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12/12/2015 16:31 CET | Aktualisiert 13/12/2015 03:49 CET

Offener Fremdenhass vs. Flüchtlingshilfe: Diese vergessene Stadt kämpft um ihren Ruf

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Es ist jetzt schon nach sechs. Und schon wieder klingelt das Telefon. Der Imam von Gera ist am Apparat. Auf dem Flur wartet eine junge syrische Frau auf eine Mitfahrgelegenheit ins Krankenhaus. Und im Keller, neben dem Café, da üben sie gerade Selbstverteidigung.

Caudia Poser-Ben Kahla, die Vorsitzende des Vereins Akzeptanz e.V., hat in diesen Monaten scheinbar keine einzige Minute ohne Aufgabe. Im Frühjahr hat sie gemeinsam mit anderen den Verein gegründet, in dem mittlerweile 50 Menschen aus der thüringischen Stadt ehrenamtlich Flüchtlingen "Hilfe zur Selbsthilfe" zu geben. So soll den Asylbewerbern der Start in ein neues Leben erleichtert werden.

"Wir machen die Projekte nicht für uns und nicht allein. Bei jedem Projekt haben wir Flüchtlinge oder andere Menschen mit Migrationshintergrund dabei", sagt Poser-Ben Kahla. "Es hilft nichts, wenn wir hier das muslimische Opferfest feiern und dann Thüringer Rostbratwürste auf dem Grill haben."

Es ist nicht selbstverständlich, dass hier in Gera ein solcher Verein entsteht

In dem ehemaligen Industriegebäude bietet der Verein Deutschkurse an, für die sich derzeit mehr als 100 Flüchtlinge eingeschrieben haben. Es gibt einen kleinen Kindergarten mit gespendetem Mobiliar, in dem bis zu 30 Flüchtlingskinder betreut werden. Aber natürlich leisten die Freiwilligen auch viel Alltagshilfe.

Der Verein stößt auf große Resonanz: Der MDR wählte Poser-Ben Kahla zur "Thüringerin des Monats". Manchmal hat sie die Lokalmedien im Haus. Bald schaut ein Team von "Spiegel TV" im Süden der Geraer Innenstadt vorbei. Es ist nicht selbstverständlich, dass gerade hier in Gera ein solcher Verein entstehen und wachsen konnte.

Noch im Frühjahr formierte sich massiver Protest gegen eine geplante Asyl-Erstaufnahmeeinrichtung im eher dörflich geprägten Stadtteil Liebschwitz. Bei einer Bürgerversammlung wurden die Ressentiments unter den Augen von entsetzten Kommunal- und Landespolitikern offen spürbar.

Fremdenhass in allen Facetten

Der Offene Kanal in Gera hat die Veranstaltung in voller Länge gefilmt. Das Ergebnis ist ein eineinhalb Stunden langes Dokument des Fremdenhasses, der sich in all seinen Facetten zeigt: von Kleingärtnern, die Polizeischutz für ihre Kolonie forderten, über wüste antiamerikanische Tiraden bis hin zu offen ausländerfeindlichen Einlassungen.

Claudia Poser Ben-Kahla kennt diesen Menschenschlag nur zu gut. "Es gibt eine größere Gruppe 'besorgter Bürger'. Die werden nur schwer davon zu überzeugen sein, Flüchtlinge mit offenen Armen zu empfangen."

Da fällt ihr ein Beispiel aus der Praxis ein. Eine von diesen schönen, kleinen Geschichten des Jahres 2015, die vielleicht bisher zu selten erzählt wurden.

"Ein syrischer Flüchtling hatte den Dienstausweis von einem Mitarbeiter der Energieversorgung gefunden. Der kam damit zu uns, und wir haben ihm erklärt, was das für eine Firma ist. Man hätte mit Hilfe dieses Ausweises in ganz Gera das Licht ausknipsen können", erinnert sich Poser Ben-Kahla.

