POLITIK
15/12/2015 22:07 CET | Aktualisiert 16/12/2015 03:30 CET

Putin-Doku im ZDF: "Er wird den Kreml nicht mehr lebend verlassen"

Getty

Wer sich immer noch fragt, wie Russlands Präsident Wladimir Putin eigentlich tickt, bekommt durch zwei Zitate aus der spannenden ZDF-Dokumentation "Machtmensch Putin", vom Dienstagabend Aufklärung.

Der ehemalige Moskau-Korrespondent Boris Reitschuster hat ein sehr anschauliches Bild: "So makaber das klingt: Er wird den Kreml nicht lebend verlassen." Der russische Präsident wisse das - und verhalte sich entsprechend.

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Der britische Journalist Ben Judah, Autor des Russland-Buchs "Fragile Empire" ergänzt: "Putin hat Angst, aus Schwäche oder Fehlern die Kontrolle zu verlieren und dann ermordet zu werden oder sich in einem Gefängnis in Sibirien wiederzufinden."

Politik sei für Putin eine existenzielle Frage, so die beiden Journalisten. Und damit auch die Frage des Machterhalts. Ein Autokrat wird nicht abgewählt. Er wird gestürzt und verdammt.

Die Lügen von Wladimir Putin

Der Film gehört zu den besten und kritischsten Russland-Dokumentationen, die in den vergangenen Jahren im deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurden. Und das liegt vor allem daran, dass es dem ZDF-Team gelingt, eine ganze Reihe von Mythen zu dekonstruieren.

Sehr schön zeigt der Film die Lügen von Wladimir Putin im Zuge der Krim-Annektion auf. Erst behauptete der Kreml-Chef, dass keine russischen Soldaten bei der Besetzung der Schwarzmeer-Halbinsel beteiligt waren. Er unterstellte westlichen Geheimdiensten, die Strippen am Maidan gezogen zu haben, was auch in Deutschland - mitunter aus antiamerikanischen Reflexen heraus – nur allzu gern geglaubt wurde.

Später prahlte Putin im Fernsehen damit, dass reguläre russische Soldaten den Separatisten den Rücken frei gehalten haben.

Gut dokumentiert sind außerdem die Propagandabehauptungen über einen angeblich um sich greifenden Antisemitismus in der Ukraine. Ein von "Russia Today" interviewter Rabbi, der in einem TV-Bericht als Kronzeuge herhalten musste, dementiert für den ZDF-Film jeglichen Wahrheitsgehalt des RT-Beitrags.

Überzeugende Indizien zu Putins Krieg in der Ostukraine

Über weite Strecken überzeugend waren auch die Indizien für eine russische Beteiligung, die das ZDF-Team am Krieg in der Ostukraine zusammengetragen hat. Aufnahmen von Panzern, die nur in der russischen Armee eingesetzt werden. Forschungserkenntnisse über russische Truppenbewegungen. Und die Aussage eines russischen Freiwilligen aus Sankt Petersburg.

Auch die Persönlichkeitsstudie Putins überzeugt. Etwa die Unterschiede zwischen dem öffentlich vermittelten Bild des bescheidenen Staatsdieners und der Realität: Das ZDF zeigt Putin als Spätaufsteher, der gerne einsame Entscheidungen fällt und seine Minister oft stundenlang warten lässt. Das Ganze wird mit Augenzeugenberichten und bereits bekannten Fakten belegt und führt glaubwürdig zu der Kernbehauptung des Films, dass Putin ein narzisstisch gesteuerter Machtmensch sei.

Reitschuster ordnete zudem anschaulich die Widersprüche im westlichen Umgang mit Putin ein "Ich sehe das mit großer Verwunderung, dass als Reaktion auf einen Terroranschlag in Paris mit 130 Toten wir uns an jemandem um Hilfe wenden, der an 8.000 Toten in der Ukraine die Hauptverantwortung trägt damit der jemanden hilft, der für die Tötung von Hunderttausenden in Syrien verantwortlich ist“, so der Putin-Biograf.

