POLITIK
13/12/2015 17:02 CET | Aktualisiert 13/12/2015 17:14 CET

Das ist der Grund, warum Pegida unser Land vergiftet

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Fast 70 Kilometer war ich durch das Elbtal gelaufen. Und wo immer ich ankam, der deutsche Schlager war schon da.

Im tschechischen Hrensko etwa. Dort boten fliegende Händler den meist deutschsprachigen Tagestouristen zwischen Reizgas-Ampullen und abenteuerlich zusammengerollten Kugelböllern aus osteuropäischer Produktion die neuesten CDs von Helene Fischer und Hansi Hinterseer an.

Auf dem Weihnachtsmarkt in Pirna wurde der gesamte Marktplatz mit einem Medley von Weihnachtsliedern beschallt. Und im Dresdner Süden hingen Ankündigungsplakate für eine "Hüttengaudi" mit "Antonia aus Tirol".

Ruhe dort, wo zuvor Rauchbomben flogen

Solang ich lief, ich hatte stets den Sound eines öffentlich-rechtlichen Samstagabends im Ohr. Selbst in Heidenau, in jenem Supermarkt, vor dem im Sommer rassistische Krawalle gegen die geplante Einrichtung eines Asylbewerberheims tobten.

Ich dachte an jene Nacht, die Szenen waren in meinem Gedächtnis eingeklemmt: Rauchbomben auf dem Asphalt, der Qualm wabert in Neonfarben. Vermummte Männer, die Absperrgitter zu Barrikaden umgeworfen hatten und mit Steinen werfen. Verletzte Polizisten. Und während meine Gedanken wieder in der Gegenwart ankamen, hörte ich eine Stimme aus dem Lautsprecher irgendwas von "Klingelingeling" und dem "Weihnachtsmann" singen.

Um das Asylbewerberheim selbst war es bemerkenswert still. Dicke, olivgrüne Plastikplanen umhüllten den Bauzaun, der rings um das Grundstück führte. Kein Blick drang nach innen, keiner nach außen. Ob die Stadt im Sinn gehabt hatte, sowohl Bewohnern als auch Altbürgern den Anblick der jeweils anderen zu ersparen?

Die Welt der Flüchtlinge, verhüllt und weggepackt

Zudem hatte das ganze Plastik eine bizarre, beinahe klinische Anmutung: Jeder Passant musste schon im Vorbeilaufen ahnen, dass sich hinter der Folie nicht das gleiche Heidenau befand wie davor. Sondern eines, das offensichtlich mit luftdichten Materialen weggepackt werden muss.

Und von dort an sind es vielleicht nur noch ein paar kurze Gespräche, bis die Gerüchte sich ihren Weg durch die heile Welt fressen.

Das „Klingelingeling“ verfolgte mich.

Am späten Nachmittag erreichte ich die Innenstadt von Dresden. Ich warf meinen Rucksack in die Ecke des Hotelzimmers und ging Richtung Striezelmarkt.

Pegida hatte mal menschliche Züge

Schon auf dem Weg traf ich die ersten Pegida-Demonstranten. Die Bewegung hatte sich in den vergangenen Monaten zusehends radikalisiert.

Noch vor einem Jahr hatte Bewegungsgründer Lutz Bachmann mit dem "19 Punkte"-Papier um Sympathien im bürgerlichen Lager geworben. Darin befürwortete Pegida ausdrücklich die Aufnahme von "Kriegsflüchtlingen" (das sei "Menschenpflicht") und eine humane Unterbringung in dezentralen Einrichtungen.

Auch damals gab es schon beinharte Rassisten unter den Demonstranten, gewaltbereite Hooligans und Gelegenheitsschläger. Es war klar, dass in der Menge Menschen mitliefen, die überhaupt kein Interesse an gesellschaftlichen Kompromissen hatten. NPD-Kader, Querfrontstrategen, radikale Christen, Reichsbürger. Aber zwischen all den Verrückten fanden sich auch verirrte Bürger, Neugierige und Menschen, die einfach ein diffuses Angstgefühl in sich trugen.

Der Hass ist in den Straßen zu spüren

Davon war nun nichts mehr zu spüren. Statt "Wir sind das Volk" schallt es nun "Wi-der-stand!" durch die Gassen der Innenstadt.

Auf der Prager Straße sah ich an diesem Dezemberabend eine Gruppe breitschultriger junger Männer, die schwarz-weiß-rote Wollmützen auf dem Kopf trugen und etwas von "Fahne" und "Ehre" redeten.

