LIFE
15/12/2015 00:57 CET | Aktualisiert 15/12/2015 00:59 CET

Eine Nacht als Büdchenverkäuferin: Was Deutschland fehlt

Am Büdchen
Mayerhofer
Am Büdchen

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Deutschland fehlt etwas. Etwas Essentielles. Das ist mir aufgefallen, als ich ein paar Stunden in einem Kölner Büdchen gearbeitet habe. Ich wollte die Chance nutzen, um die Menschen zu fragen, wie es ihnen geht.

Der Kiosk war klein und vollgestopft mit Getränken, Zigaretten, Snacks, Schokoriegeln und Zeitschriften. Die Kunden können sich nicht hinsetzen, sondern nur etwas mitnehmen - ein klassisches Büdchen eben.

Mit einem eher klassischen Büdchenbesitzer.

„Kommste vorbei und dann schauen wir“, hatte er zu mir am Telefon gesagt, als ich gefragt hatte, ob ich mal aushelfen könne – für ein journalistisches Projekt.

Er sitzt brummig in seinem Büdchen an der Kreuzung zu einer belebten Straße – seinen Kiosk und seinen Namen will er lieber nicht veröffentlicht wissen. Auf seine Situation angesprochen, beginnt er zu jammern. Das Geschäft gehe schlecht. Die Konkurrenz und die Miete und die Kunden. Die Leute könnten sich nicht mehr so viel leisten wie früher.

Ich frage die Menschen, wie es ihnen geht.

Ach, ganz gut. Sie lächeln, bald ist Weihnachten. Anderen macht Weihnachten Angst: Sie haben schon das Geld für den Monat ausgegeben. „Keine Ahnung, wie ich das machen soll, mit den Geschenken“, meint ein Mann. Er blickt dabei auf den Boden. „Ich muss mir das Geld früher auszahlen lassen, sonst komm ich nicht über den Monat“, meint ein junges Mädchen und lacht verlegen.

Geldsorgen, einfach weggelacht. Diese Menschen verdienen Geld und leben trotzdem nur von Monat zu Monat.

Aber es gibt neben den großen auch die kleinen Sorgen.

Eine Frau schweigt auf meine Frage, sie dreht schuldbewusst den Schokoriegel in ihrer Hand, den sie kaufen will. „Naja...“ fängt sie an. „Hör auf so rumzustressen!“, herrscht ihr Mann sie an. „Passt doch, so wie du aussiehst.“ Andere schimpfen über Kollegen, die Schule, die Arbeit.

Ein Mann in DHL-Uniform sagt: „Ich hab so viel Arbeit. Und mein Sohn soll auch endlich mal arbeiten – Vollzeit. Hat schon 23 Jahre und will nicht. Aber er muss ja, ich kann ihn nicht ewig durchfüttern.“ Er schaut mich an, will Zustimmung, ja, der Sohn soll arbeiten.

Ich nicke. Er fährt fort: „Ich suche ja, aber ist schwer was zu finden. Was gutes. Der soll endlich mal arbeiten.“ Er lächelt, er hat ein sympathisches Gesicht mit Lachfältchen.

„Die Menschen sind irgendwie lethargisch“, fügt er hinzu.

Vielleicht hat er recht. Wobei nicht nur sein Sohn lethargisch ist – auch er ist es. Er arbeitet in einem Job mit schlechten Arbeitsbedingungen und schlechter Bezahlung. Und statt dagegen etwas zu tun, macht er das, was leichter für ihn ist: Er scheucht seinen Sohn auf.

Ich kenne weder den Mann noch seinen Sohn. Ich will mir keine Beurteilung anmaßen. Aber mir ist aufgefallen, dass die Menschen viel gejammert haben, als ich sie gefragt habe, wie es ihnen geht. Es war mehr ein Jammern um des Jammerns willen. Nicht, weil sie sich eine Veränderung ihrer Situation wünschen.

Ich bin verwirrt.

Geht es den Menschen zu gut? Oder sind sie einfach – wie der Mann schon sagte – zu lethargisch? Unzufrieden, aber unfähig ihre Situation zu ändern? Oder sind die Geldsorgen einfach zu groß, um sich außerhalb des Alltags für größere Veränderungen einzusetzen?

Es gibt mehrere Anzeichen, die darauf hindeuten:

Beispielsweise der Bahn-Streik der GDL, der in der breiten Bevölkerung auf Unverständnis stieß – wobei die Gewerkschaft um ihre Rechte kämpfte. Die Menschen waren aber mehr darauf fokussiert, wie sie zu ihrem Arbeitsplatz kommen können.

Dann ist da noch die Flüchtlingskrise, die zur Krise wurde, weil man einfach zu lange zugesehen hat, wie die Menschen in Syrien und im Irak leiden. Dann öffnete sich das Land diesen Sommer für eine kurze Zeit, die Menschen liefen zu den Bahnhöfen, um den Flüchtlingen zu helfen. Und jetzt?

Versinkt das Land wieder in Lethargie?

Dabei müssen wir jetzt, wo die Flüchtlinge da sind und Unterstützung brauchen, um sich in dem neuen Land zurechtzufinden und eine Existenz aufzubauen, unbedingt etwas tun. Jedem, der die Flüchtlingspolitik die letzten Monate mitverfolgt hat, muss aufgefallen sein, dass wir große Integrationsleistungen vollbringen werden müssen.

Und neben den Flüchtlingen, die unsere Hilfe brauchen, gibt es immer mehr Menschen, die trotz Job Geldsorgen haben und am Existenzminimum leben. In so einem reichen Land, wie dem unseren, sollte das eigentlich nicht sein.

Es ist Zeit, aus der Lethargie aufzuwachen.

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