POLITIK
11/12/2015 14:35 CET | Aktualisiert 14/12/2015 07:59 CET

Bevor wir Bomben auf den IS werfen, sollten wir diesen Kindern zuhören

dpa
Muslimisches Mädchen

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Das blonde Mädchen blickt interessiert auf das Bild: „Er hat bestimmt etwas Schönes gemacht. Er lächelt", sagt sie.

Sie betrachtet das Foto, auf dem ein junger Mann entspannt und mit geschlossenen Augen auf dem Boden liegt. Die Sonnenstrahlen scheinen ihm ins Gesicht, auf dem sich ein zufriedenes, fast friedliches Lächeln abzeichnet. Neben ihm liegt eine Waffe.

Es ist der belgische Terrorist Abdelhamid Abaaoud - der Mann, der für die blutigen Anschläge in Paris mitverantwortlich ist.

terrorist


Die Schülerinnen der siebten Klasse des Elly-Heuss-Gymnasiums im bayerischen Weiden blicken auf das Bild: „Was seht ihr auf dem Foto?“, fragt die Deutschlehrerin Doris Weigl und hält die Zeitschrift in die Höhe.

Heute geht es in ihrem Kurs nicht um Kommaregeln oder Gedichtinterpretationen.

Heute geht es um Terror. Und zwar nicht um deutsche Tornados oder westliche, kriegerische Allianzen gegen den IS. Es geht darum, was Kinder fühlen, wenn sie an Terror denken. Direkt. Ehrlich.

Die nächste Schülerin meldet sich: „Warum hat ein scheinbar friedlicher Mensch so viele Menschen getötet?“ Die anderen Mädchen nicken still und einvernehmlich.

„Das Bild ist respektlos, weil er sich lächelnd neben seine Waffe legt“, wirft ihre Sitznachbarin ein. „Obwohl er damit sicher viele Menschen getötet hat.“

Der Gesichtsausdruck der Kinder ist ernst, die Atmosphäre im Raum ist angespannt. Nicht, weil die Kinder nicht darüber sprechen wollen. Sondern gerade weil sie über die Ereignisse reden, sich mitteilen, gemeinsam reflektieren wollen.

„Ich hab die Klasse gefragt, ob sie über die Ereignisse sprechen wollen und dabei gemerkt, dass der Wunsch unheimlich groß ist“, sagt die Lehrerin.

Warum tun Menschen so etwas?

Es ist nicht die erste Unterrichtsstunde über Terror. Die Deutschlehrerin führte ihre Klasse behutsam und über mehrere Stunden an das Thema heran: „Am Anfang waren die Kinder zögerlich und zurückhaltend. Aber dann äußerten sie schließlich diese eine, zentrale Frage: Warum?“

Sie greift zur Kreide und schreibt in Großbuchstaben „Warum“ an die Tafel. „Warum tun Menschen so etwas?“, fragt sie die Klasse.

Sofort melden sich einige Schülerinnen. „Zwang“, erklärt die eine. „Aufmerksamkeit erregen“ und „Macht erlangen“, sagen die beiden in der ersten Reihe.

Die Lehrerin nimmt die Zeitschrift auf dem Lehrerpult, hält das Bild von Abaaoud erneut nach oben und fragt in die Runde: „Was wollt ihr diesen Menschen sagen?“

„Ich bin wütend. Ich bin wütend, weil sie andere Menschen umbringen“, antwortet das Mädchen mit den blonden Haaren, das am Fenster sitzt. „Einfach nur wütend.“

Ihre Klassenkameradinnen nicken. Sie fühlen das Gleiche.

Auch Merve ist wütend. Ihre Eltern kommen aus der Türkei, sie sind Muslime.

Merve steht auf und tritt vor die Klasse. Sie hat einen weißen Zettel in der Hand, auf dem sie ein Gedicht geschrieben hat. Das möchte sie ihren Klassenkameradinnen vorlesen. Ein Gedicht darüber, in welcher Welt sie leben möchte.

„Wir sind alle Kinder von Adam und Eva.

Wir sind alle Brüder und Schwestern,

und das dürfen wir nicht vergessen.“


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Während sie den letzten Satz spricht, klingelt es zur Pause.

Merves Gedicht fasst genau das zusammen, was sich in den letzten 45 Minuten andeutete.

Es ist eine wichtige Botschaft. Auch eine Botschaft an uns Erwachsene.

Denn wenn wir über Terror nachdenken, machen wir einen Fehler. Wir stürmen in unserer blinden Wut voran, wir haben uns dadurch von der einen, wichtigen Frage entfernt: Der Frage nach unserer Menschlichkeit, nach unserer Gemeinschaft.

Stattdessen denken und handeln wir anhand von Schemata: Gläubiger Christ, radikaler Muslim. Friedlicher Westen, kriegerischer naher Osten. Richtige Bomben, falsche Bomben.

Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie viele Tornados wir nach Syrien schicken. Damit wollen wir unsere uneingeschränkte Solidarität mit dem Nachbarland Frankreich bekunden. Wir senden Aufklärungsflugzeuge, die dabei helfen, weitere Menschen zu töten.

Wir fragen uns, wie lange wir Bomben werfen müssen, um den IS vollständig zu eliminieren. Bomben, die auch unschuldige Menschen töten.

Wir denken, das sei die richtige Antwort auf Terror. Wir vergelten Mord mit Mord. Auch wir töten.

Warum hat ein scheinbar friedlicher Mensch so viele Menschen getötet?

Wir hätten uns schon vor einigen Jahren auf mehr Menschlichkeit besinnen müssen.

Wir haben die Syrer zu lange alleingelassen, wir haben uns vor dem, was dort brodelte, weggeduckt. Wir haben die Machenschaften eines Diktators ignoriert, weil wir uns davon einen stabilen nahen Osten und lukrative Geschäfte versprachen. Dann hofften wir, der Bürgerkrieg würde sich von alleine beruhigen.

Uns fehlte es nicht nur an Strategie, sondern auch an Mitgefühl.

Spätestens jetzt sollten wir den Kindern dieser siebten Klasse genauer zuhören.

Wenn wir das nicht tun, werden wir uns in einigen Jahren an ihre Frage aus dieser Unterrichtsstunde erinnern - nur dann mit wütendem Blick auf uns selbst.

„Warum hat ein scheinbar friedlicher Mensch so viele Menschen getötet?", werden wir uns fragen.

Ja, warum eigentlich?

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen, denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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