POLITIK
11/12/2015 16:09 CET | Aktualisiert 11/12/2015 18:08 CET

Der Crystal-Strich an der tschechischen Grenze: Unterwegs im gefährlichsten Teil Bayerns

Heute nicht. Drogen will mir der Asiate von „Tony 6“ nicht verkaufen. Als ich ihn nach Crystal frage, kreuzt er wie bei einer Festnahme die Handgelenke übereinander. „Gefängnis. Überall Polizei!“, sagt er mir.

Ob er erkannt hat, dass ich eigentlich kein Crystal-Abhängiger bin?

Stattdessen bietet er mir Zigaretten an, 3,20 Euro die Packung. Außerdem hat er Cola, gefälschte DVDs, Klamotten – wie die anderen, mit Holz beschlagenen Hütten auch hier auf dem sogenannten Vietnamesenmarkt im tschechischen Grenzort Asch.

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Hinweis der Polizei auf dem Vietnamesenmarkt. Credit: HuffPost

18 Vietnamesenmärkte soll es in Tschechien geben – und sie haben alle eines gemeinsam: Sie sind eine Art Pilgerstätte für Drogentouristen aus Deutschland, weil das gefährliche Crystal hier so unfassbar günstig ist. Ein Crystal-Strich, sozusagen.

Das Gramm kostet nicht 120 Euro wie in Deutschland, sondern gerade einmal 20 Euro. Obwohl es kalt ist, die Hütten teils unbeheizt, decken sich hier Junkies und Dealer aus der bayrisch-tschechischen Grenzregion mit Crystal ein.

Und jedes Jahr wird es mehr, obwohl Crystal eine der gefährlichsten Drogen überhaupt ist. Sie macht sofort abhängig, zerfrisst den Körper und zerstört die Psyche. Sie kann zu Herzversagen und Hirnschlägen führen – Bayern ist auch das Bundesland mit den meisten Drogentoten.

Grund genug, an die deutsch-tschechische Grenze zu fahren, um diesen gefährlichen Trend zu verstehen.

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Der Eingang zum Crystal-Strich. Credit: HuffPost

Antworten findet man im bayrischen Hof, eine Stadt nur 30 Autominuten von Asch entfernt.

Man sieht der Stadt nicht an, dass die Droge hier schon Schreckliches angerichtet hat. Hof hat viel Kopfsteinpflaster, wunderschöne Straßenzüge mit Altbauten. Es sieht gesittet Bayerisch aus.

Dennoch ist Hof die Stadt mit einer der höchsten Zahl an Straftaten pro Einwohner in Bayern. Wer mit Passanten spricht, merkt das nicht - "ist doch alles sicher hier", sagt ein älterer Mann. Tatsächlich findet ein Großteil der Straftaten im Verborgenen statt. 60 Prozent von ihnen haben mit Drogen zu tun, in der Hauptsache mit Crystal – und jungen Menschen.

„Sie machen von Hof aus einen Tagesausflug nach Asch, um sich mit Crystal einzudecken“, sagt etwa Christine Schoermer, Stadtratsabgeordnete der Grünen und gleichzeitig Schöffin am Landgericht. Sie hat schon unzählige Fälle begleitet, „viele davon gehen mir nah“, sagt sie im Gespräch mit der Huffington Post.

Jugendliche können mit der Droge die Nächte durchfeiern, sind eloquenter, verspüren weder Hunger, Durst noch Müdigkeit. Das macht sie so beliebt. Um nicht zu sagen: Zu beliebt.

Sogar an Schulen wird die Droge verteilt. Die parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, Petra Ernstberger, sagte im Februar der „Welt“: „Es gibt in Hof quasi keine Schule mehr, die drogenfrei ist. Wir alle stehen dem Crystal-Problem etwas hilflos gegenüber.“

Was hilflos bedeutet? Die Stadt sieht sich etwa einem rapiden Anstieg von Sachbeschädigungen und Vandalismus gegenüber. Auch hier ist Hof Spitze in Bayern. Das geht von besprayten Schildern bis hin zu zerkratzen Autos.

Die Statistik gibt es nicht her, dass sie mit dem Crystal-Konsum zusammenhängt. Es liegt aber nahe: Die Droge macht aggressiv und putscht auf.

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Polizisten ziehen im Akkord Verdächtige aus dem Verkehr. Credit: HuffPost

Ein Problem zeigt sich auch an den Grenzen. Die Bundesstraße nach Asch ist quasi rund um die Uhr befahren. Bundes- und Landespolizisten ziehen hier im Akkord Autofahrer zur Kontrolle aus dem Verkehr.

Schmuggler sind kreativ - Stadträtin Schoermer erinnert einen Fall, bei dem sie etwa versuchten, Crystal mit einem Kinderwagen in Pampers eingewickelt über die Grenze zu bringen.

Über die Jahre hat die Polizei Erfahrungen gesammelt - und die Kontrollen verstärkt. Konfiszierte die oberfränkische Polizei 2008 noch 37 Gramm der gefährlichen Droge, waren es 2014 über fünf Kilo. 90 Prozent der Schmuggler sind Deutsche – und selbst abhängig. Sie nehmen die Hälfte selbst, die andere verkaufen sie.

Die Dunkelziffer bei den geschmuggelten Drogen dürfte weit höher liegen.

Denn die Beamten können nicht alle fassen. Und das zeigt auch, vor welch gewaltiger Herausforderung nicht nicht nur Hof, sondern auch Deutschland steht. Die Zahlen sind alarmierend: In Deutschland hat sich die Zahl der Erstkonsumenten seit 2008 fast verzehnfacht – auf über 3000.

Eine Droge lässt sich nicht einfach auslöschen, mag sie auch noch tödlich sein.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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