POLITIK
11/12/2015 02:17 CET | Aktualisiert 11/12/2015 04:45 CET

Sparwahn in deutschen Kliniken: "Der Pflegenotstand hat tödliche Folgen"

ullstein bild via Getty Images
70.000 Krankenschwestern fehlen in deutschen Kliniken

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Wer mit Elise Opitz* spricht, merkt schnell, dass sie ihrem Beruf noch immer gerne nachgeht. Die Patienten würden ihr viel zurückgeben, sagt die Krankenschwester: "Wenn ein zunächst schwer krankes Kind irgendwann die Klinik verlässt und beim Abschied lächelt, fühlt sich das gut an."

Seit Jahren arbeitet sie in einer Klinik im Großraum München. "Aber der Stress ist manchmal schon heftig", sagt die Frau und hält kurz inne. Meist sei ihre Station zwar ausreichend besetzt. Doch, wenn im Winter zu viele Kinder mit Infekten eingeliefert würden, gebe es oft große Probleme.

In der Nacht sei man nur zu zweit. Falls etwa ein Kind mit Behinderung oder einer schweren Vorerkrankung eingeliefert werde, dann sei die andere Kollegin für über ein Dutzend schwer kranker Kinder "quasi alleine verantwortlich", erzählt Opitz.

Höheres Risiko, die falschen Medikamente zu bekommen

Und das hat Folgen: So komme es häufig vor, dass ein Kind oder dessen Eltern den Notknopf drückten und dennoch erst einmal niemand komme. In der Hektik passiere es mitunter auch, dass Medikamente später verabreicht würden. Auch vergesse sie schon einmal, die Hände beim Verlassen des Zimmers gründlich zu säubern. Für geschwächte Immunsysteme von Kindern kann das gefährliche Folgen haben.

Niko Stumpfögger, Pflegeexperte bei Verdi, wundert das wenig: "Sehr viele Krankenpfleger und -schwestern klagen über die massiv gestiegene Arbeitsbelastung." Und das habe Folgen: "Das Risiko für das Personal, gefährliche Fehler zu begehen, steigt dadurch", erläutert der Gewerkschafter. Nachts sei es "die Regel, dass viele Stationen in den Kliniken extrem schlecht besetzt sind".

Einer Erhebung von Verdi von 2014 zufolge fehlen in Deutschlands Krankenhäusern rund 70.000 Pflegekräfte. In einer Umfrage des Deutschen-Krankenhaus-Instituts gab rund ein Drittel der Kliniken 2013 an, offene Stellen in der Pflege nicht besetzen zu können. Und viele andere Krankenhäuser versuchen es erst gar nicht.

Patienten müssen deshalb zunehmend länger warten. Stumpfögger analysiert: "Wenn eine Schwester für 20 Patienten zuständig ist und zwei Kranke gleichzeitig klingeln, kann nur einer versorgt werden." In einem Notfall, wie etwa bei einem Herzinfarkt, könne so wertvolle Zeit verloren gehen. Auch ein langjähriger Krankenpfleger berichtet: "Wenn zwei stürzen, bleibt einer liegen."

Laut einer europäischen Vergleichsstudie namens RN4Cast versorgt eine Pflegekraft in deutschen Kliniken im Schnitt mehr als zehn Patienten. In Schweden sind es dagegen nur sechs, in Holland fünf und in Norwegen nicht einmal vier. Selbst in Polen ist der Personalschlüssel besser als hierzulande.

Betrachtet man nur die ausgebildeten Krankenschwestern – also keine Pflegehelfer - ist Deutschland Verdi zufolge sogar "europäisches Schlusslicht".

Für die Kranken kann das lebensbedrohliche Folgen haben. So steigt Stumpfögger zufolge durch die Dauerüberlastung vieler Pfleger das Risiko, "dass Patienten die falschen Medikamente bekommen oder falsch gespritzt werden".

Eine Schwester für bis zu 70 Kranke

Es gehe "nicht nur um Einzelfälle". In vielen Krankenhäusern gebe es Probleme, heißt es bei Verdi. Im März befragte die Gewerkschaft Nachtschwestern in 237 deutschen Kliniken nach ihren Arbeitsbedingungen. Das Ergebnis: Viele Krankenhäuser seien "nachts zum Teil gefährlich unterbesetzt".

Auf mehr als der Hälfte der 2056 befragten Stationen habe nachts nur eine Fachkraft gearbeitet und im Schnitt alleine 25 Patienten versorgen müssen. Mitunter war eine einzige Mitarbeiterin sogar für rund 70 Kranke verantwortlich.

