Pille "Yasminelle" des Pharma-Unternehmens verantwortlich für ihre lebensbedrohliche Erkrankung. Mit einer Entscheidung in Kürze ist jedoch nicht zu rechnen. Die Verhandlung werde im nächsten Jahr fortgesetzt, sagte der Vorsitzende Richter im baden- württembergischen Waldshut-Tiengen. Der Versuch, eine außergerichtliche Einigung herbeizuführen, sei gescheitert.

Das Landgericht betritt mit dem Verfahren nach eigener Aussage Neuland. Notwendig werde voraussichtlich das Hinzuziehen von mindestens zwei Sachverständigen. Eine außergerichtliche Einigung könne als unwahrscheinlich betrachtet werden. Beide Seiten beharrten in wesentlichen Fragen auf ihren Positionen. Bereits zu Beginn hatte der vorsitzende Richter Johannes Daun gesagt, dass solche Prozesse Jahre dauern könnten.

Der Fall: Die 31 Jahre alte Felicitas Rohrer aus Willstätt in Baden-Württemberg will nach eigenen Angaben rund 200.000 Euro Schadensersatz und Schmerzensgeld von Bayer. Sie macht die Pille mit ihrem Wirkstoff Drospirenon für gesundheitliche Probleme verantwortlich. So erhöhe sie das Thrombose-Risiko. Nach der Einnahme der Pille habe sie im Juni 2009 eine Lungenembolie erlitten und sei daran fast gestorben.

Die Pille, sagt Rohrer, habe ihr Leben zerstört. Sie ist demnach körperlich dauerhaft eingeschränkt und kann keine Kinder bekommen.

Der Pharmakonzern Bayer teilte mit, dass er die Ansprüche für unbegründet halte. Durch wissenschaftliche Daten sei bestätigt, dass von der Anti-Baby-Pille und dem Wirkstoff bei korrekter Einnahme keine Gefahr ausgehe. Die Pille wird nach Darstellung von Bayer täglich millionenfach eingenommen, in mehr als 100 Ländern. Die Klägerin will erreichen, dass Bayer umfassend Auskunft über "Yasminelle" gibt und diese auch vom Markt nimmt. Mit der Pille mache Bayer international ein Milliardengeschäft. Doch es stellen sich dabei noch acht weitere Fragen:

1. Wo ist das Problem?

Umstritten ist der Wirkstoff Drospirenon, der auch in anderen pharmazeutischen Produkten enthalten ist und nach Ansicht der Klägerin krank macht. Laut Bayer hat es bereits drei Gerichtsverfahren mit Bezug auf diesen Wirkstoff in Medikamenten gegeben, diese seien alle für Bayer entschieden worden.

2. Ist die Klägerin ein Einzelfall?

Es haben sich weltweit Frauen zu Wort gemeldet, die das Verhütungspräparat eingenommen haben und gesundheitliche Probleme darauf zurückführen. Der Anwalt der Klägerin in Waldshut-Tiengen, Martin Jensch, vertritt nach eigenen Angaben weitere Frauen mit dieser Problematik. Einige von ihnen haben Klage eingereicht oder wollen dies tun.

3. Gab es bereits juristische Auseinandersetzungen?

In den USA hatten mehrere tausend Frauen gegen Bayer geklagt. Bis Anfang dieses Jahres schloss der Konzern den Angaben zufolge rund 9000 Vergleiche in Höhe von insgesamt 1,9 Milliarden US-Dollar ab, ohne jedoch eine juristisch wirksame Verantwortung anzuerkennen.

4. Gibt es bereits Gerichtsentscheidungen in anderen Ländern?

In der Schweiz kam es 2009 zu einem spektakulären Fall. Wenige Wochen, nachdem eine damals 16-Jährige mit der Einnahme der von Bayer stammenden Anti-Baby-Pille "Yaz" begonnen hatte, erlitt sie eine Lungenembolie und ist seither schwerbehindert. "Yaz" hat ähnliche Wirkstoffe wie "Yasminelle". Die Familie der Betroffenen klagte auf Schadenersatz und Schmerzensgeld. Doch das Schweizer Bundesgericht wies diese Forderungen im Januar 2015 zurück. Andere Schweizer Gerichte der Vorinstanz hatten mit gleichem Ergebnis geurteilt.

5. Was sagen die deutschen Behörden?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) in Bonn hat im März 2014 verkündet, dass von einigen Anti-Baby-Pillen ein erhöhtes Thrombose-Risiko ausgehe und die Hersteller darauf aufmerksam machen müssten. Vor allem der Wirkstoff Drospirenon sei für das Risiko verantwortlich. Dies trifft nicht nur Bayer, sondern auch andere Hersteller. Gleichzeitig ordnete es neue Studien an. Vom Markt genommen werden müssen Pillen nach Einschätzung des Bundesinstitutes deshalb nicht.

6. Gibt es weitere Erkenntnisse?

Die Techniker Krankenkasse (TK) hat in ihrem Anfang Dezember 2015 veröffentlichten "Pillenreport" darauf hingewiesen, dass Präparate der sogenannten dritten und vierten Generation, also vergleichsweise neue Arzneimittel, häufig ein wesentlich größeres Thrombose-Risiko haben als Pillen der zweiten Generation. Dennoch werden die riskanteren Pillen häufiger verschrieben. Die Kasse rät, Pillen der früheren Generationen zu verwenden. Diese schützen genauso gut vor ungewollter Schwangerschaft, haben laut TK aber ein geringeres Thrombose-Risiko.

7. Warum werden diese Pillen überhaupt verschrieben?

Bei den älteren Pillengenerationen klagten Frauen oft über Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und schlechtere Haut. Diese Begleiterscheinungen sollten neuere Produkte nicht mehr so stark mit sich bringen.

8. Was raten Experten?

Frauen, die mit Anti-Baby-Pille verhüten wollen, sollten das Gespräch mit dem Arzt suchen und diesen gezielt nach möglichen Risiken fragen. Zudem sollte man die Packungsbeilage lesen. Raucher, Übergewichtige sowie Frauen, die eine eigene oder familiäre Vorbelastung mit Thrombose haben, sollten den Arzt, der ihnen die Pille verschreibt, auf jeden Fall darauf hinweisen, rät die Bundesärztekammer. Im Zweifel verschreibe der Mediziner dann ein anderes, sichereres Präparat.

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