POLITIK
14/12/2015 22:55 CET | Aktualisiert 15/12/2015 03:20 CET

"Wir dürfen auch mal die bösen Deutschen sein": Kabarettist Serdar Somuncu spricht Klartext zur Flüchtlingskrise

ARD Mediathek
Serdar Somuncu und Claudia Rotha bei "Hart aber fair"

Eigentlich sollte diese "Hart aber fair"-Sendung ein Jahresrückblick werden. Diskutiert wurde unter dem Titel: "Flucht, Terror, Skandale - wie hat 2015 unser Land verändert?" Doch nach dem die 75 Minuten verstrichen waren, waren die Terroranschläge von Paris, der DFB-Skandal, die VW-Abgasaffäre schlicht vergessen worden. Stattdessen gab es nur ein Thema: die Flüchtlingskrise.

Das waren die Standpunkte der Gäste im Überblick.

Edmund Stoiber, CSU-Ehrenvorsitzender: "Menschen dürfen nicht mehr sagen, was sie denken"

Europa war sein Leitmotiv an diesem Abend. Von Kollegen höre er immer wieder, es sei "ein Stückchen ein Sonderweg, was ihr hier in Deutschland macht", sagte Stoiber. Er kritisierte die Aufnahmebereitschaft der Kanzlerin: "Europa ist in diese Entscheidung nicht eingebunden worden." Der "humanitäre Imperativ", den die Kanzlerin in ihrer Karlsruhe-Rede forderte, sei "gefährlich in der Politik". Manche europäischen Länder hätten geradezu eine "Aversion gegenüber Deutschland" entwickelt.

Er wünsche sich daher "mehr Helmut Kohl" im Umgang mit kleineren europäischen Nachbarn wie Dänemark oder dem Baltikum. Der Altkanzler habe den Nachbarn immer das Gefühl gegeben, genauso wichtig zu sein wie die großen Länder.

Zudem treibt ihn die Sorge um, "dass wir die Menschen aus dem demokratischen Spektrum heraustreiben", weil sie nicht mehr sagen dürften, was sie denken. Die Menschen hätten Sorge, dass sich Deutschland durch den Flüchtlingszuzug kulturell verändert. Doch nicht wir Deutsche müssten uns anpassen, "sondern diejenigen, die zu uns kommen".

Auch zur Türkei zeigte er eine klare Meinung: Er sei jetzt wie vor zehn oder 20 Jahren der gleichen Meinung: "Ich möchte nicht, dass die Türkei europäisches Mitglied wird, sonst können wir Europa ganz vergessen!"

Christoph Schwennicke, "Cicero"-Chefredakteur: "Realität holt Merkel ein"

Überraschend wenig war an diesem Abend von dem Journalisten zu hören. Schwennicke sagte zur Flüchtlingskrise, die Realität hole jetzt die Politik der Kanzlerin ein. Er kritisierte die "unkonditionierte Willkommenskultur" von Merkel - und verhielt sich für den Rest der Sendung eher still.

Claudia Roth: "Integrationsturbo anmachen!"

Die Grüne forderte, wir müssten in Deutschland den "Integrationsturbo anmachen!" Sie redete von ihren Reisen nach Syrien und in die Türkei und stellte fest, dass die internationale Gemeinschaft "komplett versagt habe".

Die Forderung der CDU nach einem "Integrationsführerschein" stellte sie als Unsinn dar. Solche Kurse gäbe es seit Jahren, man müsse sie jetzt nur noch für Asylbewerber öffnen. Auch erteilte sie Forderungen nach einer Obergrenze für Flüchtlinge mit dem Hinweis auf Artikel 16 des Grundgesetzes (er spricht allen Menschen, die es brauchen Asyl zu) eine routinierte Absage.

Herfried Münkler, Historiker: "Kampf um die deutsche Seele hat begonnen"

Der Geschichtsforscher brachte eine geradezu unerträgliche akademische Ausgewogenheit in die Debatte. Politikwissenschaftlich gesehen habe gerade "ein Kampf um die deutsche Seele begonnen", sagt er.

Zu den schlechten Umfragewerten für Merkels Kurs in der Flüchtlingskrise, sagt er: Es sei schlicht die Aufgabe der Politik, "eine Mehrheit davon zu überzeugen, dass wir das schaffen". Den Auftritt der Kanzlerin auf dem CDU-Parteitag gestern nannte er "unter politiktheoretischen Gesichtspunkten eigentlich ein Meisterstück." Zu der Forderung nach einer Obergrenze für die Zuwanderung befragt, sagte er, es könne sein, dass "irgendwo erstens die Ressourcen und zweitens die Aufnahmebereitschaft der Menschen ein Ende" haben müssten.

Claudia Roths Aussage, dass das Grundgesetz keine Obergrenze kenne, entgegnete er, dass das Gesetz ein Ergebnis eines "politischen Aushandlungsprozesses" sei. Und damit könne es durchaus neu verhandelt werden.

Serdar Somuncu, Kabarettist: "Ruhig mal die bösen Deutschen sein"

Interessanterweise war es dieser Duzfreund von Claudia Roth, der ihr in der Sendung am meisten Contra gab. Dazu mussten die beiden erst mal die Frage klären, ob sie sich weiterhin duzen sollen. "Das tun wir, aber wir hatten vereinbart, es nicht in der Sendung zu tun", meinte der Kabarettist. "Ich habe mich daran gehalten." Dann konnte er es aber doch nicht durchhalten: "Claudia, du hast keine Lösungsvorschläge", warf er der Grünen vor.

Dann kam Somuncu zum Punkt. "Was machen wir denn mit den Leuten, die sich nicht an unsere Grundwerte halten?" Zum Beispiel, wenn ein Vater seine Tochter nicht zur Schule schicke? Dann müssten klare Konsequenzen folgen: "Wir müssen nicht immer nur die lieben Deutschen sein", so Somuncu. "Wir können ruhig auch mal die bösen Deutschen sein."

Statt einer Zuwanderungsquote müssten die Deutschen angesichts der florierenden deutschen Waffenindustrie selbst "eine moralische Quote erfinden, dass man merkt, wann man aufzuhören hat, vom Leid anderer Leute zu profitieren".

Ob Claudia Roth nach dieser hitzigen Sendung das Du wohl zurückgezogen hat?

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