POLITIK
11/12/2015 15:05 CET | Aktualisiert 12/12/2015 06:09 CET

Dämonen, Geister, Zwischenwelten: Wir haben einen Schamanen in seinem Wohnwagen besucht

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Jens Adolf Frese hatte in den vergangenen fünf Jahren praktisch keinen Körperkontakt mit anderen Menschen. Er war die allermeiste Zeit allein. Einsam aber war er nicht. Es gibt jede Menge Geister, mit denen er sprechen kann. Zumindest behauptet er das.

Jens ist Schamane. Acht Tage im Monat arbeitet der 58-Jährige in einer Müllannahmestelle. Den Rest seiner Zeit kämpft er in anderen Welten gegen Dämonen und versucht, den Bärengeist zu besänftigen, der mal wieder sauer auf ihn ist.

Jens ist mit mir in den Wald gegangen, der direkt neben dem Wagendorf an der Wuhlheide im Berliner Stadtteil Oberschöndorf liegt, in dem er seit zehn Jahren wohnt. Seine langen grauen Haare wippen bei jedem seiner Schritte auf und ab. Er will mir zeigen, was es bedeutet, ein Schamane zu sein im 21. Jahrhundert.

Ein Schamane im 21. Jahrhundert - ist das eine Art moderner Hexer?

Erklärungsbedarf besteht definitiv. Früher hatten viele Dörfer eine Art Schamane. Einen Heiler, der die Kranken behandelte, als es noch keine Schulmedizin gab. Aber heute? "Die Leute verstehen nicht, was ich tue. Sie sind feindselig und werfen mir Betrug vor“, sagt Jens.

Zwischenwelten? Dämonen? Bärengeist? Auch mir fällt es schwer nachvollziehen, was Schamanismus eigentlich ist. Ist Jens so etwas wie ein moderner Hexer?

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In diesem Wagendorf in Berlin wohnt Jens Adolf Frese seit zehn Jahren (Foto: Lea Kosch)

Auf einmal bleibt der behäbige, korpulente Mann abrupt stehen, schließt die Augen und murmelt: "Ja ich weiß. Schon gut." Eine junge Frau, die gerade mit ihrem Hund vorbeigeht, wirft uns irritierte Blicke zu. Schließlich sind Jens’ Worte ganz offensichtlich nicht an mich gerichtet.

"Das war der Bärengeist", erklärt er mir. "Sie ist mir böse. Wir klären das später." Der Bärengeist ist also eine Sie. Eine Bärin. Während Jens neben mir auf dem Waldweg steht, hat er sie getroffen, sagt er. In einer Welt, die mir ganz offensichtlich nicht zugänglich ist.

Schamanen, so erklärt er, können sich in verschiedenen Ebenen bewegen. So wie Jens das beschreibt, klingt es so simpel, als würde er in einer Wohnung von einem Zimmer in ein anderes gehen.

"Natürlich können alle Schamanen fliegen"

In diesen anderen Welten könne er als Schamane umherfliegen, erklärt er, als sei es das Normalste der Welt. Fliegen? "Ja klar, alle Schamanen können fliegen. Wenn ich das nicht könnte, wäre ich kein Schamane", sagt er und sein irritierter Blick sagt mir, dass es ihn wundert, wie ich auch nur im Ansatz seiner Fähigkeit zweifeln kann.

Das Wort "Schamane" kommt ursprünglich aus Sibirien. Menschen, die sich als Schamanen bezeichnen, gibt es heute aber in praktisch allen Kulturen auf der Welt – auch in europäischen Städten wie London, Rom oder eben Berlin. Bis heute ist es nicht gelungen, präzise zu definieren, was einen Schamanen auszeichnet.

Alle Schamanen aber haben gemeinsam: Sie glauben, dass wir von Geistern umgeben sind, die uns beeinflussen und unser Schicksal steuern.

