POLITIK
11/12/2015 13:39 CET | Aktualisiert 11/12/2015 13:49 CET

Experte: Die Bedrohung für Deutschland ist schon längst im Land

dpa
Experte: Die Bedrohung für Deutschland ist schon längst im Land

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"Wenn das richtig losgeht, weiß keiner mehr, was herauskommt." Ich denke an diesen Satz, als ich den glutfarbenen Abendhimmel sehe. Der Horizont steht in Flammen, darüber hängt eine Wolkenwand.

Es sieht schön aus und schrecklich. Fast könnte man meinen, dass die Dämmerung ein Vorzeichen für das ist, was Deutschland bevorsteht.

Der Satz stammt von dem Neuzeithistoriker Ewald Frie, den ich in Tübingen besuche. Er leitet den Sonderforschungsbereich "Bedrohte Ordnung". Ich will mit ihm über die Angst reden, die viele Deutsche lähmt.

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Was wir gerade erleben, fühlt sich an wie ein Wendepunkt. Wie der Moment, in dem sich entscheidet: Schaffen wir es? Oder stürzen wir in die Krise? Sicher scheint nur: Hinterher wird unser Land nicht mehr so sein wie zuvor.

Eine Million Flüchtlinge sind 2015 nach Deutschland gekommen. Vielleicht sind es im nächsten Jahr noch mehr. Das Innenministerium warnt vor Terror. Und viele Deutsche aus sozial schwachen Schichten fürchten um ihre Zukunft. Deutschland steuere auf einen Bürgerkrieg zu, heißt es in Facebook-Kommentaren. Die Katastrophe stehe kurz bevor.

Es gibt tatsächlich eine Bedrohung, aber laut Ewald Frie ist sie dort, wo wir sie nicht vermuten. Die Bedrohung geht von uns selbst aus. Entscheidend für den Ausgang ist nicht die Katastrophe, sondern die Art, wie eine Gesellschaft damit umgeht.

Dazu muss man erst verstehen, dass Frie von mehreren Schritten ausgeht, die eine Gesellschaft in Krisenzeiten geht:

Diagnose

"Das ist der Zeitpunkt, an dem eine Gesellschaft erkennt, dass es ein Problem gibt", sagt Frie. "Sie merkt, dass sie etwas tun muss. Jetzt sofort."

Praxis

Damit sind alle Maßnahmen gemeint, die eine Gesellschaft als Antwort auf das Problem trifft. Im Fall der Flüchtlingskrise wären es zum Beispiel strengere Asylgesetze. Ob diese Maßnahmen erfolgreich sind, zeigt sich oft erst nach Jahren. So lange kann aber niemand warten, denn es muss sofort etwas passieren.

Reflexion

"In Zeiten der Krise denkt eine Gesellschaft über ihre eigene Identität nach", sagt Frie. "Sie fragt sich: 'Wer sind wir eigentlich? Sind wir eine tolerante Gesellschaft? Oder sind wir eine Gesellschaft, die nach einem Terroranschlag die Marseillaise singt?'"

Mobilisierung

Die Gesellschaft prüft, welche Verbündeten und Ressourcen sie hat. Wer kann ihr helfen? Welche Mittel kann sie mobilisieren?

Diese Schritte passieren nicht nacheinander, sondern gleichzeitig. Sie beeinflussen einander. "Man kann deshalb nicht wissen, was passiert", sagt Frie. "Der Prozess ist enorm dynamisch. Er ist nicht mehr kontrollierbar."

In Deutschland hat der Prozess noch nicht eingesetzt. Aber es könnte jederzeit losgehen. "Es ist spannend, wie die Bundesregierung mit der aktuellen Lage umgeht", sagt Frie. "Sie sagt: 'Ja, es gibt eine Herausforderung, aber keine Bedrohung. Diese Kommunikation findet noch Glauben in der Mehrheit der Bevölkerung."

Ein Auslöser für den unkontrollierbaren Prozess wäre laut Frie ein Terroranschlag in Deutschland. In der Flüchtlingskrise dagegen lässt sich schwer festlegen, ab wann die Situation bedrohlich wird.

"Bei Flüchtlingen glaube ich nicht, dass wir eine Zahl angeben können", sagt der Experte. "Es gibt keine Wenn-Dann-Beziehung zwischen der Zahl der ankommenden Flüchtlinge und den Reaktionen in Deutschland."

Natürlich sei die Herausforderung größer, wenn mehr Menschen kommen, denn dann müsse auch mehr Geld aufgewendet werden. Damit lässt sich aber nicht erklären, warum es den größten Widerstand in Ostdeuschland gibt, also in Regionen mit wenigen Flüchtlingen und Zuwanderern.

Frie sagt: "Es hängt ab von den Emotionen in Gesellschaften und die sind nicht abhängig von empirischen Fakten."

Anhand der Geschichte lassen sich bestimmte Szenarien festlegen, was in Deutschland passieren könnte.

Flüchtlinge

Hier hängt es laut Frie unter anderem davon ab, wie sich die Lage in Syrien, im Libanon und in Eritrea entwickelt.

Szenario 1: Die Zahl der Flüchtlinge bleibt auch in den nächsten Jahren hoch. "Wenn sie auf dem gleichen Level bleibt wie jetzt, werden wir starke Abgrenzungskonflikte bekommen", sagt Frie. Das heißt, dass sich die Deutschen von den Zuwanderern abgrenzen. "Diese starren Konflikte machen das Leben sehr schwierig."

Szenario 2: Es gelingt, die Flüchtlinge zu integrieren, weil die Regierung in weiten Teilen der Bevölkerung eine Akzeptanz sichern kann.

Ein Terroranschlag in Deutschland

Szenario 1: Die Regierung benutzt eine Bedrohungsrhetorik ähnlich wie der französische Präsident Hollande nach den Anschlägen in Paris. Er sprach von Krieg und kündigte einen Gegenschlag an. "Die Idee, den Konflikt militärisch zu lösen, kann das Land nach innen hinein beruhigen", sagt Frie. An der Bedrohung durch Terror von außen ändert es seiner Meinung nach nichts. Das habe die bisherige Geschichte gezeigt.

Szenario 2: Die Regierung verzichtet auf Bedrohungsrhetorik. "Angela Merkel sprach nach den Anschlägen nicht von Krieg und Bedrohung, sondern davon angemessen zu reagieren", sagt Frie.

Er geht davon aus, dass sich in der nächsten Zeit entscheiden wird, welche Reaktion dominant werden wird und welche Leitbegriffe die öffentliche Diskussion prägen werden. Krieg und Gefahr? Toleranz und Freiheit? Ein Ende des Konflikts wird es in jedem Fall so schnell nicht geben, denn dafür ist die Situation zu komplex.

Frie sagt dazu: "Meine Hoffnung ist, dass eine Gesellschaft es aushalten kann, dass es keine leichte Lösung gibt."


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