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15/12/2015 12:08 CET | Aktualisiert 15/12/2015 13:59 CET

An alle, die noch wissen, wie Weihnachten früher war

An alle, die noch wissen, wie Weihnachten früher war
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An alle, die noch wissen, wie Weihnachten früher war

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Früher war Weihnachten noch Weihnachten. Ihr habt Stanniol-Lametta aufgehängt, obwohl es als gesundheitsschädlich galt. In deinem Adventskalender waren nur Schokoladenstückchen oder bunte Bilder. Du konntest es trotzdem nicht erwarten, jeden Tag ein neues Türchen zu öffnen.

Ihr habt kurz vor Weihnachten ein paar goldene Sterne ans Fenster geklebt oder einen Schwibbbogen aufgestellt. Am Baum hingen Holzfiguren, Strohsterne und, ganz wichtig, echte Kerzen.

Früher hattest du beim Eislaufen keine Hand-, Knie-, und Ellenbogenschützer auf. Und keinen Helm. Deine Eltern müssen verrückt gewesen sein. Draußen lag an Heiligabend noch Schnee. Mit deinen Freunden bist du alleine in den Park zum Schlittenfahren gegangen, ohne dass deine Eltern eine Versicherung mit Notfallplan abgeschlossen haben.

Heute geht gar nichts ohne einen selbstgemachten Adventskalender mit 24 Geschenken, die jedes für sich schon als Geschenk für Heiligabend durchgehen könnten. Mütter, die ihren Kindern keinen Kalender basteln, lieben sie nicht. Männer, die ihren Freundinnen keinen schenken, sind treulos und unkreativ.

Spätestens Mitte November blinkt an den Häusern die Weihnachtsdeko. Die Leute statten sogar ihren Balkon mit Lichterketten aus, die sie selbst gar nicht sehen. Hauptsache der Nachbar merkt es. Und an den Fenstern klettern überall diese Gummi-Weihnachtsmänner hoch.

Als Beleuchtung hängen am Baum nur noch LED-Lichterketten - und bei denen muss unbedingt ein Adapter dabei sein, der vor Kurzschlüssen schützt. Sonst ist es VIEL zu gefährlich. Der Weihnachtsbaum wird im besten Fall vom Innenarchitekten designt, damit die Kugeln farblich optimal aufeinander abgestimmt sind.

Dabei weißt du genau: Ohne das ganze Gedöns ist Weihnachten viel schöner. Weißt du noch, als du am Nikolausabend plötzlich ein Klingeln oder Klopfen gehört hast? Du warst ganz aufgeregt, weil du dich immer auch ein bisschen gefürchtet hast. Deine Eltern haben dir dann zugeflüstert, dass der Nikolaus etwas für dich dagelassen hat. Du bist zum Fenster gerannt, weil du noch einen Blick auf ihn erhaschen wolltest. Du hast ihn aber nie gesehen.

Du hast “Michel aus Lönneberga” und “Drei Haselnüsse für Aschenbrödel” im Fernsehen geschaut. Ihr habt Weihnachtslieder von Rolf Zukowski, Heintje und James Last gehört. Weihnachten war einfach die schönste Zeit des Jahres.

Vor der Bescherung musstet ihr früher im anderen Zimmer warten, bis das Glöckchen ankündigt, dass das Christkind kommt. Und bevor ihr eure Geschenke bekamt, musstet ihr etwas singen oder ein Lied auf der Blockflöte spielen.

Unterm Baum lagen früher weniger Geschenke, aber dafür welche, die von Herzen kamen. Wenn deine Oma dir schreckliche gestrickte Socken geschenkt hat, hast du so getan, als ob du dich freust. Schließlich meinte sie es nur gut und du wolltest ihre Gefühle nicht verletzen. Später waren sie dann aber doch eine wunderschöne Erinnerung.

Am Weihnachtsmorgen bist du aufgewacht und hast dich glücklich an deine neuen Spielsachen erinnert. Dann hast du drei Tage lang ununterbrochen damit gespielt. Und warst traurig, dass du ein ganzes Jahr auf das nächste Weihnachten warten musst.

Heute ist viel von dieser Freude verloren gegangen - obwohl es überall glitzert und leuchtet. Vielleicht, weil die Leute an Heiligabend unter Wollmütze und Schal schwitzen, die sie aus Trotz tragen. Obwohl draußen 18 Grad herrschen und das kühle Bier viel verlockender ist als der Glühwein.

Vielleicht aber auch, weil im Fernsehen “Die 10 nervigsten Weihnachtslieder” oder “Die 10 nacktesten Weihnachtsluder” laufen. Oder “Die Geissens feiern Weihnachten” oder “10 Jahre Bauer sucht Frau - die kultigsten Momente.”

Weil Weihnachtslieder heute von Helene Fischer kommen.

Viele Leute freuen sich inzwischen nicht mehr auf Weihnachten, sondern jammern, dass sie noch so viele Geschenke besorgen und groß kochen müssen. “So ein Stress” keuchen sie. Und: “Wie soll ich das ALLES schaffen?” Eigentlich haben sie schon Anfang Dezember keine Lust mehr aufs Fest.

Obwohl alles perfekt sein muss, fühlt es sich seltsam leer an. Nach Weihnachten sind die Geschäfte fast noch voller als vorher, weil so viele Leute ihre Geschenke umtauschen. Der Gedanke zählt? Pff, alles muss perfekt durchoptimiert sein.

Es gibt heute sowieso oft nur Gutscheine, denn das Falsche zu schenken kommt einem Scheitern gleich. Wie konntest du nur Omi, sagen die enttäuschten Augen des Enkels in der Werbung. Stattdessen lautet die Devise: Beschenk dich selbst mit Guthaben bei iTunes, Douglas und Media Markt. Unternehmen wie Ikea machen sogar einen Großteil ihres Umsatzes nur noch mit Gutscheinen.

Oder schlimmer noch: Viele verschicken heute die “Wishlist” von Amazon, auf der ihre Freunde ankreuzen können, was sie ihnen schenken sollen. Damit sich bloß nichts doppelt, bei der Masse an Geschenken.

Am traurigsten ist, dass viele Kinder nicht mehr so aufwachsen können wie du. Viele Dinge haben sich verändert. Singen und Flöte spielen ist uncool. Vor der Bescherung müssen die Kinder aber wenigstens ihr Handy auf stumm schalten. Nur um es hinterher sofort wieder rauszuholen und Selfies mit ihren Geschenken zu machen. #Christmas und #Santa. Richtige Freude kommt bei ihnen nicht auf, denn alles ist irgendwie selbstverständlich.

Es wäre schön, wenn mehr Familien wieder ein Weihnachten feiern, das für sich selbst steht. Nicht wahr?

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