POLITIK
14/12/2015 13:06 CET | Aktualisiert 15/12/2015 00:31 CET

Britische Scharia-Gerichte zwingen Frauen in „eheliche Gefangenschaft"

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Britische Scharia-Gerichte melden häusliche Gewalt angeblich nicht an öffentliche Stellen und verbannen Frauen in „eheliche Gefangenschaft“. Das berichtete eine britische Wissenschaftlerin dem „Independent“. Sie hat einen einzigartigen Zugang zu islamischen Scheidungsverhandlungen. Die Gerichte handeln entsprechend der „Scharia“, dem religiösen Gesetzes des Islam.

Eigentlich sind die Gerichte für Außenstehende nicht zugänglich. Doch Machteld Zee von der Leiden Universität in den Niederlanden konnte fünfzehn Stunden lang Zeuge der Anhörungen des „Islamic Sharia Council“ in Leyton im Osten von London und des Scharia-Gerichts in der zentralen Moschee Birminghams sein. In ganz Großbritannien gibt es laut Forschern etwa 30 solcher Räte.

Für ihre Studie konnte Zee mehr als ein Dutzend Fälle untersuchen und unter anderem neun „Qadis“, also islamische Richter, interviewen. Es ist die umfangreichste Analyse der britischen Sharia, die bisher unternommen wurde. Im Januar sollen ihre Ergebnisse im britischen Parlament präsentiert werden.

„Es gibt tatsächlich zwei legale Ordnungen“, resümiert sie gegenüber dem „Independent“ schon vorab über den Zustand in Großbritannien. „Eine davon arbeitet zur Zeit im Schatten des Gesetzes.“

Die häufigsten Fälle der informellen Tribunale sind religiöse Scheidungen. Diese werden von den Frauen gefordert – Männer brauchen keine Anhörung vor dem Scharia-Gericht, um sich offiziell zu trennen. Für sie reicht es, wenn sie den Scheidungswunsch ohne irgendeine Bestätigung von außen mündlich äußern.

Wer sich als Frau nicht religiös scheiden lässt, dem könnte allerdings die Todesstrafe drohen. Wer nur von einem Zivilgericht geschieden ist und erneut heiratet, läuft in einem Land, in dem die Sharia gilt, Gefahr, des Ehebruchs beschuldigt zu werden. Das Urteil in so einem Fall: Der Tod.

Die Scheidung ist für die Frauen also essentiell. Das Problem laut Machteld Zee: Die Richter seien „keine neutrale dritte Partei“, sondern „immer auf der Seite des Mannes“, schreibt sie in ihrem Buch „Choosing Sharia? Multiculturalism, Islamic Fundamentalism and British Sharia Councils".

Zwar habe sie auch Prozesse mitbekommen, in denen Frauen die Scheidung gewährt und anerkannt wurde, dass sie wie britische Bürger leben. Aber vor allem einige Fälle im Londoner Sharia-Gericht schockierten sie doch. So wurde die Wissenschaftlerin offenbar Zeugin, wie ein Richter eine Frau auslachte. Sie wollte sich von ihrem gewalttätigen Mann trennen. Die Reaktion des Gerichts laut Zee: „Warum hast du so eine Person auch geheiratet?“

Eine andere Frau wurde angeblich von ihrem Mann erpresst, bevor er eine Scheidung einwilligen würde. 10 000 englische Pfund wollte er laut der niederländischen Wissenschaftlerin haben – das Gericht schickte sie weg. Das „Islamic Sharia Council“ dementierte die Vorwürfe.

Gestützt wird die Studie von der parteilosen Peer Baroness Cox. Sie hatte im April einen Gesetzesantrag im Oberhaus eingereicht, mit dem es illegal werden soll, dass die Tribunale Männer und Frauen unterschiedlich behandeln. Im Oktober wurde der Antrag im Oberhaus bestätigt.

Aktuell sind Scharia-Tribunale in Großbritannien als religiöse Schiedsgerichte geduldet. Sie können freiwillig von den Parteien angerufen werden – allerdings nur bei bestimmten Fällen wie eben der religiösen Scheidung oder bei Rechtsberatung. Dabei gilt: Die Scharia darf nur angewendet werden, wenn sie nicht gegen geltendes Recht verstößt. Falls aber tatsächlich häusliche Gewalt geduldet wird und Frauen gezwungen werden, in einer Ehe weiterzuleben, würde dieser Grundsatz nicht eingehalten werden.

Auch in Deutschland kann die Scharia ein Einzelfällen Rechtswirkung entfalten, wenn sie mit den rechtlichen Grundvorstellungen der Bundesrepublik übereinstimmt. Kritiker monieren, dass die Scharia nicht mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vereinbar ist. Auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg urteilte mehrfach, dass die Scharia „inkompatibel mit den fundamentalen Prinzipien in der Demokratie“ sei.

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