ELTERN
12/12/2015 13:17 CET | Aktualisiert 12/12/2015 13:22 CET

Alleinerziehende Mutter in Deutschland: "Immer kommt irgendwas zu kurz"

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Anna glaubt an das Schicksal.

"Der Leo hat einfach auf die Welt gewollt, deshalb ist er jetzt hier", sagt die junge Mutter und streichelt dem Zweijährigen liebevoll übers strohblonde Haar. Ja, Leo, der auf dem bunt bedruckten Teppich in Annas gemütlicher Zwei-Zimmer-Wohnung sitzt und seinen Adventskalender zerrupft, ist hier - und das obwohl ihn erstmal niemand so richtig wollte.

Nicht der leibliche Vater, mit dem Anna nur kurz zusammen war, und den sie zwar als liebevoll, aber komplett unzuverlässig beschreibt. Nicht Annas Eltern, die "noch vom alten Schlag" sind und zunächst wenig begeistert von der Idee waren, dass ihre Tochter alleine ein Kind großziehen würde.

anna alleinerziehende

Leo ist hier, weil Anna gute Freunde hatte und vor allem weil sie ihn trotz alledem unbedingt wollte.

Die Schwangerschaft war ungeplant, der Partner absolut nicht der Richtige, aber dass sie Leo bekommen würde, notfalls auch ganz allein, stand von Anfang an fest: "Da war so ein wunderschönes Gefühl und ich konnte gar nicht anders als glücklich zu sein", sagt sie und grinst dabei über beide Ohren, während sie wie nebenbei Leo ein Glas Vitaminsaft gibt, um ihn von den vielen Süßigkeiten abzulenken, die jetzt aus seinem zerrupften Adventskalender purzeln.

Ich hatte unheimliches Glück

Leo ist mittlerweile fast zwei Jahre alt, ein blonder, aufgeweckter Junge, der direkt aus einer Astrid-Lindgren-Geschichte entsprungen sein könnte. Und genau wie mit Michel aus Lönneberga ist auch mit Leo immer was los: Wenn er keine Adventskalender auseinandernimmt, räumt er geschäftsmäßig Sofakissen von der Couch oder rennt quietschend durch die Wohnung. Anna lacht: Leo sei voller Energie, sehr fröhlich und unkompliziert. "Ich hatte unheimliches Glück", sagt die junge Mutter, und meint damit nicht nur den sonnigen Charakter ihres Sohnes.

Denn anders als viele der rund 1,6 Millionen Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern in Deutschland, muss Anna nicht mit finanziellen Schwierigkeiten kämpfen. Kurz vor der ungeplanten Schwangerschaft ist die damals 31-Jährige als Lehrerin verbeamtet worden.

Ihr Gehalt war gut, somit dann auch das Elterngeld für Leo.

Auch eine Stelle nach der Elternzeit war ihr somit sicher. Die 33-Jährige weiß, dass sie großes Glück hatte: "Dass ich so locker und positiv rüberkomme, hat auch damit zu tun, dass ich finanziell keine Sorgen habe", sagt sie. Leos leiblicher Vater sei arbeitslos und zahle somit keinen Unterhalt, zusätzlich werde sie aber von ihren Eltern unterstützt. "Ansonsten wäre das beinhart."

alleinerziehende verdienst statistik

Beinhart kann das Modell Alleinerziehend tatsächlich sein.

Das beweist auch die Statistik: Rund 39 Prozent der Alleinerziehenden (in neun von zehn Fällen übrigens Frauen) sind auf Hartz 4 angewiesen. Zusammen mit Rentern bilden sie eine Gruppe, die in Deutschland weiterhin ein besonders hohes Armutsrisiko tragen. Grund sind oftmals die stark beschränkten Verdienstmöglichkeiten.

Kitasuche als Casting

Von den Schwierigkeiten, die die Jobsuche als Alleinerziehende mit sich bringt, ist Anna zwar verschont geblieben, aber sie kennt viele, denen es anders ging. Denn: Wenn es nur ein Elternteil gibt, kommen eigentlich nur Teilzeitjobs in Frage - und die sind rar. Nur rund 15 Prozent der Angebote des Arbeitsamts dieses Jahr waren solche Jobs. Laut eines Berichts der Bundesagentur für Arbeit suchen Alleinerziehende deshalb über neun Monate nach einer Anstellung, der generelle Durchschnitt liegt bei vier.

Dabei wollen die Meisten unbedingt wieder arbeiten und ihrem Kind das bieten, was andere Kinder auch haben.

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Auch Anna ist seit September wieder zurück im Job. Im Moment unterrichtet sie an einem Gymnasium in München. Rund zwölf Stunden die Woche, jeweils von 8:30 Uhr bis 13 Uhr. Arbeitszeiten wie gemacht für Kitaöffnungszeiten - der absolute Ausnahmefall. Doch einen Kitaplatz für Leo zu finden, erwies sich als eine echte Herausforderung. "Das war ein regelrechtes Casting", sagt Anna. Sie hat schon Anfang des Jahres einen Platz beantragt, damit sie im Herbst pünktlich zurück in den Beruf gehen konnte. Dass die Suche schwer werden würde, wusste sie bereits.

