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12/12/2015 09:42 CET | Aktualisiert 13/12/2015 13:12 CET

Mehr geht nicht! So krass ist der Alltag der Grenzbeamten in Rosenheim

Im Schnitt werden in Rosenheim 2000 Flüchtlinge von der Bundespolizei registriert. Mehr geht nicht!
HuffPost/Holzschuher
Im Schnitt werden in Rosenheim 2000 Flüchtlinge von der Bundespolizei registriert. Mehr geht nicht!

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Wie Schulkinder stehen die Flüchtlinge da, in Zweierreihen. "Es sieht hart aus", sagt ein Beamter der Bundespolizei. Doch diese Ordnung sei wichtig - und das wüssten auch die Ankommenden.

Sekunden später steht er wieder am Gleis und erwartet die nächsten Flüchtlinge. "Das nächste Fünfzigerkontingent", sagen die Beamten.

Wir waren am Bahnhof von Rosenheim - einem der Hotspots der Flüchtlingskrise. Hier laufen die Balkanroute und die Brennerroute der Flüchtlinge zusammen; also die Wege, die die Flüchtlinge bevorzugt nach Deutschland nehmen.

Kurz vor dem Oktoberfest in München hat Deutschland nicht weit von hier wieder Grenzkontrollen eingeführt. Wir wollten wissen, wie es an diesen Grenzen heute zugeht, vor allem aber: Wie der Alltag der Bundespolizei aussieht. Denn seit Wochen schlagen die Gewerkschaften der Polizei immer wieder Alarm: Die Beamten seien überfordert, die Sicherheit Deutschlands sei in Gefahr. Terroristen könnten so unbemerkt ins Land kommen.

Im Schnitt nehmen die Beamten zwei Schlepper pro Tag fest und registrieren rund 2000 Flüchtlinge. Die meisten erreichen die oberbayerische Stadt mit dem Zug aus dem österreichischen Kufstein. Fast stündlich kommen sie an. Ein Knochenjob für die 1000 Beamten, die auch die Grenze zwischen Freilassing und Salzburg betreuen.

Wenn der Meridian-Zug aus Tirol einfährt, beginnt die Routine. In der Regel begleiten ein bis zwei Bundespolizisten die Flüchtlinge von Österreich nach Deutschland.

Jeder Handgriff ist Routine

Währenddessen stellen sich die 50 Neuankömmlinge etwas abseits vom Bahnhofsgebäude in Zweierreihen auf, nachdem die Beamten sie dazu aufgefordert haben. Keine Diskussionen, kein Getuschel. Auch nicht als vier Polizisten durch die Reihen gehen. "Please, the right hand", bitten die Beamten jeden einzelnen, selbst die Kinder. Jeder erhält ein orangenes Papierband ans Handgelenk; ein identisches erhält das jeweilige Gepäck der Personen. Geht es dann zum Zelt am Bahnhofsvorplatz, wird die Gruppe durchgezählt.

Für die Beamten ist jeder Handgriff Routine. Viele machen seit Wochen wenig anderes. Grund: Die Bundespolizei in Rosenheim wird nicht nur von anderen Kollegen unterstützt, sondern auch von der Bereitschaftspolizei, dem Zoll oder der Bundeswehr. Um den Aufwand gering zu halten, werden die Kollegen für eine Aufgabe angelernt - und bei der bleiben sie. Das stupide Arbeiten kann anstrengend sein, daraus macht kein Beamter ein Geheimnis.

So schützen sich die Beamten

Szenenwechsel. Noch sind die Beamten im Zelt auf dem Bahnhofsvorplatz unter sich - in Uniform und teils mit einer leichten Schutzweste bekleidet. "Zieht euch einen Mundschutz an, die Flüchtlinge sollen krank sein", rät eine erfahrene Beamtin und zieht sich selber die Maske über das Gesicht. Auf den Biertischen neben ihr stehen Boxen mit blauen Einmalhandschuhen und Flaschen mit Desinfektionsmittel. Fast alle Beamte tragen Masken. Eine Frau hat sich ein Lächeln aufgemalt.

Krätze, TBC "und vor einigen Tagen hatte sogar einer Gelbsucht", ergänzt ein Beamter die Aufzählung: Die Polizisten versuchen sich vor Krankheiten zu schützen, so gut es geht. Trotzdem: Die Polizisten kommen mit Tausenden Flüchtlingen täglich in Kontakt. Und abends gehen die einheimischen Beamten wieder zu ihren Familien...

Minuten nach ihrer Ankunft in Rosenheim betritt eine Flüchtlingsgruppe das Zelt. Hier ist es warm, es duftet dank eines Räuchermännchens nach Weihnachten. "Das ist auch besser so", merkt ein Beamter an. Denn die Menschen hätten teils seit vielen Tagen dieselbe Kleidung an.

