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10/12/2015 04:24 CET | Aktualisiert 10/12/2015 09:31 CET

Mehr Sex für Frieden - Wie ein Tantralehrer die Deutschen bekehren will

B2M Productions via Getty Images
Mehr Sex für Frieden - Wie ein Tantralehrer die Deutschen bekehren will

Ich habe mich auf die Suche begeben. Auf die Suche nach dem deutschen Sex. Ein Weg hat mich dabei nach Berlin-Schöneberg geführt. Denn wenn man wirklich etwas über die sexuellen Probleme von Männern und Frauen hören will, dann kann man Ratgeber lesen oder in Swinger-Clubs gehen. Aber am Besten trifft man sich mit Saranam Mann. Den Enkel des Schriftstellers Heinrich Mann.

Saranam betreibt in Berlin, gemeinsam mit seiner Lebensgemeinschaft mit acht Menschen, schon seit knapp 20 Jahren ein Tantra-Studio. Er ist Sexualtherapeut und sachter Missionar in Sachen Lust und Liebe.

Der Heinrich-Mann-Enkel sieht sich dabei durchaus in Nachfolge seines berühmten Großvaters. Als Kämpfer gegen die Doppelmoral. Als “Verehrer der Sexualität”, wie sein Vorfahre.

Nun sitze ich Saranam gegenüber. Auf dem Boden. Neben mir zwei Statuen indischer Gottheiten. Vor mir Saranam im Yogasitz, der mit sanfter Stimme einen Bogen spannt - von Adam’s erster Frau Lillith über Sigmund Freud bis hin zu Neurobiologie.

Denn die Geschichte des Sex ist lang. Und sie ist verquer. Denn wie wir Sex haben, entscheidet auch die Gesellschaft, in der wir leben. Und da läuft seit vielen Jahrtausenden aber auch heute noch selbst in aufgeklärten Demokratien immer noch einiges falsch, ist Saranam sicher.

Was machen die Deutschen falsch mit dem Sex?

Laut Saranam hat Sexualität sogar weltweit ein Problem. Warum? Die wenigsten Menschen sind wirklich orgasmusfähig, erleben ihre Lust also kaum ganzkörperlich. So ließe sich auch das volle kreative Potenzial nicht nutzen, welches eine einfühlsam vollzogene Sexualität für uns bereit hielte. Wir leiden nach wie vor unter der “Ursünde”, wie Saranam es nennt, haben Liebe und Sexualität getrennt.

“Wir vereinigen uns für 15 Minuten und nennen das Sex. Selbst ausgedehnter Sex ist für die meisten nur ein paar Stunden lang. Anhänger des Tantra hingegen experimentieren während speziell dafür reservierter Zeiträume auch bisweilen tagelang mit Sexualität”, erläutert er, “denn erst tiefe sexuelle Erlebnisse machen uns zu Liebenden.”

Bei tagelangem Sex begegnen sich Partner in Meditationen, tantrischen Übungen und Massagen. Zwischendurch wird kurz pausiert, um die Lust wieder anzuregen. Der Mann erreicht irgendwann ein "Orgasmus-Plateau" - fühlt sich orgiastisch, ohne zu einer Ejakulation zu kommen. Dazu kommt es oft erst, eben, nach Tagen.

Aber für die meisten, bedauert Saranam, sei Sexualität eher eine Art Arbeitsunfall, immer noch irgendwie sündenbehaftet, ein Akt um den man nicht herumkommt. Aus teils ganz pragmatischen Gründen.

Es gebe Forschung der modernen Neurobiologie, die zeigen könne, dass wir Sex immer noch mit Schuld und Schamgefühlen verknüpfen. Sex, so Saranam, werde nicht kultiviert. Im Gegenteil, er werde uns eher aufgezwungen. Mit allen Ungleichheiten, die gerade für Frauen noch immer dazu gehören. Denn was als sogenannte sexuelle Revolution der 68er daherkam, ist noch immer nicht eingelöst.

Es gibt in Deutschland mittlerweile Gesetze, die sich explizit auch mit der sexuellen Freiheit der Frau beschäftigen, wie etwa das Gesetz zur Strafbarkeit der Vergewaltigung in der Ehe. Aber Frauen werde nach wie vor sexuelle Offenheit stärker untersagt. Eine sexuell freizügig und lustvoll lebende Frau ist immer mehr Hure als Heilige. Diese alte Dichotomie sei noch lange nicht aufgelöst.

Wie können wir lustvoll lieben?

Sex ist Lebensfreude. Selbst ein One-Night-Stand, wünscht sich Saranam, sollte von Liebe durchdrungen sein. Selbst wenn man die Person nie wieder sieht: Es sollte mit Liebe geschehen.

Wir hingegen hätten “obenrum” und “untenrum” getrennt. Und Saranam möchte nicht weniger, als uns zeigen, wie wir wieder ganzheitlich lieben können.

Das liege auch am Kern unseres Problems mit der Sexualität. Wir hätten verlernt, sie schamlos zuzulassen. Sexuelle Bedürfnisse seien so wichtig wie Essen und Trinken.

Denn die während eines liebevollen Sexualakts in unserem Organismus ausgeschütteten Sexualhormone und Botenstoffe, das sei inzwischen einhellige Meinung der Neurowissenschaftler, machten körperlich, seelisch und geistig gesund.

Wir müssen also mehr Lust haben. Mehr Sex. Mehr Sex für Frieden. Denn wer lerne, sich liebevoll hinzugeben, der sei auch weniger aggressiv. Sex mache friedlich und kreativ. Die Deutschen sollten mehr Sex haben. Mit Liebe.

Dieser Text ist Teil der Reihe "Wie geht es uns?" Ein Jahr lang hat die Politik in Berlin, die Krise in Syrien und der Konflikt mit Moskau die Schlagzeilen beherrscht. Wie aber geht es Ende dieses irren Jahres den Menschen in Deutschland? Wie blicken die Menschen in unserem Land in die Zukunft? Das will die Huffington Post herausfinden - und hat alle Redakteure als Reporter durch das Land geschickt. Sie führen Interviews, besuchen Menschen denen sonst niemand zuhört - und berichten über Menschen, die dabei helfen, die größten Probleme zu lösen.

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