Forscher beobachten schon seit mehreren Jahren, dass der Schamanismus eine Wiedergeburt erlebt - nicht nur in seinem Ursprungsgebiet Asien, Sibirien und der Mongolei, sondern auch in Deutschland. Eine Sehnsucht nach neu erwachter Spiritualität in Zeiten der wachsenden Unsicherheit in der Gesellschaft?

Ein paar Meter weiter bleibt Jens erneut stehen. Gleiches Spiel. Jetzt habe sich der Jaguar zu Wort gemeldet, sagt Jens. Auch er sei sauer auf ihn. Warum? "Vergangene Woche brauchte ich dringend Geld und da habe ich eine Hypnose-CD eingelegt. Mit Erfolg: Ich bekam kleine Jobs, Komparsenrollen in Filmen. Die Geister sehen Hypnose aber nicht gerne.“ Diese Praktik sei zu sehr in der weltlichen, körperlichen Ebene verankert, erklärt er.

Um die Geister nicht weiter zu erzürnen, werde er in Zukunft auf Hypnose verzichten, sagt Jens. Auch wenn das heißt, dass er diese Jobs, an denen er Spaß hat, nicht mehr machen kann.

"Wir haben vergessen, was das Leben lebenswert macht“

Früher hat Jens in einer Chemiefirma gearbeitet, wohnte in einem Apartment in der Stadt. Doch in diese Welt will er nicht zurück. "Die Menschen haben vergessen, was das Leben lebenswert macht“, sagt er. "Sie sind völlig fremdbestimmt.“

Also entschied sich der 58-Jährige für einen Lebensstil, der unabhängiger ist und fast keine Ausgaben erfordert. Für seinen Platz in dem Berliner Wagendorf zahlt er gerade mal 115 Euro im Monat. Die kann er sich leisten, auch wenn er nur acht Tage im Monat arbeitet.

Seit zehn Jahren lebt Jens Adolf Frese nun schon im Wohnwagen. Inzwischen hat er sich so an die Einsamkeit des Wagendorfs am Waldrand gewöhnt, dass ihn zu viele Eindrücke überfordern. "U-Bahn-Fahren tut mir weh“, sagt er. "So viele Menschen auf einmal kann ich nicht ertragen.“

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Der ausgestopfte Bussard hängt im Wohnwagen von Jens Adolf Frese an der Decke. Ein Freund hat ihn ihm geschenkt - der kleine Bruder des Adlergeistes, sagt Jens. (Foto: Lea Kosch)

Er besitzt nur das, was er wirklich braucht, erzählt er. Als Aussteiger aber sieht er sich nicht. Ganz unabhängig werden von der Außenwelt kann er nicht, das weiß er. "Eine Heizung brauche ich hier drinnen zum Beispiel schon.“ Für Computer, Fernseher und Wasserkocher.

Wirklich warm wird es in seiner Behausung aber auch nicht, wenn der kleine Heizofen an ist. Sein Husten sei wieder schlimmer geworden, sagt er. Wenn er spricht, ist seine tiefe Stimme ganz heiser.

Je wieder in eine Wohnung in der Stadt zu ziehen, kommt für Jens aber nicht in Frage, auch wenn das Leben im Wagendorf vor allem im Winter beschwerlich ist und er oft nicht weiß, woher er das Geld für Essen nehmen soll.

Die Familie von Jens hat kein Verständnis für seinen Schamanismus

"Die Leute haben die Verbindung zu dem verloren, was sie umgibt“, sagt Jens. "Das, was uns umgibt“ – damit meint er zum Beispiel die Birke, die auf seinem Grundstück steht. Wenn Jens aus seinem kleinen Fenster schaut, kann er sie sehen. Er spricht mit ihr, fasst ihre Rinde an und spürt durch sie die Verbindung zur Erde, wie er sagt.

Auch wenn er sich vehement gegen den Vorwurf wehrt, er bilde sich Dinge ein, die gar nicht existierten – für den Außenstehenden klingt all das stark nach einer Art esoterischer, weltfremder Naturreligion.