60 Prozent der Schwestern erlebten im vergangenen Monat gefährliche Situation für Patienten

"Die Sicherheit der Patienten und die Gesundheit der Beschäftigten sind gefährdet", schlug Verdi damals Alarm. Kein Wunder: Mehr als die Hälfte der befragten Krankenschwestern gab an, "oft bis manchmal die erforderlichen Leistungen bei der Versorgung der Patienten nicht erbringen zu können".

Besonders erschreckend. Gut 60 Prozent der Pfleger und Schwestern sagte, in den vergangenen vier Wochen hätte eine gefährliche Situation für die Patienten durch mehr Personal verhindert werden können. Sieben von zehn Befragten räumten ein, die Handdesinfektion werde bei den Nachtschichten vernachlässigt.

Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft, der die Träger der deutschen Kliniken, vertritt, weist die Kritik auf Anfrage der Huffington Post dagegen zurück: "Trotz der finanziell schwierigen Situation haben die Krankenhäuser in 99,9 Prozent aller mit Qualitätsindikatoren sowie im strukturierten Dialog überprüften Leistungen gute Qualität abgeliefert." Dies seien die Ergebnisse des Krankenhaus-Qualitätsreports 2014 durch das Aqua-Institut.

Schwerverletzte zu nächster Klinik geschickt

Kritiker bezweifeln solche Qualitätsreporte jedoch schon länger. Bereits 2007 kam eine repräsentative Studie des Deutschen Instituts für angewandte Pflegeforschung zu einem dramatischen Ergebnis. Nur ein Viertel der von den Forschern befragten Einrichtungen gab damals an, eine "engmaschige Kontrolle von Patienten, etwa nach einem operativen Eingriff, jederzeit gewährleisten zu können".

Untersuchungsleiter Frank Weidner resümierte damals: "Der Pflegenotstand hat tödliche Folgen." Bei nächtlichen Schlaganfällen und Herzinfarkten sei in manchen Kliniken nicht zu jeder Zeit kompetentes Personal für eine Sofortversorgung verfügbar.

Klar ist: Viele Krankenschwestern sind am Limit, der Anteil der an Burn-Out erkrankten Mitarbeiter in Spitälern ist besonders hoch. Kein Wunder - allein in den Unikliniken hatten sich zuletzt über zwei Millionen Überstunden angehäuft.

Eine Ursache für die Probleme sieht Stumpfögger im gängigen Abrechnungssystem: Klinken können durch die sogenannten Fallpauschalen nur eine bestimmte Summe abrechnen, egal wie kompliziert oder langwierig eine Behandlung am Ende tatsächlich ist.

In großen Städten komme es deshalb vor, dass Kliniken Krankenwagen mit für sie nicht lukrativen Patienten schlicht zum nächsten Krankenhaus geschickt werden, weil es sich deren Behandlung für die Klinik nicht lohne, so der Verdi-Mann: "Etwa, wenn der Rettungswagen ein Opfer eines schweren Motorradunfalls mit komplizierten Knochenbrüchen einliefern will."

Bei Verdi geht man davon aus, dass die Bundesländer, die für die Bausubstanz der Spitäler verantwortlich sind, jedes Jahr vier bis fünf Milliarden Euro zu wenig an die Kliniken überweisen. Das Geld sparten die Krankenhäuser am Ende oft beim Personal ein. Würden die Länder ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen, könnte genug Personal eingestellt werden, glaubt Stumpfögger.

Pro Zimmer nur drei Minuten zum Putzen

So aber sparen die zahlengetriebenen Klinikmanager selbst bei der Hygiene. Es gebe Kliniken, da habe die Putzkraft gerade einmal drei Minuten zum Saubermachen eines Zimmers, so Stumpfögger. Dabei ist nach Ansicht von Medizinern die Hygiene gerade in Kliniken in Zeiten multiresistenter Erreger besonders wichtig.

In Deutschland infizieren sich jährlich eine Million Menschen mit Krankenhauskeimen. Immer öfter helfen den Betroffenen auch keine Antibiotika mehr – resistente Killer-Bakterien fordern zehntausende Tote jährlich.

Zahlreiche Tote wären durch bessere Hygienemaßnahmen insbesondere beim Pflegepersonal zu vermeiden. Auch viele Krankenschwestern wissen das. Aber die Politik reagiert bislang nur unzureichend auf den Kliniknotstand, bewilligt zu wenige Gelder.

Kinderkrankenschwester Opitz glaubt den Grund dafür zu kennen: "Wir arbeiten halt mit Menschen und nicht mit Autos."

* Name geändert

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