POLITIK
10/12/2015 16:43 CET | Aktualisiert 10/12/2015 16:45 CET

Vor dieser Gefahr fürchten sich junge Türken in Deutschland genauso wie vor dem IS

dpa

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Sie sind jung, gebildet und sie gehören zu Deutschland: Überwiegend sind ihre Eltern oder Großeltern über das Anwerbeabkommen von 1961 in die Bundesrepublik eingewandert.

Von 1961 bis zum Anwerbestopp im Jahr 1973 kamen bis zu 750.000 Türken nach Deutschland. Momentan leben fast drei Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland.

Vor einigen Jahren gab es Meldungen, dass viele von ihnen darüber nachdenken, Deutschland zu verlassen. Eine schlechte Nachricht in Zeiten sinkender Geburtenraten und Fachkräftemangel. Denn der Trend hält laut dem Migrationsbericht der Bundesregierung an.

Höchste Zeit, einige von ihnen zu treffen.

In München geboren und aufgewachsen, sieht sich Selin als echte Münchnerin. Ihre Familie lebt bereits in dritter Generation in Deutschland. Doch ihre Vorfahren stammen aus der Türkei.

Ihre dunkelbraunen Rehaugen, der oliv-farbene Teint und ihre fast schwarzen Haare sind kaum zu übersehen

Die 30-Jährige ist eine zierliche, orientalische Schönheit. Ihre dunkelbraunen Rehaugen, der oliv-farbene Teint und ihre fast schwarzen Haare sind kaum zu übersehen. Auch ihr Ehemann Yasin hat türkische Wurzeln. Seine Mutter ist deutsch, doch sein Vater stammt aus der Türkei. Er ist Steuerrechtler, sie Marketingstudentin. Das Paar ist frisch verheiratet und lebt in München.

Selin ist Muslima. Nicht wirklich praktizierend, aber dennoch glaubt sie an den Islam - für sie eine der friedlichsten Religionen der Welt, wie sie sagt.

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Die vergangenen Monate waren der Horror für die junge Frau. Die Terrorwelle des IS macht ihr und vielen anderen, die sie kennt, schwer zu schaffen.

Aber es mischt sich eine weitere, noch stärkere Angst in ihre Gefühlswelt: Die Angst vor der immer radikaleren Islamfeindlichkeit in Deutschland. Die Bilder von brüllenden Pegida-Anhängern und brennenden Flüchtlingsheimen hinterlassen Spuren bei ihr.

Ich arbeite neben einem Flüchtlingsheim. Die sehen mir schon sehr ähnlich

Aber nicht nur das. Auch ihr Alltag verändert sich: "Ich arbeite außerhalb Münchens, direkt neben einem Flüchtlingsheim", sagt sie. "Und die sehen mir schon sehr ähnlich."

Das macht ihr Angst. Was, wenn sich eine ausländerfeindliche Attacke auf einmal gegen sie richtet? Was, wenn der Hass auf Flüchtlinge auf einmal gegen andere Menschen richtet, die anders aussehen?

Von anderen Menschen hört man, dass kleine Rempeleien und ausländerfeindliche Kommentare im Alltag durchaus zunehmen.

Dabei ist Selin kein ängstlicher Mensch. Die Deutsch-Türkin hat bereits öfter an Demonstrationen in München teilgenommen, "München ist bunt" war das Motto.

"Die Stimmung von den Pegida-Demonstranten war sehr scharf, aggressiv und geladen", erinnert sie sich. "Das Schlimmste: Es waren Leute wie du und ich." Sie glaubt: "Der Rechtsradikalismus ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen."

Die AfD bewegt sich da schon auf einem schmalen Grat

Selins Mann Yasin findet auch die politische Stimmung immer problematischer. Es sei schwierig einzuschätzen, wie rechts beispielsweise die zunehmend erfolgreiche AfD sei.

"Es gibt ja auch einen Unterschied zwischen rechtskonservativen und rechtsradikalen Einstellungen. Die AfD bewegt sich da schon auf einem schmalen Grat", sagt er. "Diese Ungewissheit, nicht mehr klar unterscheiden zu können, macht uns Angst."

Man könne auch nicht mehr sagen, was schlimmer sei: Der IS oder der Rechtsdrall in Europa, so das Paar. "Beide Strömungen verüben Anschläge auf unschuldige Menschen". Und beide Entwicklungen könnten sie früher oder später treffen.

Daher sind die beiden so sensibel, wenn es um Vorurteile geht. "Vor allem bei fremden Leuten muss ich immer mit Vorurteilen und Fragereien kämpfen: Hattest du vor der Ehe Sex? Warst du schon mal in der Disco? Warum sprichst du so gut Deutsch?", listet Selin spöttisch die Fragen auf.

Die 25-jährige Defne Toy kennt diese Fragen nur zu gut. Sie ist vor drei Jahren aus Istanbul nach Deutschland gezogen. Ihre Eltern haben schon einmal hier gelebt, sie ist in München geboren. Nun ist sie zurück und studiert an einer Münchner Schauspielschule.

Bislang habe sich die 25-Jährige wohl in Deutschland gefühlt. "Klar gibt es immer wieder nervige Vorurteile von Deutschen, die nicht verstehen können, dass ich so ein offener und moderner Mensch bin, obwohl ich in der Türkei groß geworden bin", sagt sie.

Echten Rassismus habe sie noch nie erlebt. "Doch durch die vielen Flüchtlinge, die jetzt hier in Deutschland leben, bemerkt man immer stärker, dass es die Deutschen stört", sagt sie.

Die Anschläge auf die Flüchtlingsheime, der Erfolg rechter Parteien. Auf einmal macht sie sich Sorgen.

Außerdem seien Länder wie Syrien oder der Irak Nachbarländer der Türkei und damit politisch und kulturell miteinander verflochten, sagt die 25-Jährige. "Unruhen können von heute auf morgen von Syrien auf die Türkei überschwappen. Dann frage ich mich natürlich schon, was passiert dann mit meinen Freunden, meiner Familie, wenn sie aus der Türkei fliehen müssten?"

Sie selbst sehe sich nicht als Muslimin, sagt Defne. "Aber meine Mitmenschen denken, ich glaube an den Islam und gehöre der Religion an, weil ich Türkin bin. Wir werden alle in einen Topf geworfen und das macht es so gefährlich."

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