Ich folgte ihnen, mit ein paar Schritten Abstand. Dabei versuchte ich, so wenig Aufsehen wie möglich zu erzeugen. Auch in Dresden hatte ich schon Erfahrungen mit rechter Gewalt gemacht.

Ein Mordaufruf schallt durch die Stadt

Vor fast genau elf Monaten war ich an einige Hundert Meter weiter bei dem Versuch, den Demo-Zug abzufilmen, von einem Dresdner Hooligan angegriffen worden. Genauer: Als ich mein Handy hoch hielt, um eine Straßenszene aufzunehmen, trat mir ein junger Mann von hinten ins Kreuz. Er hatte mich als Journalisten erkannt. Das reichte damals schon aus, um zum Ziel rechter Gewalt zu werden.

Mittlerweile raten Studenten der TU Dresden ihren ausländischen Kommilitonen, an Montagabenden besser nicht durch die Altstadt zu gehen.

Den ersten Mordaufruf gegen Kanzlerin Angela Merkel hörte ich wenige Minuten, nachdem ich auf dem Theaterplatz angekommen war. "Die Regierung vor die Wand!", schwadronierte einer, während Pegida-Chef Lutz Bachmann seine Rede begann.

Hitlergruß auf der Demo? Kein Problem!

Und während Bachmann höhnisch darüber sprach, dass die deutschen "Altparteien" sich nach den jüngsten Wahlerfolgen der europäischen Rechtspopulisten nun von "Nazis umzingelt" sähen, meinte ein anderer: "Ja, wäre es doch so!"

Ich ging noch einmal einige Schritte weiter. Vor mir stand nun ein Mann – Anfang 50, Parka, auf dem Kopf eine schwarz-gelbe Wollmütze. Als auf der Bühne die Rede auf Angela Merkel kam, krakeelte der Mann: "Diese Fot**!" Binnen weniger Minuten regte sich erst über die angebliche "Judenrepublik" auf, forderte dann die Hinrichtung der Bundesregierung und reckte seinen rechten Arm zum Hitlergruß.

Doch erst, als er Muslime pauschal und lautstark als "Kanaken-Schweine" beschimpfte, schritten die Ordner ein.

Genauer: Ein etwa fast zwei Meter großer Kahlkopf mit kanonenrohrdicken Armen rempelte den Mützenmann mit Anlauf an, nahm ihn an der Schulter und überzeugte ihn verbal und nonverbal davon, nun besser still zu sein.

Ein Redner vergleicht Multikulti mit Aids

Auf der Bühne sprachen nun Filip Dewinter und Anke Van dermeersch von der rechtsextremen belgischen Partei "Vlaams Belang".

"Der Islam ist eine Eroberungsreligion, die danach trachtet, die Demokratie zu vernichten!", sagte Dewinter. "Wie Aids auf die physische Widerstandsfähigkeit eines Menschen einwirkt, so untergräbt die Multikultur die Identität und die demokratische Wehrhaftigkeit eines Landes."

"Allah hasst Frauen", sagte Anke Van dermeersch. "Das Kopftuch ist für die Frauen wie die Rassel für die Leprakranken und der Stern für die Juden".

Großes Gejohle.

Ich konnte nicht mehr

Dann bat Bachmann zu einem Stadtrundgang "für die flämischen Gäste". Ich hörte noch, wie der Tross hinter einer Ecke verschwand. "Widerstand! Widerstand!" schallte es von den Häuserwänden wieder.

Meine Wanderung war an dieser Stelle zu Ende. Ich konnte und wollte nicht mehr mitlaufen.

Sie kamen noch einmal wieder, um gemeinsam die dritte Strophe des Deutschlandliedes zu singen. Die beleuchteten Handydisplays der Demonstranten tauchten den ganzen Platz in Glühwürmchenlicht.

Ich wollte noch ein letztes Bild machen, da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter.

"Ist das nicht wunderschön?"

Doch noch bevor ich mich umdrehen konnte, sprach ein Mann mit fröhlicher Schlagersängerstimme zu mir: "Ist das nicht wunderschön?", fragte er und lachte mir zu. "Haben Sie Fotos gemacht?" Ich zeigte ihm mein Display. "Och, sehen sie mal! Die schöne Stadt! Die Lichter!"

Wir waren nicht am gleichen Ort.

Wir haben nicht das Gleiche gesehen.

Und das, obwohl wir nebeneinander standen.

Wahrscheinlich musste eine Wanderung im Dezember 2015 genau so enden.

Peinlich: Das sind die 5 größten Blamagen in einem Jahr Pegida

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