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27/12/2015 09:17 CET

Drei Gründe, warum alle Flüchtlingsgegner dieses Graffiti sehen sollten

banksy.co.uk

1. Der Künstler selbst sollte Vorbild für uns alle sein

Geschaffen hat das Graffiti, über das gerade überall gesprochen und geschrieben wird, Banksy, der bekannteste Street Art-Künstler unserer Zeit. Fotos seiner Werke hängen als Postkarten und Poster in vielen deutschen Zimmern – ob sich darauf nun zwei Polizisten küssen, ein Aktivist mit einem Strauß Blumen statt mit Steinen wirft oder ein kleines Mädchen einen bewaffneten Soldaten abtastet.

Die Schablonengraffitis lassen sich nicht nur in seiner Heimat Großbritannien finden, sondern zum Beispiel auch in Mali, Mexiko, Japan, im Krisengebiet Westjordanland und auch in Deutschland.

Der Brite, der unter dem Pseudonym Banksy auftritt und seine Identität geheim halten will, ist ein Vorbild, dessen politische und gesellschaftliche Kritik weltweit Gehör findet. Während große Teile der zeitgenössischen Kunst aus Europa oft als frei von Idealen oder Veränderungswillen bezeichnet wird und viel spannende Kunst aus Regionen des Umbruchs wie Nordafrika oder dem Nahen Osten stammt (mit Beirut oder Kairo als künstlerische Zentren), setzt Banksy hier klar einen Gegenpol.

Auch in seinem neusten Werk positioniert er sich ganz klar politisch: Der Künstler tritt für Flüchtlinge ein. Und mit seinem Einfluss könnte er immerhin den einen oder anderen Zweifler zum Nachdenken bringen...

2. Der Ort, an dem sich das Graffiti befindet

Banksy hat sich auch diesmal den Platz für sein Street Art sehr genau ausgesucht: Eine Mauer in einem Flüchtlingslager in Calais.

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Es handelt sich hier aber nicht um eine offizielle Aufnahmestation mit Essensversorgung, einem Bett für jeden und medizinischer Versorgung. Den „neue Dschungel“, wie das wilde Camp genannt wird, haben Flüchtlinge selbst gebaut. Aggressive Schleuserbanden, Kriminalität und katastrophale hygienische Bedingungen gehören hier zum Alltag.

Warum sie nicht lieber in einem komfortableren Heim wohnen wollen? Fast alle wollen weiter. Sie harren nur an der Küstenstadt am Ärmelkanal aus, hoffen eigentlich auf eine Zukunft in Großbritannien.

Dazu passend hat Banksy auch ein zweites neues Graffiti an eine Hauswand nahe dem Hafen von Calais gesprüht. Von dort fahren die Fähren zur englischen Küste ab. Täglich versuchen dort Flüchtlinge, auf eines der Boote zu gelangen.

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Die französische Regierung versucht mittlerweile, unter den Flüchtlingen im „Dschungel“ Freiwillige zu finden, die sich in andere Teile Frankreichs umsiedeln lassen – das Thema lieferte der Opposition zu großen Zündstoff, dass die Regierung der Krise nicht Herr werden würde. Die Zahl von den ursprünglich 6000 Bewohnern reduziert sich nun zwar – leer ist das Lager aber noch lange nicht.

Banksy legt mit seiner Ortswahl also den Finger in eine Wunde. Er weist nebenbei auf die schlimmen Zustände im Lager und die Verzweiflung der Flüchtlinge hin. Und genau die sollten sich Kritiker auch vor Augen führen und überlegen, ob man der Hilflosigkeit von Menschen wirklich so hart entgegentreten kann, wie sie es vielleicht gerne hätten.

3. Das Wichtigste: Die Aussage der Street Art

Das Schablonengraffiti zeigt nämlich den verstorbenen Apple-Gründer und Multimilliardär Steve Jobs. Über die Schulter hat er sich einen schwarzen Müllsack geworfen, in der Hand hält er ein altes Modell eines Macintoshs.

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Was diese Ikone der Tech-Welt mit Flüchtlingen zu tun hat? Für Banksy ist das ganz einfach: „Sohn eines Migranten aus Syrien“ betitelt er eine Fotografie des Graffitis auf seiner Homepage.

Tatsächlich war Steve Jobs leiblicher Vater der syrische Politikstudent Abdulfattah Jandali. Er und Jobs Mutter gaben den kleinen Steven allerdings nach seiner Geburt zur Adoption frei, da ihre Eltern einer Ehe nie zugestimmt hätten und sie mit ihren 23 Jahren als Studenten nicht für das Kind sorgen konnten. Deshalb adoptierte das Akademiker-Pärchen Paul Reinhold Jobs und seine armenische Frau Clara den Jungen, aus dem einer der erfolgreichsten Unternehmer weltweit wurde.

Ganz klar: Banksy will mit Steve Jobs ein Positivbeispiel von Migration zeigen, das bekannter nicht sein könnte. Der "Guardian" zitiert Banksy aus einem seiner seltenen Statements: "Man will uns oft glauben machen, Migration sei eine Belastung für Staaten. Aber Steve Jobs war der Sohn eines syrischen Migranten. Apple ist das profitabelste Unternehmen der Welt, es zahlt jährlich mehr als sieben Milliarden Dollar an Steuern - und es existiert nur, weil sie einen jungen Mann aus Homs hereingelassen haben."

Die eindeutige Aussage: Flüchtlinge bringen mehr Chancen als Gefahren mit sich – es gibt neben Menschlichkeit auch wirtschaftliche Gründe, warum man sie am westlichen Lebensstil und Wohlstand teilhaben lassen sollte. Was viele Politiker also seit Monaten predigen, bringt Banksy mit nur einmal Sprühen an einer Wand in Calais auf den Punkt.

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