Meist sind es Menschen, die nie mit Ausländern zu tun hatten

"Ich habe dann jemanden angerufen bei der Energieversorgung, und der sagte dann: 'Oh, das trifft den Richtigen! Das ist derjenige bei uns, der immer gegen Flüchtlinge ist.' Später hat dieser Mann dann bei uns angerufen. Ich habe ihm erklärt, wer seinen Ausweis gefunden hat, und da wurde er sehr kleinlaut. Meist sind das eben Menschen, die nie mit Ausländern zu tun hatten."

Gera ist im Grunde eine sehr schöne Stadt, eine der unbekannten Perlen in der Mitte Deutschlands. Sie verfügt über ein beinahe lückenlos erhaltenes historisches Zentrum und viele reich verzierte Bürgerbauten aus dem 19. Jahrhundert. Würden amerikanische Touristen hierher finden, sie fühlten sich zwischen den Türmchen, Erkern und Giebeldächern wie im Märchenland.

Einst war die ostthüringische Stadt eine der reichsten in ganz Deutschland. Der Textilhandel brachte den Menschen Wohlstand und Arbeit. Bis 1920 war Gera Landeshauptstadt des Fürstentums Reuß und dessen Nachfolgestaat, zu DDR-Zeiten Bezirkshauptstadt. Und bis Ende der 80er-Jahre wuchs die Bevölkerung, im Wendejahr 1989 zählte Gera 135.000 Einwohner.

Zukunft mitgestalten, statt sie zu fürchten

Seitdem ist leider viel passiert. Gera hat nicht nur einen Großteil seiner Industrie verloren, sondern auch ein Drittel der Einwohner. Und die Bahn klemmte Gera im neuen Jahrtausend als erste deutsche Großstadt vom Fernverkehr ab - daran erinnert noch der mehrere Hundert Meter lange Bahnsteig am Hauptbahnhof, an dem sich heute die stummelförmigen Schienenbusse der Erfurter Bahn verlieren.

Aber sind Initiativen wie der Verein Akzeptanz e.V. womöglich gerade deshalb so wichtig für Städte wie Gera? Weil sie nicht nur ein positives Weltbild vermitteln und den Bewohnern die Möglichkeit geben, Zukunft mitzugestalten, statt immer nur davor zu zittern? Zum Beispiel, wenn es um die Integration der Flüchtlinge geht.

"Natürlich wollen die Flüchtlinge dann später eher in die großen Städte. Aber wir versuchen es ihnen hier auch ein wenig schmackhaft zu machen: Gera kann sehr schön sein", sagt Poser-Ben Kahla. Am besten funktioniere es dann, wenn man die Geflüchteten wie eine große Familie auffängt.

Mit der Stadt gibt es massive Spannungen

Bemerkenswert ist es da schon, dass Akzeptanz e.V. derzeit ausgerechnet mit der Stadt Gera größere Probleme hat. "Die Zusammenarbeit mit dem Land Thüringen funktioniert sehr gut. Wir bekommen sehr klare Informationen auch darüber, was die Erstaufnahmen betrifft, tauschen uns aus. Mit den kommunalen Einrichtungen in der Stadt Gera gibt es massive Spannungen", sagt die Vereinsleiterin.

"Außerdem vermisse ich ein klares Statement von unserer Oberbürgermeisterin. Dass sie das nicht im März getan hat, als das mit Liebschwitz hochgekocht ist, das mag man noch verstehen", sagt sie. Liebschwitz, der Ort, wo die Bürger auf der Versammlung ihre Parolen abspulten. "Aber dass im Dezember immer noch keine klare Haltung gekommen ist, dass alles so schwelt, das finde ich schon sehr dramatisch."

Vielen Leuten in der Stadt falle das auf. Viel erwarte sie nicht mehr. Sie würde sich nur freuen über eine deutliche Ansage: "Wir freuen uns, dass die Flüchtlinge in Gera sind, wir heißen sie willkommen." Derzeit seien es die Vereine, die diese Botschaft sendeten.

Man kann es auch andersherum ausdrücken: Es waren nicht die Behörden, sondern die unzähligen freiwilligen Helfer, die diesem Jahr ein Happy End geschenkt haben.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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