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13/12/2015 02:53 CET | Aktualisiert 14/12/2015 07:36 CET

Ein Hamburger Filmstudent hilft Flüchtlingen, die von Abschiebung bedroht sind - und sendet eine ungewöhnliche Botschaft

Preview von "Life was good in Lybia" - ein Film von Roman Toulany
Roman Toulany
Preview von "Life was good in Lybia" - ein Film von Roman Toulany

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Die Terroranschläge in Paris hatten die Flüchtlingskrise für einige Wochen von den Titelblättern der Zeitungen verdrängt. Sicher, Experten diskutierten, wie denn die Grenzen zu sichern seien, wenn täglich Tausende ins Land kommen. Was aber mit den Menschen geschieht, die schon jetzt im Land sind, geriet aus dem Fokus. Doch nun kommt die Diskussion mit ganzer Wucht zurück. Dabei geht es viel um Bürokratie, um Asylverfahren, die Unterbringung und die Versorgung. Doch selten kommen dabei die zu Wort, die es am meisten betrifft: Die Flüchtlinge selbst.

Das wollte der Hamburger Filmemacher Roman Toulany mit seinem Projekt "Life was good in Libya" ändern. Aber der 27-Jährige wollte keinen einfachen Film drehen, er wollte den Menschen, die darin mitspielen auch helfen. Damit ist ihm wohl das ungewöhnlichste Filmprojekt des Jahres in Deutschland gelungen.

Ein Film für die Heimat

Denn der Clou an dem Film ist, dass die vier Flüchtlinge, deren Geschichte der Film erzählt, selbst die Schauspieler sind. Soweit nichts Besonderes. Aber: Wenn Flüchtlinge in Deutschland als Schauspieler arbeiten und in Filmprojekten engagiert sind, bekommen sie ein Künstlervisum.

Der Film von Toulany handelt von vier Flüchtlingen aus Afrika, die nach Hamburg gekommen sind. Sie lernen sich kennen und freunden sich an, da sie eines verbindet: Sie wollen in Deutschland bleiben. Aber jeder von ihnen verarbeitet und verkraftet die Ungewissheit während der Wartezeit auf die Annahme oder Ablehnung ihres Asylantrages anders. Das klingt erstmal düster - aber Toulany hat eine Komödie mit den Flüchtlingen über ihr Schicksal gedreht. “Ich will den Menschen keine Leidensgeschichte unterbreiten und versuchen, die emotionale Tränendrüse zu treffen”, erklärt er. “Ich bringe die Menschen lieber zum Lachen."

Der Plot soll aber nicht nur Deutschen einen Einblick in die Schicksale und den Alltag der Flüchtlinge geben. Aber der Film - und vor allem das macht ihn besonders - wurde auch für ein afrikanisches Publikum produziert. Deshalb sind die Dialoge zwischen den Protagonisten auch auf Twi, der Amtssprache Ghanas gehalten. Die jeweiligen Szenen wurden den Protagonisten auf Englisch erklärt, die Crew hat dabei kein Wort verstanden.

Der Grund dafür:

Roman Toulany will mit seinem Film vor allem die Familien in der Heimat der Flüchtlinge erreichen. Die Flüchtlinge im Film haben ihre Familien seit ungefähr fünf Jahren nicht mehr gesehen und die Zurückgebliebenen haben deshalb häufig falsche Vorstellung, wie ihre Verwandten in Deutschland leben.

Sie träumen von einem Leben im Reichtum

Sie gehen davon aus, dass das Leben ihrer geflüchteten Verwandten im reichen Deutschland luxuriös und einfach ist. Viele glauben, laut dem Filmemacher Toulany, dass ihre Verwandten viel Geld vom Staat bekommen und umsonst wohnen können (ganz nebenbei denken das viele Deutsche auch über die Flüchtlinge).

Genau diese Vorurteile will Toulany bei den Familien der Protagonisten mit seinem Film aus der Welt schaffen.

Der Filmstudent wohnt in Hamburg und kommt ursprünglich aus München. Seine Eltern sind selbst als Flüchtlinge 1979 aus dem Iran nach Deutschland gekommen. Im Moment studiert er an der Hamburg Media School.

life was good in lybia

Angefangen hat das Projekt damit, dass Toulany im Hofgarten der St. Pauli Kirche in Hamburg auf einer Parkbank saß.

