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14/12/2015 07:58 CET | Aktualisiert 15/12/2015 09:12 CET

Syphilis breitet sich rasant aus - das sind die Gründe

Wie unromantisch: Die Geschlechtskrankheit Syphilis ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch.
Ondine32 via Getty Images
Wie unromantisch: Die Geschlechtskrankheit Syphilis ist in Deutschland wieder auf dem Vormarsch.

Sie gilt als "Chamäleon" unter den sexuell übertragbaren Krankheiten: Syphilis. Weil die Betroffenen oft weder Schmerzen haben noch Veränderungen an ihrem Körper sehen, bleibt die Bakterieninfektion zunächst häufig unentdeckt.

Trotzdem steigt die Zahl gemeldeter Syphilis-Fälle: Im vergangenen Jahr stieg sie auf einen neuen Höchstwert von 5722 Neudiagnosen, wie das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin kürzlich mitteilte. Demnach gibt es seit 2010 einen kontinuierliche Anstieg - und auch im ersten Halbjahr 2015 hielt der Trend an.

Die wichtigsten Eckdaten zur Verbreitung:

  • Vorrangig ist die Krankheit in der Schwulenszene verbreitet. Unter Frauen und heterosexuellen Männern blieben die Zahlen unauffällig. 84 Prozent der Fälle gehen nach den RKI-Daten vermutlich auf einen sexuellen Kontakt zwischen Männern zurück.
  • Hinzu kommt der Faktor Großstadt: Berlin mit seinen zahlreichen Clubs, Saunen und Pornokinos liegt bei den Fallzahlen bundesweit klar vorn. Die Rate der Neuerkrankungen lag dort 2014 bei 31 Fällen je 100.000 Einwohner. In der Hauptstadt erkranken damit ins Verhältnis zur Einwohnerzahl gesetzt mehr als viermal so viele Menschen wie im bundesweiten Mittel (7,1 Fälle je 100.000 Einwohner). Hamburg steht mit 19,7 Meldungen je 100.000 Einwohner an zweiter Stelle.
  • Doch auch außerhalb der großstädtischen Szene breitet sich die Bakterieninfektion aus: Knapp ein Drittel der Meldungen stammen laut RKI aus Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern.
  • Die Syphilis-Welle rollt demnach in ganz Westeuropa, auch Großbritannien und die USA sind betroffen.

Als Ursache für die Ausbreitung der Syphilis haben Experten folgende Punkte ausgemacht:

  • Eine Ursache für die Verbreitung der Krankheiten seien Party-Wochenenden unter Einfluss stimulierender Drogen wie Crystal, sagt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für sexuell übertragbare Krankheiten (DSTIG), Norbert Brockmeyer. Mit den Drogen sinke das Risikobewusstsein der Nutzer, die zudem über traditionelle Drogenberatungsstellen schwer erreicht würden. Die Fallzahlen bei Geschlechtskrankheiten nehmen demnach generell zu - die Daten zur seit 2001 meldepflichtigen Syphilis seien der Indikator dafür.
  • "Wir vermuten, dass es für Männer leichter geworden ist, durch das Internet beispielsweise, vielleicht auch durch Dating-Apps, andere Männer kennenzulernen", sagte die RKI-Expertin für sexuell übertragbare Infektionen, Viviane Bremer. "Gefühlt kennt man sich eigentlich, das erschwert die Kondom-Nutzung", sagt Brockmeyer mit Blick auf das "neue Dating-System", bei dem meist ein Nachrichtenaustausch dem ersten Treffen vorausgehe und ein trügerisches Vertrauen schaffe.
  • Mit der Ausbreitung von Aids - und damit dem Bewusstsein für Safer Sex - gingen in den 1980-ern die Fallzahlen bei Syphilis zurück. Inzwischen lässt sich das HI-Virus mit Medikamenten im Körper so weit zurückdrängen, dass dem Partner auch bei ungeschütztem Sex kaum Ansteckung droht. "Wir sehen immer wieder in Studien, dass HIV-Positive eher mal ungeschützten Sex mit anderen HIV-Positiven haben", erläutert Bremer vom RKI. "Wir können das nicht in den Meldedaten abbilden, aber vermuten, dass viele der Syphilis-Fälle bei HIV-Positiven vorkommen." Die mögliche Infektion mit den Bakterien werde als "kleineres Übel" in Kauf genommen.

Was ist Syphilis genau?

Syphilis wird durch das Bakterium Treponema pallidum hervorgerufen und lässt sich mit Penizillin gut behandeln.

Zu den ersten Symptomen zählen Geschwüre an Penis oder Scheide oder im Mund. Diese sondern eine stark ansteckende Flüssigkeit ab.

Später kommen auch schmerzhafte Hautknötchen vor sowie Organveränderungen und Schäden an Gefäßen, Nerven oder dem Skelett. Zudem kann auch das Gehirn betroffen sein - mit neurologischen Folgen.

Und auch wenn Syphilis selbst im dritten und letzten Stadium heilbar ist, bleiben diese bereits entstandene körperliche Schädigungen. Bleibt Syphilis unbehandelt, können diese Veränderungen sogar lebensbedrohlich werden und auch zum Tod führen, heißt es auf der Informationsseite "Mach's mit".

Wie man sich mit Syphilis ansteckt

Bei sexuellen Handlungen kann es zur Übertragung kommen, aber auch beim Küssen, wenn einer der Beteiligten bereits Mundgeschwüre hat.

Aber nicht nur bei sexuellen Kontakten besteht die Gefahr: Immer dann, wenn man mit dem Geschwür und der Flüssigkeit in Verbindung kommen kann, kann man sich mit Syphilis anstecken. Theoretisch sogar auch in der Sauna, wenn alle nackt sind.

Regelmäßige Tests gefordert

Die RKI-Zahlen legen für Armin Schafberger, Medizin-Referent bei der Deutschen Aids-Hilfe, noch ein anderes Problem offen: "Wir müssen früher diagnostizieren." Nur in etwa einem Drittel der Fälle wurde Syphilis in einer frühen Phase festgestellt.

Mindestens einmal jährlich sollten gefährdete Personen zu einem vorbeugenden Test, rät die Aids-Hilfe. Den bezahlt die Kasse allerdings nur, wenn Symptome vorhanden sind. Erst bei Symptomen zu handeln, hält Schafberger für zu spät - eben weil die Krankheit so oft unbemerkt bleibt.

Bei Kontrollen würden oft auch weitere sexuell übertragbare Erreger festgestellt - Chlamydien und Gonokokken etwa. In anderen EU-Ländern sieht es dem RKI-Bericht zufolge sowohl beim Zugang zu Tests als auch spezifischen Untersuchungen weit besser aus.

Wie man vorbeugen könnte? Gute, leicht verständliche Kampagnen zum Schutz beim Sex und neue Beratungsansätze sind das eine, glaubt Brockmeyer. Darüber hinaus sei der einzige Weg: "ein freier Umgang mit Aufklärung" - schon in der Schule.

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