Fließbandarbeit am Menschen

In Bayern gibt es seit der Einführung der Grenzkontrollen im September fünf Übergabepunkte wie in Rosenheim oder an der Grenze Freilassing. Sie alle sind klar strukturiert. So auch das Zelt am Rosenheimer Bahnhofsvorplatz: Im hinteren Teil ist der Ankunftsbereich, vorne sind die Stationen der Beamten. Bauzäune zeigen die Wege durch die Registrierung auf. Denn: Hier können keine Asylanträge gestellt werden. Es wird einfach erfasst, wer überhaupt ins Land gekommen ist.

Auch die Aufgaben der Polizisten sind klar definiert und längst Routine. "Das ist für die Beamten wie Fließbandarbeit - auch wenn wir mit Menschen arbeiten", erklärt der Sprecher.

  • Station 1: Papiere sichern und Durchsuchung. Fünf Sitzgruppen sind die erste Station. Die Beamten fragen schnell nach Herkunft und Dokumenten. Danach werden die Flüchtlinge durchsucht. Selbst die Kinder. Die Frauen in den Kabinen, die Männer zwischen den Tischen. Genauso das Gepäck. "Manchen ist gar nicht bewusst, dass sie noch einen Führerschein besitzen – und dass der uns helfen kann“, erklärt der Polizeisprecher. Ansonsten wird an der langen Tischreihe der Name erfasst, den die Flüchtlinge den Beamten nennen.
  • Station 2: Fingerabdrücke abnehmen und Abgleich der Daten. An einer langen Biertisch-Reihe sitzen drei Beamte mit ihren Laptops. Ihre ganze Schicht lang nehmen sie Fingerabdrücke mit einem Mini-Scanner ab. Daumen und Zeigefinger links, Daumen und Zeigefinger rechts.

    Danach gleicht der Computer ab: Ist diese Person in Deutschland schon einmal auffällig geworden? Hier geht es um Taten, hinter denen kriminelle Energie vermutet wird. Jeder Flüchtling ist de facto unerlaubt ins Land gekommen. Das ist ein Vergehen. Das letzte Wort hat aber immer der Staatsanwalt.

  • Station 3: Foto machen. Jeder Flüchtling wird fotografiert. Familien gemeinsam, Alleinreisende extra. Bei den meisten Bildern hält ein Polizist ein Schild (unter anderem mit der Zugnummer und dem Datum) in die Kamera. Man muss die Bilder den erhobenen Daten zuordnen können. Hat jemand noch seinen Pass, hält dieser den vor seine Brust.
  • Station 4: Wartebereich. Wer die Registrierung durchlaufen hat, setzt sich in den vorderen Wartebereich – in das direkte Blickfeld der Beamten. Trotzdem: Bewacht wird keiner. "Es sind Menschen – und genau so wollen wir sie auch behandeln“, so der Polizeisprecher.

    Erst wenn alle Flüchtlinge fertig sind, beginnt wieder das Gruppieren. Eine Familie nach der anderen Gruppe darf zum Bus. Ein Beamter hebt nur ganz ruhig eine Hand, um sie zu stoppen.

Eine Stunde in Dauerschleife

Mit Händen und Füßen und mit ein bisschen Englisch kommunizieren Beamte und Flüchtlinge. "Die meisten Flüchtlinge können auch wirklich gut Englisch“, betont ein Bundespolizist aus Bamberg. Für längere Gespräche hat hier aber keiner Zeit. Sind die 50 Personen durch die eigene Station durch, gehen die Beamten kurz zur Versorgungskammer im Zelt. Trinken was, oder schreiben ihren Lieben daheim eine kurze Nachricht.

Nach einer Stunde haben alle Flüchtlinge das Zelt wieder verlassen und sitzen im Bus zur Sammelstelle, die nächsten warten bereits am Bahnhof. Kurz durchschnaufen. Man redet, lacht kurz. "Was hier toll ist? Man lernt Kollegen aus dem ganzen Bundesgebiet kennen“, ist prompt die Antwort. "Und das Essen ist gut – das ist das Wichtigste!“

Zur Entlastung werden Flüchtlinge mit Bussen auch zur Dienststelle und in die dortige Turnhalle gebracht - was dort passiert? Dasselbe, auch an Weihnachten oder Neujahr. Im Schnitt 2000 Mal am Tag im Dienstgebiet Rosenheim. Mehr geht nicht. Darüber ist man sich hier im Klaren.

Und wenn es mehr Flüchtlinge an den Grenzen werden? Wie das zu schaffen ist, weiß hier keiner.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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