Hat Putin die Zustimmung Marine Le Pens gekauft?

Spannend sind auch die von den Journalisten zusammengetragenen Details zu dem Millionenkredit, den eine Kreml-nahe Bank im vergangenen Jahr dem französischen "Front National" gewährt hat. Laut geleakten E-Mails sei daran die Bedingung geknüpft gewesen, dass die Partei von Marine Le Pen Putins Ukraine-Politik gutheißt. Es ist die bisher dichteste Argumentation zu den Versuchen Russlands, direkten Einfluss auf die europäische Politik zu nehmen.

Natürlich hat die Doku auch Schwächen. Aber die liegen vor allem im Detail.

Hätten es womöglich bei der akustischen Untermalung hier und da ein paar Paukenschläge und dunkle Synthesizer-Klänge weniger getan? Die Fakten, die der Film liefert, sprechen ohnehin für sich. Da muss man den eigenen Film nicht dem Vorwurf der unseriösen Stimmungsmache aussetzen.

Schwächen im Detail

Die Aussagen des russischen Freiwilligen in der Ostukraine waren sicherlich aufschlussreich. Aber hier hätte das ZDF womöglich noch ein wenig enger am Vorwurf argumentieren müssen, dass reguläre russische Truppen in der Ukraine kämpfen. Das hätte man sogar mit russischen Medienberichten belegen können: Etwa mit dem Interview, das Journalisten der "Nowaja Gaseta" im März mit einem russischen Soldaten in einem Donezker Lazarett führten.

Was sollten die bedrohlichen Bilder von eingefrorenen deutschen Gasbrennern am Ende der Doku? Sowohl der Sprecher als auch die Interviewpartnerin mussten eingestehen, dass die Einstellung russischer Gaslieferungen nach Deutschland im Grunde doch sehr unwahrscheinlich ist.

Und so verdienstvoll der Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger durch seine jahrzehntelange Arbeit in der Medienwirkungsforschung auch ist: Warum klassifiziert er das Wirken von "Russia Today" eher zurückhaltend als "geschickt gemachte Propaganda"?

Und nicht als das, was auch die Doku beschreibt: Nämlich als Teil eines Netzwerks zur Zersetzung von gesellschaftlichen Diskursen, das einzig und allein dem Zweck dient, Menschen in anderen Ländern den Glauben an die Redlichkeit von Politikern und Journalisten zu nehmen?

Wann sehen wir Putin endlich kritischer?

Zudem hätte man gern mehr von Alexander Dugin gehört, einem der einflussreichsten Intellektuellen in Putins autokratischem System. Der rechtsextreme Philosoph arbeitet seit Jahren daran, dem russische Expansionsstreben mit wissenschaftlich verkleideten Großmachtsfantasien einen ideellen Rahmen zu geben.

Wäre es denn so schwer gewesen, diesem Mann ein paar selbstredende Sätze abzuringen?

Trotzdem ist es dem ZDF mit dieser Dokumentation gelungen, Maßstäbe zu setzen. Das gilt besonders im Vergleich zu den bisher in den Programmen der ARD ausgestrahlten Russland-Filmen. Allen voran denen des Journalisten Hubert Seipel, der es mit jedem neuen Auftritt schafft, die Grenze zwischen kritischer Würdigung und Hofberichterstattung zu verwischen.

Ganz sicher wird der Film Diskussionen auslösen. Und das ist gut so. Denn nach der hitzigen Diskussion um einen vielseits befürchteten Krieg der Nato gegen Russland im Jahr 2014 ist es dringend nötig, dass wir fern von irrationalen Ängsten unser Bild vom System Putin klären.

Denn in 20 oder 30 Jahren wird es kaum einem Nachgeborenen noch verständlich sein, wie unkritisch der russische Präsident bisweilen in Deutschland betrachtet wurde.

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