WIRTSCHAFT
16/12/2015 23:18 CET | Aktualisiert 17/12/2015 02:47 CET

Ende einer Ära: Die 5 wichtigsten Fragen und Antworten zur Zinserhöhung der Fed

dpa

Janet Yellen hat Geschichte geschrieben. Die Chefin der amerikanischen Notenbank Fed hat nach über sieben Jahren die Zeit der Niedrigstzinsen beendet. Vorsichtig erhöhte sie den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte. Die Zinsspanne liegt nun zwischen 0,25 und 0,5 Prozent. Anders als etwa die Europäische Zentralbank gibt die Fed seit der Finanzkrise einen Zinskorridor vor.

Die fünf wichtigsten Fragen und Antworten zur Zinserhöhung:

1. Warum hat Yellen die Zinsen erhöht?

Die Leitzinsen lagen sieben Jahren lang nahe Null und somit deutlich unter dem Normalniveau. Die Fed drückte die Zinsen so stark, um die in der Finanzkrise fast zum Erliegen gekommene Wirtschaft mit billigem Geld anzufachen.

Doch langfristig kann eine solche Politik zu gefährlichen Blasen führen - etwa auf dem Immobilienmarkt -, zu ungesunder Risikobereitschaft oder Überschuldung. Somit musste die Fed irgendwann gegensteuern. Eine derzeit recht stabile Arbeitsmarktlage und ein gesundes Wachstum in den USA ließen den Moment als günstig erscheinen.

Der Präsident des Münchner Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, begrüßte die Zinserhöhung der US-Notenbank. Durch die jahrelange Nullzinspolitik habe der Zins seine Kontrollfunktion verloren. "Das ist volkswirtschaftlich schlecht, denn es verführt zu dem Irrtum, die Ressourcen seien unbegrenzt", sagte Sinn am Mittwoch einer Mitteilung seines Institutes zufolge in München.

2. Was bedeutet die Zinserhöhung in den USA für Europa?

Die USA haben als größte Volkswirtschaft eine Leitwirkung. Vor allem aber: Viele Geschäfte rund um den Globus werden in US-Dollar abgewickelt, viele Anlagen in Dollar gehalten.

Und: Der Dollar wird durch eine Zinsanhebung in der Heimat potenziell stärker, er wertet gegenüber anderen Währungen eher auf. Wer also Schulden in Dollar hat, seine Einnahmen aber in der eigenen Währung generiert, für den steigen künftig möglicherweise die Kosten.

Die Zinserhöhung dürfte dazu führen, dass der Preis des Euro in US-Dollar fällt. Der teure Dollar macht Importe aus dem Dollar-Raum teurer - und das wiederum könnte zu einer höheren Inflation in Europa führen. Das ist aber durchaus wünschenswert, denn zurzeit ist die Preissteigerungsrate in Europa zu niedrig.

Auch die Benzinpreise würden wohl leicht nach oben gehen, weil Rohöl in Dollar gehandelt wird. Urlauber müssten bei Reisen in die USA tiefer in die Tasche greifen.

Generell werden aber die positiven Effekte überwiegen. Denn europäische Produkte werden auf dem Weltmarkt günstiger. Das Münchener Ifo-Institut ist überzeugt: "Die (US-)Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen aus dem Euroraum dürfte angesichts der Abwertung des Euro beschleunigt zunehmen."

3. Gibt es weitere Risiken der Zinsanhebung?

Viele. Eine Zinserhöhung führt zu einer Abkühlung der Konjunktur. Die Fed muss daher eine gute Balance finden. Sie ist den ersten Schritt sehr vorsichtig gegangen. Zieht sie zu zögerlich und zu spät nach, verpufft möglicherweise die Wirkung. Schreitet sie mit weiteren Anhebungen zu forsch voran, könnte sie das Wachstum in den USA abwürgen und den Dollar so stark und damit für Ausländer so teuer machen, dass sich weniger Kunden Waren aus den USA leisten können.

Die Exporte würden damit einbrechen. Experten wie der Washingtoner Ökonom Gerald O’Driscoll bezeichnen die Zinswende als "Experiment".

4. Wie geht die Zinswende technisch voran?

Fed-Chefin Janet Yellen kann nicht einfach mit dem Finger schnippen - und schon sind die Zinsen höher. Bei früheren Erhöhungen der kurzfristigen Leitzinsen verkaufte die Notenbank so lange Anleihen mit kurzfristiger Laufzeit aus ihrem Besitz, bis das gewünschte Zinsniveau erreicht war. Das geht aus unterschiedlichen Gründen nicht mehr - unter anderem, weil die Banken in billigem Zentralbankgeld schwimmen und die Fed deswegen nur unter Einsatz großer Summen den Marktzins steuern könnte.

Diesmal wird sie die Zinsen auf die Einlagen der Geschäftsbanken erhöhen. Dies bedeutet aber, dass der US-Steuerzahler einen Teil der Zeche zahlt. Eine Hochrisiko-Unternehmung im Wahljahr, wo doch die Banken ohnehin schon sechs Milliarden Dollar an Zinsen von der Fed einstreichen.

5. Werden die Zinsen auch in Europa bald erhöht?

Nein. Damit ist vor 2017 nicht zu rechnen. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Geldschleusen gerade erst noch weiter geöffnet und unter anderem das vor allem in Deutschland umstrittene Kaufprogramm für Staatsanleihen sowie andere Wertpapiere um ein halbes Jahr verlängert. Bis mindestens zum März 2017 sollen so monatlich 60 Milliarden Euro in den Markt gepumpt werden, insgesamt 1,5 Billionen Euro.

"Wenn es dann nicht reicht, können wir weitermachen", betonte EZB-Präsident Mario Draghi. Ziel der Maßnahmen ist es, die Konjunktur anzuschieben und die Mini-Inflation im Euroraum nach oben zu treiben. So lange das Programm läuft, wird die EZB den Leitzins nahe der Nulllinie lassen. Das ist gut für Hausbauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Mit Material der dpa

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