POLITIK
11/12/2015 14:59 CET | Aktualisiert 14/12/2015 02:06 CET

Top-Ökonom warnt: Verteilungskampf in Deutschland wird immer heftiger

Der Wirtschaftswissenschaftler Fratzscher warnt vor einem Verteilungskampf in Deutschland
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Der Wirtschaftswissenschaftler Fratzscher warnt vor einem Verteilungskampf in Deutschland

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Deutschland wird immer ungleicher. Die Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander. Hunderttausende sind abgehängt. Diesen Befund macht der Top-Ökonom Marcel Fratzscher aus Berlin in einem neuen Buch. Er leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und lehrt als Professor an der Humboldt-Universität.

Der Befund in Fratzschers Buch ist eine Bankrotterklärung für Deutschland: "In kaum einem Industrieland herrsche eine so hohe Ungleichheit in Bezug auf Einkommen, Vermögen und Chancen", warnt er. Soziale Gleichheit und Aufstiegschancen für alle? Das Versprechen der jungen Bundesrepublik aus den 50er-Jahren könne sich Deutschland mittlerweile abschminken.

Wir haben Fratzschers zentrale Thesen gesammelt.

1. Wir übersehen die soziale Krise

"Viele Bürger in Deutschland nehmen unser Land als ausgewogen und mit wenig Ungleichheit wahr", sagt Fratzscher gegenüber der Huffington Post. Und weiter: "Wir sind stolz auf das Konzept der sozialen Marktwirtschaft, in der ein Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen in der Gesellschaft hergestellt werden soll." Die Wirklichkeit sei jedoch eine andere.

Fratzscher macht das an zwei Punkten fest: Deutschland sei ein Land, das mit die höchste Ungleichheit bei den privaten Vermögen hat und in dem die Lohnentwicklung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den vergangenen 20 Jahren deutlich auseinander gelaufen sei.

Kurz gesagt: Wer reich ist, wird reicher - die Armen bleiben arm.

2. Die Falschen sorgen sich vor dem Abstieg

Experten haben in den vergangenen Monaten viel über die neue Fremdenfeindlichkeit geschrieben. Einige meinen, dass Fremdenhass inzwischen im oberen Teil der Gesellschaft angekommen sei. Beispiel ist die "Professorenpartei" AfD. Einer der Gründe: Viele eher wohlhabende Menschen haben Sorgen vor dem gesellschaftlichen Abstieg. Aber ist diese Sorge berechtigt? Nein, sagt Fratzscher.

Die Wahrscheinlichkeit eines wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs in Deutschland sei generell gering und betreffe - wenn doch - eher die Menschen in der Mittelschicht. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Mittelschicht in Deutschland schrumpfe. "Die Menschen mit den höchsten Einkommen müssen sich jedoch kaum um einen Abstieg sorgen, denn in Deutschland ist es ungewöhnlich selten, dass Menschen mit hohen Einkommen oder Vermögen ihre Stellung verlieren und einen Abstieg realisieren müssen."

Kurz gesagt: Weite Teile der Bevölkerung kann ein sozialer Abstieg tatsächlich treffen - die Reichen eher nicht.

3. Der Verteilungskampf schadet der Mehrheit

"Fast niemand profitiert von dem Verteilungskampf, der in Deutschland in den vergangenen Jahren immer intensiver geworden ist", sagt Fratzscher. Dieser Kampf sei ineffizient und vergrößere lediglich die Rolle des Staates, mit Nachteilen und Kosten für viele und Vorteile für nur wenige.

Und es stimmt: Der Staat gibt heute Rekordsummen für die soziale Absicherung aus, seien es Renten, Arbeitslosengeld und andere Hilfsleistungen. Effektiver wäre es, wenn jeder Bürger die Möglichkeiten hätte, seinen Lebensunterhalt selbst zu bestreiten und genug für das Alter zu sparen. Das aber verhindert eine Gesellschaft, in der es kaum Aufstiegschancen gibt.

Kurz gesagt: Der Staat und die Reichen profitieren vom Verteilungskampf.

4. Wir sollten nicht mit dem Finger auf die USA zeigen

Die "verschiedenen Facetten der Ungleichheit" seien in Deutschland gar nicht so viel geringer als in den USA, mahnt Fratzscher. Er stellt fest: "Die USA ist stolz auf ihr Credo, jedem eine Chance zu geben, also 'vom Tellerwäscher zum Millionär' aufsteigen zu können. Dies ist genau so sehr eine Illusion in den USA wie in Deutschland."

Der Unterschied zwischen den USA und Deutschland ist aber, dass die Politik hierzulande den Problemen weit weniger offen ins Auge blickt. In den USA tobt seit Jahren ein gesellschaftlicher Streit darum, dass viele Bevölkerungsgruppen abgehängt und die Aufstiegschancen zum Beispiel für die schwarze Bevölkerung miserabel sind.

Und in Deutschland? Dass eine große Minderheit (zum Beispiel Langzeitarbeitslose und Alleinerziehende) von der Gesellschaft abgehängt sind, ist immer noch zu selten ein Thema.

Kurz gesagt: Die soziale Ungleichheit ist in Deutschland ähnlich gravierend wie in den USA

5. Die Probleme sind groß, aber wir können sie lösen

"Das Ziel des wirtschaftspolitischen Handelns sollte nicht der Kampf um die Verteilung des Kuchens sein, sondern vielmehr, wie wir diesen Kuchen vergrößern und möglichst viele Menschen daran teilhaben können", sagt Fratzscher.

Nur so könnten wir unseren Wohlstand auch langfristig sichern. Das gehe mit klugen politischen Lösungen. Eine solche wäre, den sozialen Aufstieg zu erleichtern; zum Beispiel mit speziellen Förder- und Bildungsprogrammen für Kinder aus "bildungsfernen" Familien.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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