WIRTSCHAFT
11/12/2015 09:48 CET | Aktualisiert 11/12/2015 09:48 CET

Sie stellte einen Flüchtling als Praktikanten ein - das ist ihre Botschaft

Mayerhofer
Angela Globig

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Angela Globig ist ein klassischer Helfertyp. Als eine alte Freundin sie anrief und fragte, ob ein Flüchtling ein Praktikum bei ihr machen könne, sagte sie ja. Die sozial engagierte Frau setzt sich sehr für ihre Mitmenschen ein.

Also stand vor vier Monaten ein junger Iraker namens Hamid (Name von der Redaktion geändert) in ihrem Laden, bereit, ein zweiwöchiges Praktikum zu machen. Frau Globig besitzt ein kleines Sanitär- und Heizungsfachgeschäft in München und hatte einen Ausbildungsplatz zu vergeben.

Talentiert, hilfsbereit, ehrgeizig

Angela Globig stellte fest, dass Hamid talentiert war - zudem noch hilfsbereit und ehrgeizig. Es passte einfach menschlich, erinnert sie sich. Heute macht der junge Mann eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs und Klimabedarf.

Was da im Geschäft von Angela Globig passierte, passiert so Hundertfach in Deutschland. Die Unternehmer beschäftigen Flüchtlinge aus dem Gefühl sozialer Verantwortung heraus, aus Menschlichkeit - und geschäftlichem Kalkül. Denn in vielen Branchen fehlen die Fachkräfte, in der Energietechnik etwa suchen Unternehmen weit über 100 Tage, bis sie eine offene Stelle nachbesetzen können. Da ist es verlockend, selbst Fachkräfte auszubilden. Fachkräfte, wie Hamid eine werden wird.

Gefährliche Flucht in die Sicherheit

Der junge Iraker fühlt sich sichtlich wohl in dem Laden von Frau Globig. Der Jeside ist 17 Jahre alt und seit vier Jahren in Deutschland. Er floh damals als 13-Jähriger mit seinem jüngeren Bruder und einer befreundeten Familie aus dem Irak.

Die Reise nach Deutschland war gefährlich - Hamid verbrachte mehrere Tage in Lastwagen. "Wir haben nur zwei Stück Brot und eine Flasche Wasser pro Tag bekommen. Einmal haben wir keine Luft mehr gekriegt", erinnert sich Hamid. Das gehört zu den schlimmsten Dingen, die er erlebt habe.

Doch er will die schreckliche Zeit hinter sich lassen - in Deutschland ein neues Leben aufbauen. "Im Irak habe ich nichts gelernt. Hier schon." Er hat in München den Hauptschulabschluss gemacht - nun die Lehre.

"Manchmal muss ich ihn bremsen"

Anna Weiß, Begründerin des Jugendprojekts CLEAN, wollte den Jungen fördern und rief deswegen ihre Freundin Angela Globig wegen eines Praktikums an. "Er ist sehr wissbegierig", bestätigt Angela Globig. "Manchmal muss ich ihn sogar bremsen, damit er nicht alles auf einmal macht."

Nur mit der Sprache hapert es manchmal noch ein wenig. Globig will daher Bilder von den Werkzeugen machen und die Namen darunterschreiben, damit Hamid die Begriffe schneller lernt. Er besucht zudem eine Berufsschule, auf der die Schüler in kleineren Klassen besser gefördert werden können. "So ist er besser auf die Prüfung vorbereitet. Die muss er ja genauso bestehen wie alle anderen auch."

Handwerksbetriebe nehmen gerne Flüchtlinge auf

Angela Globig ist bei weitem nicht die Einzige, die Flüchtlinge eingestellt hat. Vor allem die kleinen Handwerksbetriebe sind daran interessiert, die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Denn das Handwerk leidet seit Jahren unter sinkenden Bewerberzahlen. 17.000 Ausbildungsplätze konnten dieses Jahr nicht besetzt werden.

Auch große Firmen zogen Konsequenzen aus der Flüchtlingsdebatte und richten nun Ausbildungsprogramme und Praktika ein, die speziell auf Flüchtlinge zugeschrieben sind: So haben 40 Flüchtlinge vor einem Monat bei Daimler ein Brückenpraktikum von dreieinhalb Monaten begonnen. Bei einem erfolgreichen Abschluss des Praktikums sollen die Flüchtlinge bei Daimler oder anderen Unternehmen und Zeitarbeitsfirmen unterkommen können.

Problem: die Sprache

Auch die Deutsche Post plant rund 1000 Praktika für Asylbewerber. Siemens ist schon einen Schritt weiter: Der Konzern bietet an mehreren Standorten ein Praktikumsprogramm an, bei dem Flüchtlinge den deutschen Arbeitsalltag kennenlernen sollen. Etwa 100 Flüchtlinge können an dem Programm teilnehmen. Außerdem sollen junge Flüchtlinge sechs Monate lang Sprachkurse und andere Ausbildungen bekommen.

Den Unternehmen geht es bei diesen Programmen um eine schnelle Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt - noch sind mangelnde Sprachkenntnisse und Berufsqualifikationen ein großes Hindernis. Aber auch die Furcht vor Abschiebungen treibt die Arbeitgeber um. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag fordert beispielsweise, dass Flüchtlinge, die gerade eine Ausbildung machen, vor einer Abschiebung geschützt werden sollen. Und es muss noch mehr getan werden.

So einfach ist es dann doch nicht

Die Zahlen zeigen nämlich leider bisher, dass die Integration der Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt eher schleppend verläuft: Lothar Semper, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer München und Oberbayern, berichtete, dass 70 Prozent der Flüchtlinge, die aus Afghanistan, Syrien oder dem Irak nach Deutschland geflohen waren und im September 2013 eine Ausbildung begannen, diese mittlerweile wieder abgebrochen haben. Im Durchschnitt brechen aber nur ein Viertel aller Lehrlinge die Ausbildung ab. Lothar Semper zieht in der "FAZ" daraus Konsequenzen: „Wir dürfen die Flüchtlinge auch während der Ausbildung nicht allein lassen, sonst scheitern sie."

"Ich mache mir keine Sorgen"

Dieses Problem hat auch Angela Globig erkannt: Sie hat zehn Mitarbeiter und nimmt sich die Zeit, sich um ihren Azubi zu kümmern. "Er braucht natürlich Hilfestellung. Aber wir hatten schon einmal einen Flüchtling als Azubi und sehr gute Erfahrungen gemacht." Kunden hätten bei ihr angerufen und gesagt, was für einen netten und hilfsbereiten Mitarbeiter sie hätte. "Das ist sehr wichtig und dann weißt du, dass du die richtige Entscheidung getroffen hast. Es muss einfach menschlich passen und wenn er ehrgeizig ist, dann schafft er das auch. Da mache ich mir keine Sorgen", meint Globig.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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