2010 zündete jemand den Wohnwagen von Jens an. Die Birke hat den Brand überlebt. Doch alles, was Jens besaß, verbrannte. Er glaubt, dass es eine psychisch kranke Frau war, die wenige Meter weiter wohnte. Ob das was damit zu tun hat, dass nicht alle seine Schamanen-Tätigkeiten gutheißen? Nein, das glaube er nicht. Hier im Wagendorf spreche er nur mit wenigen Menschen über seine Fähigkeit.

Im gleichen Jahr ging auch seine letzte Beziehung in die Brüche. "Ich habe mich zu sehr auf die eingelassen, mich selbst verloren“, sagt Jens. Seither ist er allein.

Die meisten Menschen können nicht nachvollziehen, was Jens beschäftigt. Seine beiden erwachsenen Töchter haben kein Verständnis dafür, dass ihr Vater mit Geistern spricht. "Sie sagen zu mir 'Papa, jetzt lass doch mal diesen Unsinn'", erzählt der Mann mit dem langen weißen Bart.

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Die meisten Menschen können nichts mit dem Schamanismus des 58-Jährigen anfangen (Credit: Lea Kosch)

Mit "Unsinn" meinen seine Töchter auch die heilenden Fähigkeiten, die sich Jens als Schamane zuschreibt. "Den Schmerz wegstreichen“ nennt er das. "Ich sehe mir jeden Menschen genau an, wenn er vor mir steht“, erklärt er. "Die Geister geben mir die Möglichkeit, in dich reinzuschauen. Du wirst durchsichtig."

Das kann ich mir nicht so recht vorstellen – also zeigt mir Jens, was er damit meint. "Stell dich gerade hin, schließ die Augen und heb die Arme", weist er mich an. "Dann wirst du spüren, wie die Energie aus deinen Fingerspitzen fließt."

Während ich noch darauf konzentriert bin zu spüren, was er meinen könnte mit dieser Energie, teilt er mir mit: "Du hast Stress mit deinen Knien. Die sind ganz rot, das sehe ich. Da ist was nicht in Ordnung." Seit einem Unfall vor einigen Jahren sind meine Knie tatsächlich die einzige Stelle meines Körpers, die immer mal wieder weh tun. Zufall?

Er streicht über meine Knie nach unten Richtung Füße. "So nehme ich den Schmerz raus", erklärt er. "Ich gehe die Linien im Körper nach und zentriere sie nach unten weg."

Dazu murmelt er Worte in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Auch wenn sich Jens mit mir unterhält, kommt diese fremdartigen Laute immer wieder durch. Woher kommt diese Sprache? Hat er sich die beigebracht? Nein, die sei einfach auf einmal da gewesen, behauptet Jens. "Ich weiß nicht, ob es noch jemanden gibt, der sie spricht“, erklärt er. Er habe aber Leute getroffen, die sie übersetzen könnten. "Sie kommt immer, wenn etwas aus den Zwischenwelten ausbricht.“

"Ich war intelligenter"

Nach Aussage des Schamanen besitzt jeder Mensch die Fähigkeit, Geister in anderen Welten zu kontaktieren. "Die allermeisten lassen es nur nicht zu“, erklärt er. "In unserer Plastikwelt haben die Leute nicht mehr die Ruhe, in sich hineinzuhören.“

Schamanismus könne man lernen, sagt Jens. Es gehöre aber auch viel Begabung dazu. Er selbst habe schon als Kind Kontakt zu anderen Wesen gehabt. "Ich war immer schon ein Außenseiter. Ich habe einfach mehr begriffen als die anderen Kinder. Ich würde sagen, ich war intelligenter.“

Menschen wie ihn gebe es nur sehr wenige. Es ärgert ihn, dass sich auch Leute als Schamanen bezeichnen, "die mit Trommeln in seltsamen Kostümen um ihre Hütten tanzen". "Das ist doch bescheuerter Mindfuck.“

Eine Trommel besitzt allerdings auch er. Sie hängt in seinem Wohnwagen an der Wand. Und aus einer Ecke kramt er ein Schamanengewand, das ein Freund für ihn genäht hat. Das wird er kommendes Jahr in einem Film tragen, den er drehen will.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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