Ein Diktator wirbt um die Studenten

In Hamburg wurden 2013 Flüchtlinge von der italienischen Insel Lampedusa aufgenommen. Eines Tages setzte sich ein Flüchtling neben Toulany auf die Parkbank, sie kamen ins Gespräch und er erzählte seine Gesichte. Und die geht so:

Ursprünglich stammen die Geflohenen, die in dem Film mitspielen, aus verschiedenen afrikanischen Ländern. Dort sind sie aufgewachsen und haben studiert. Aber Arbeit gab es keine und die Familie musste ernährt werden. Also flohen sie nach Libyen, da der 2011 gestürzte und getötete Diktator Muammar al-Gaddafi Leute mit einem Studienabschluss in sein Land aufnahm, um sie dort arbeiten zu lassen. Sie verdienten gut, besaßen Häuser und Autos und konnten genügend Geld in die Heimat schicken. Aus dieser Zeit stammt der Titel des Filmes, da es den Flüchtlingen in Libyen, zumindest eine gewisse Zeit lang, sehr gut ging.

Dann begann 2011 die Revolution in dem Land.

Sie wurden vor die Entscheidung gestellt, zu kämpfen oder fliehen - aber sie wollten nicht in den Krieg ziehen. Die Landesgrenzen waren dicht, also blieb ihnen nur der Hafen. Sie packten alles Geld sowie persönliche Dinge, Nahrung und Wasser und wappneten sich für die Überfahrt, mit ungewissem Ziel.

Von 100 Booten kamen nur drei durch

Am Hafen angekommen, wurde ihnen alles, was sie bei sich trugen, abgenommen. Sie wussten nicht, ob die Männer dort von der Garde oder von den Rebellen waren. Sie wurden zu Hunderten auf ein Boot gepfercht. Zwei von ihnen wurde dann von einem Mann erklärt, wie man ein Schiff steuert. Navigationssystem oder Landkarte gab es keine, sondern nur die ungefähre Himmelsrichtung in der Lampedusa und damit Europa lag.

Drei Tage verbrachten sie ohne Nahrung und mit wenig Wasser auf dem Boot, bis sie die Insel erreichten.

Nach den Erzählungen der vier Hauptdarsteller erreichten von den knapp 100 Booten, die in Libyen gestartet sind, nur etwa drei die italienische Insel.

In Italien angekommen, wurden sie mit Pässen für Flüchtlinge und 400 Euro ausgestattet. Mit diesen Pässen durften sie sich sechs Monate lang in Europa aufhalten und reisen. Ihr Weg führte sie dann nach Hamburg, wo sie seit vier Jahren zusammen in einem Container wohnen - und am Ende Toulany trafen.

life was good in lybia

Die Dreharbeiten des Films standen unter extremen Zeitdruck, da einer der Protagonisten kurz vor der Abschiebung stand.

Mithilfe einer Crowdfunding Kampagne brachte Toulany die 5000 Euro auf, die als absolutes Minimum für die 30 Drehtage angesetzt waren. Die Darsteller, Technik- und Kameraspezialisten sowie der Cutter und Schauspiel-Coach für die Flüchtlinge verzichteten auf ihr Gehalt.

Der Film befindet sich momentan noch im Schnitt und wird Anfang 2016 fertig sein. Er wird in drei Sprachen untertitelt erscheinen, so dass er ein möglichst breites Publikum erreicht. Mittlerweile sind weitere Filmemacher auf die Darsteller aufmerksam geworden. Inzwischen haben sie in einigen "Tatorten" und im "Polizeiruf 110" kleinere Nebenrollen besetzt.

Das erhöht die Aussicht auf ein Künstlervisum. Die Flüchtlinge hoffen dann auch auf ein Arbeitsvisum, so dass sie endlich eine Aufgabe haben und vor allem ihren Familien wieder Geld zukommen lassen können.

Natürlich macht der Film nachdenklich: Wann ist eine Abschiebung berechtigt, wann nicht? Wer darf und sollte in Deutschland bleiben und wer nicht? Toulany will die Frage mit seinem Film nicht beantworten. Die wichtigere Botschaft geht an die Familien der Flüchtlinge: Und auch die kann den Flüchtlingen helfen.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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