Obwohl es seit 2013 deutschlandweit einen Rechtsanspruch auf einen Kinderbetreuungsplatz ab dem ersten Lebensjahr gibt, bekamen Anna und Leo erstmal nur Absagen. Begründung: Fehlende Dringlichkeit. Und das, obwohl Annas Sohn schon eineinhalb war und sie ganz alleine.

Viel dringender geht eigentlich nicht - sollte man meinen.

Doch derzeit fehlen laut einer Bertelsmannstudie rund 120.000 Erzieher. Auf einen Platz gäbe es oft 50 bis 60 Bewerber, sagt Anna - das spürt man auch in München. Geklappt hat letztendlich "nur" ein alternatives Betreuungsangebot: Eine Elterninitiative im Glockenbach, in der sich Leo glücklicherweise sehr wohl fühlt - denn einen anderen Platz hätte er erstmal nicht bekommen.

Immer kommt irgendwas zu kurz

Auf alternative Betreuungsoptionen sind Alleinerziehende generell besonders stark angewiesen.

Laut eines Berichts des Bundesministeriums bilden Familie, Freunde und lokale Angebote oft eine Art lebensnotwendiges Sicherheitsnetz für sie, wenn Kita-Öffnungszeiten eben nicht mit dem Job vereinbar sind. Annas Eltern leben nicht in München, Geschwister hat sie keine. Da bleibt erstmal nur sie für die Nachmittagsbetreuung ihres Sohnes. Das bedeutet für die allermeisten Tage: Früh aufstehen, Leo in die Krippe bringen, arbeiten, Leo abholen, mit Leo spielen, Leo ins Bett bringen, den Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten, schlafen.

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Auch wenn Anna viel Glück hatte: Arbeit, Erziehung und Freizeit ganz alleine unter einen Hut zu bringen, das ist sogar für sie schwer - obwohl sie sonst 1.000 Dinge gleichzeitig wuppt: "Immer kommt irgendwas zu kurz", meint sie. "Wenn ich alles so machen würde, wie ich das gerne hätte, dann bräuchte ich gar nicht mehr ins Bett zu gehen, denn dann wäre die Nacht vorbei." Abstriche machen - das kennen viele Alleinerziehende nur zu gut.

"Aber wenn man gar nichts mehr Schönes für sich macht, wird man sehr unglücklich", fügt Anna hinzu. Und wenn seine Mutter schlecht gelaunt ist, merkt das auch Leo - da ist sich die junge Mutter sicher. Dank ihrer Babysitterin und der Unterstützung durch ihre Mutter kann sie auch mal abends allein mit Freunden ausgehen oder für ihr Theater-Ensemble proben.

Gelassenheit als Erfolgsformel

Generell hat sie nicht das Gefühl, dass ihrem Sohn etwas fehle - auch wenn die Über-Mamas aus ihrer Umgebung sie manchmal unter Druck setzen. "Ich überlege schon teilweise, ob Leo einen Nachteil hat, weil ich alleinerziehend bin und nicht immer alles mitmache". Die Energie und die Zeit wie andere Eltern habe sie aber einfach nicht. Am Ende sieht die 33-Jährige das Ganze aber gelassen. Vieles würden die Kinder ja eigentlich gar nicht brauchen. Ihr Blick fällt instinktiv auf die Überreste des bunten Adventskalenders. Sie lacht - den habe sie auch nur aus Gruppenzwang gekauft. Leo aber scheint zufrieden, er rupft jedenfalls in Ruhe weiter.

Und auch Anna strahlt eine beeindruckende Gelassenheit aus.

Nur bei einem Thema wird sie kurz nachdenklich: Die Befürchtung, dass Leo ein männlicher Bezug fehlen könnte. Ihr Sohn sei fasziniert von allen Männern zwischen 8 und 80, sagt sie. Auf dem Weihnachtsbazar ihrer Schule am Vortag habe er begeistert mit zwei Jungs aus ihrer Klasse gespielt. Für das kommende Jahr wünscht sie sich deshalb eine männliche Bezugsperson für ihn - sei es ein Nachbarsbub oder ein Verwandter.

Früher hätte Anna nie gedacht, dass ausgerechnet sie einmal alleinerziehende Mutter sein würde.

"Ich dachte immer, ich hätte mal das klassische Familienmodell, verliebt sein, heiraten, Kind." Aus Leos Geburt habe sie aber gelernt, dass es schön sein kann, das Leben so anzunehmen, wie es kommt. Und wenn man sich Leo, Anna und den liebevoll zerlegten Adventskalender so ansieht, fällt es schwer, nicht auch wie Anna an das Schicksal zu glauben.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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